Mauerfall

Als die Mauer fiel - die Chronik des 9. November 1989

Feiern auf dem "antifaschistischen Schutzwall": Bis zum 9. November 1989 war das undenkbar. Dann wurde alles anders.

Feiern auf dem "antifaschistischen Schutzwall": Bis zum 9. November 1989 war das undenkbar. Dann wurde alles anders.

Foto: dpa

Berlin.  Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war der Weg frei zur deutschen Wiedervereinigung. Weder Wall, noch Stacheldraht trennten fortan Ost und West. 25 Jahre später lassen wir den Tag Revue passieren, an dem wenige Worte große Wirkung hatten. Eine Chronik.

Vielen Deutschen erscheint im Herbst 1989 die Berliner Mauer steinalt. Sie steht schon 10.000 Tage. 86 Menschen, vielleicht mehr sind seit dem Baubeginn am 13. August 1961 ermordet worden, weil sie versuchten, den 46 Kilometer langen Wall quer durch die alte Reichshauptstadt zu überwinden.

Noch tödlicher sind die 1400 Kilometer Stacheldraht, die Deutschland und die Welt in Ost und West spalten. Erst Anfang des Jahres wurde der junge Chris Geoffroy Opfer des Schießbefehls. Schon planen die Technologen in Ost-Berlin die „Grenze der Zukunft“. Eine, die Flüchtende mit Vibrations-Sensoren erfassen soll.

Doch in diesen Herbsttagen kommt alles ins Rutschen. Die Flucht über die Nachbarländer der DDR ist möglich geworden. Der Dresdner Stasi-General Horst Böhm hat schon am 4. November für seinen Bezirk die Order gegeben, Flüchtlinge nicht mehr aufzuhalten. Am Wochenende des 5. November sind alleine 26.000 Menschen über die CSSR ins Bundesgebiet ausgereist. Die DDR-Führung weiß: Sie muss handeln. Egon Krenz, der Staatsratsvorsitzende, will an diesem Donnerstag, dem 9. November, etwas Druck herausnehmen.

Der Morgen - Grübeln über eine neue Ausreiseregelung

9 Uhr, Ost-Berlin: Über der Stadt zieht kaltes, trockenes Wetter herauf. Vier Männer, die Generale Lauter und Hubrich als Chefs der Passabteilung des DDR-Innenministeriums und die Stasi-Obristen Lemme und Krüger sitzen im Ministeriumsgebäude in der Mauerstraße. Ihr Auftrag: Eine Ausreiseregelung für die zu entwerfen, die über die Tschechoslowakei „ständig“, also ohne Rückkehr, das Land verlassen wollen. Der DDR-Ministerrat, der die Querulanten loswerden will, will das Papier schon nachmittags verabschieden. Die Reiseregelung ist zwar vorher offiziell angekündigt worden. Aber es verbleibt sehr wenig Zeit für ein so kompliziertes Vorhaben.

9 Uhr, Bonn: Auch im Rheinischen beginnt der Morgen kühl und grau. Die Schlagzeilen der Zeitungen erzählen vom Rücktritt des SED-Politbüros am Vortag und vom „Bericht zur Lage der Nation“ im Wasserwerk des Bundestages, das bis zur Fertigstellung eines neuen Plenarsaals als Ersatz dient. „Niemals zuvor hat die Aussprache in einer Zeit solcher Dramatik und solcher historischen Perspektiven stattgefunden“, hatte Hans-Dietrich Genscher (FDP), der Außenminister, gesagt. Genscher wird gleich mit Kanzler Helmut Kohl (CDU) nach Warschau fliegen. Die Polen wollen Klartext zur Anerkennung ihrer Westgrenze hören und fordern Entschädigungen für die Zwangsarbeit von Polen in der Nazi-Zeit. Kohl will das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz besuchen. Vorher trifft er Lech Walesa, die Solidarnosc-Legende.

11 Uhr, Bonn: Innerhalb der letzten 24 Stunden sind in Bayern 11 000 Menschen angekommen. Bundesweit gibt es 140 Auffanglager für die 120 000 DDR-Flüchtlinge seit September. Der FDP-Abgeordnete Josef Grünbeck schlägt deshalb vor, DDR-Übersiedler sollten ihre „Trabis“ in die DDR zurückverkaufen. Dort brauche man Ersatzteile - und die Übersiedler erhielten ein gutes Startkapital.

11 Uhr, Ost-Berlin: Das Quartett in der Mauerstraße hat, entgegen dem Auftrag, auch eine Regelung für „Besuchsreisen“ in den Westen in den Text geschrieben. Sie schicken zwei Kuriere ins ZK-Gebäude am Werderschen Markt und in den Ministerrat. Wolfgang Herger drückt im neunköpfigen Zentralkomitee dem Staatsratsvorsitzenden den Text in die Hand.

11.30 Uhr, Poona: Inzwischen schaut die Welt auf die Entwicklung in Deutschland. Shree Rainesh Bagwan, der Sekten-Guru in Indien, erklärt, er könne die DDR retten und sie zu einem Paradies machen. Wenn alle Bürger das Land verließen, werde er mit seiner Sekte dort eine internationale Kommune aufbauen. „Die Sannyasins werden das Vakuum füllen“.Südafrika wirbt unterdessen um DDR-Übersiedler. Man brauche Arbeitskräfte.

12 Uhr, Ost-Berlin: Raucherpause im ZK. Krenz trägt einigen Kollegen die Sache mit der Reiseregelung vor. Er macht das beiläufig. Man hat Wichtigeres zu tun. Die Führung ist von den „Perestroikisten“ unter Ex-Stasi-General Mischa Wolf kritisiert worden. Es geht auch um die marode Wirtschaft. Volkswirtschaftler der Staatssicherheit erwarten die Insolvenz des Landes spätestens für den Herbst 1990. ZK-Mitglieder Hans Modrow kriegt in der Raucherecke etwas von „Ausreise“ mit. Er geht davon aus, dass alles schon „geordnet“ abläuft.

Der Mittag - der Flucht-Druck auf die Bundesrepublik steigt 

14.30 Uhr, Bonn: Der Flucht-Druck auf die Bundesrepublik wird massiv. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ruft die DDR-Bürger auf, sich die Ausreise „sorgfältig zu überlegen“. Sie müssten im Westen in beengten Wohnverhältnissen leben, warnt er. Aber nach wie vor werde jeder aufgenommen. Im Gegensatz dazu hatte am Morgen der SPD-OB von Hannover, Herbert Schmalstieg, einen Einreisestopp für DDR-Bürger verlangt.

15 Uhr, Ost-Berlin: Krenz trifft den nordrhein-westfälischen SPD- Ministerpräsidenten Johannes Rau, der auf dem Weg nach Leipzig ist. Dort findet die NRW-Ausstellung „Zeitzeichen“ statt. Rau soll sie eröffnen. Man redet über die Lage. Krenz schweigt offenbar zu Details der Reiseregelung. Journalisten gegenüber sagen beide später allgemein, man habe über die Regelung gesprochen.

16 Uhr, Ost-Berlin: Staatsratschef Krenz informiert das komplette ZK über das Papier „zur Frage der Ausreisen“. Nach wenigen unerheblichen Wortmeldungen fragt er: „Einverstanden, Genossen?“ „Ja“, rufen die. „Gut, danke schön“. Die Sitzung geht weiter, und nach 17 Uhr gibt Krenz den Beschluss dem tags zuvor ernannten ZK-Sprecher Günter Schabowski. Der war beim Beschluss vor der Türe. Er kennt den Inhalt nicht. Schabowski steckt den Zettel zu den Unterlagen für eine Pressekonferenz. Sie ist um 18 Uhr in der Mohrenstraße angesetzt.

17.40 Uhr: Schnaittenbach. In der Oberpfalz rast der erste Trabi, motorisiert mit 26 PS, mit Tempo 100 innerorts in die Radarfalle. Weil Bayerns Polizei an die DDR-Fahrerkartei nicht herankommt, kann sie den Halter nicht ermitteln. Für formale Amtshilfe scheint der Tag verfehlt, zeigt sich wenig später.

Früher Abend - Schabowskis Pressekonferenz 

17 Uhr, Warschau: Helmut Kohl und Lech Walesa sprechen miteinander. Walesa äußert sich über die Lage in Deutschland. Wie der Kanzler reagieren würde, wenn „in ein oder zwei Wochen die Mauer fällt“, fragt der Solidarnosc-Führer sein Gegenüber. Kohl sagt, das werde absehbar nicht so sein.

18 Uhr, Ost-Berlin: Im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße beginnt die Pressekonferenz des ZK-Sprechers Günter Schabowski. Sie wird vom DDR-Fernsehen übertragen. Er redet die anwesenden Journalisten mit „Genossen“ an, obwohl zahlreiche Ausländer zuhören. Schabowski wird unter anderem gefragt, warum er als Chefredakteur der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ in einer einzigen Ausgabe 43 Mal das Bild von Erich Honecker gedruckt habe. Schabowski sagt, heute seien alle klüger.

"Privatreisen nach dem Ausland ... ohne Vorliegen von Voraussetzungen"

Gegen 18.45 Uhr, Ost-Berlin: Vor Ende der Pressekonferenz meldet sich ein Ricardo Ehrman. „Ich vertrete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war eine große Fehler, diese Reisegesetzentwurf, das Sie haben vorgestellt vor wenigen Tagen?“. Schabowski sucht im Stapel den Reisegesetz-Zettel, den Krenz ihm zugesteckt hat. „Es ist heute eine Entscheidung getroffen worden, so viel ich weiß“, sagt er. Dann liest er mit vielen Äh’s den amtlich-hölzernen, aber bald historischen Text vor, den er bis zu diesem Zeitpunkt nie gesehen hat: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Berliner Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen“.

Gegen 19 Uhr, Ost-Berlin: Es kommen zwei Nachfragen. „Ab wann?“ Und: „Wann tritt das in Kraft?“ Bis heute ist strittig, ob sie von Ehrman selbst, dem Bild-Reporter Peter Brinkmann oder dem Journalisten Ralph T. Niemeyer gestellt werden, der später die Kommunistin Sahra Wagenknecht heiraten wird. Schabowski sagt: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“. Der Satz ist ein Zündfunke. Denn eigentlich soll die Regelung erst am Freitag, dem 10. November, in Kraft treten.

20 Uhr - die "Tagesschau" meldet, "die DDR öffnet die Grenze" 

19.04 Uhr, Ost-Berlin: Die Deutsche Presseagentur dpa meldet: „Von sofort an können DDR-Bürger direkt über alle Grenzübergänge zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen. Dies teilte SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin mit“. Es sei die Übergangsregelung bis zum Inkrafttreten des neuen Reisegesetzes.

19.45 Uhr, Bonn: Der Bundestag berät das neue Steuergesetz für Vereine. Der Abgeordnete Karl-Heinz Spilker von der CDU unterbricht und liest die Agenturmeldung vor. Das ganze Parlament klatscht. Die Abgeordneten singen das Deutschlandlied. Auch die Grünen stehen auf und singen mit. Willy Brandt, 1961 Berlins Regierender zur Zeit des Mauerbaus und später der Kanzler der Ostpolitik, geht auf den Flur. Er hat Tränen in den Augen. Die SPD- Abgeordnete Liesel Hartenstein nimmt ihn in den Arm. „Das musste ich tun“, sagt sie später.

19.45 Uhr, West-Berlin: Der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD) erklärt im Sender Freies Berlin: „Alle DDR-Bürger können zu uns kommen und uns besuchen“.

20.00 Uhr, Hamburg: Millionen Deutsche in Ost und West sehen die Aufmachermeldung der Tagesschau der ARD: Die DDR öffnet die Grenze.

20.45 Uhr, Ost-Berlin: Tausend Ost-Berliner stehen vor dem Grenzposten an der Bornholmer Straße, wo die Mietskasernen dicht heranreichen. Der diensthabende Offizier, Oberstleutnant Harald Jäger, ist hilflos. Dann versammeln sich Menschen auch an den Übergängen Heinrich-Heine-Straße und Invalidenstraße nahe dem heutigen Hauptbahnhof. Sie wollen den Westteil besuchen. Die Grenzpolizisten schicken alle mangels anderer Weisung zurück. Sie sollen morgen wiederkommen.

20.45 Uhr, Warschau: Das polnische Staatsbankett zu Ehren des deutschen Kanzlers ist beendet. Staatssekretär Johnny Klein berichtet Helmut Kohl über die Ereignisse in Berlin und dass der Bundestag die Nationalhymne gesungen hat. Wenige Minuten später telefoniert der Regierungschef mit seinem engsten Berater Eduard Ackermann in Bonn. „Herr Bundeskanzler, im Augenblick fällt gerade die Mauer“, ruft Ackermann. „Sind Sie sicher?“, fragt Kohl. „ja“, sagt Ackermann. Nach eigenen Worten verschlägt es Kohl die Sprache.

20.45 Uhr, Ost-Berlin: Die Sitzung des ZK ist zu Ende. Aber auf der Etage gibt es weder Fernsehgeräte noch Telefon. Die Mitglieder der obersten DDR-Führungsgremien haben keine Ahnung, was gerade draußen abgeht. Einige fahren nach Hause.

Früher Nachmittag, Ortszeit US-Ostküste: Das Weiße Haus spricht von einer „positiven Entwicklung“ in Europa. US-Kongresspolitiker erklären weniger diplomatisch, jenseits des Atlantiks zeichneten sich „dramatische“ Dinge ab. „Atemberaubend“, sagt der Abgeordnete Robert Dole.

Der Abend - erste Ausreisen an der Bornholmer Straße 

21.50 Uhr, Ost-Berlin: Die Verantwortlichen der Staatssicherheit erfassen, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte. Sie entscheiden, die drängenden Bürger an der Bornholmer Straße sofort nach West-Berlin ausreisen zu lassen – allerdings mit einem Stempel im Pass, der eine Wiedereinreise unmöglich machen soll.

22 Uhr, Ost-Berlin: Stasi-Chef Erich Mielke unterrichtet Egon Krenz über die Situation an den Grenzen in der Stadt. Krenz sagt, man müsse „den Dingen freien Lauf lassen“. Einen weiteren Befehl gibt er nicht.

22.20 Uhr, West-Berlin: Im Rathaus Schöneberg kommt der Berliner Senat zusammen. Auf der Tagesordnung steht eine Frage: Was tun wir jetzt?

22.32 Uhr, Hamburg: Der Chefmoderator der ARD-Tagesthemen, Hans-Joachim Friedrichs, greift in der Anmoderation den Ereignissen voraus. Ost- und West-Deutschland hören ihm gebannt zu, als er sagt: „Mit historischen Dimensionen soll man vorsichtig sein. Aber dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jeden geöffnet sind“. Und dann der entscheidende Satz: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“.

23 Uhr, Ost-Berlin: Das ist noch gar nicht so. Aber die Anmoderation von Friedrichs wirkt als geschichtlicher Brandbeschleuniger. Jetzt ziehen die Ost-Berliner in Massen zu den Übergängen, aber auch zum Brandenburger Tor, dem symbolischen Ort der Stadt, wo es gar keinen Übergang gibt. Oberstleutnant Jäger an der Bornholmer Straße versucht, seine Chefs zu erreichen. Vergeblich.

Die Nacht - die Grenzen sind offen

23.30 Uhr: „Aufmachen“, drängen Tausende an der Bornholmer. Jäger, mit seinen wenigen Bewaffneten hoffnungslos in der Unterzahl und ohne jeden Befehl, beschließt, angesichts der Lage den Übergang zu öffnen. "Wir fluten." Die Massen strömen nach West-Berlin, wo sie jubelnd empfangen werden. Wie Dominosteine fallen in den Stunden danach die anderen Übergänge.

10. November, 01.00 Uhr früh, Pariser Platz: Ost- und West-Berliner hämmern auf das Sperrwerk ein, klettern auf die Mauer am Brandenburger Tor. Sie singen und tanzen in den ersten frühen Morgen des nicht mehr durch Mauer und Stacheldraht geteilten Landes.

Leserkommentare (5) Kommentar schreiben