Therapiehunde

Wie Hunde Schülern in Bad Berleburg Empathie vermitteln

Nicht nur spazieren gehen, sondern auch kuscheln ist erlaubt.

Nicht nur spazieren gehen, sondern auch kuscheln ist erlaubt.

Foto: Britta Prasse

Bad Berleburg.  Seit diesem Schuljahr gibt es eine Hunde-AG an der Realschule Bad Berleburg. Sowohl Kinder als auch Hunde lernen ein respektvolles Miteinander.

Rudi ist der kleinste von allen, erregt aber die meiste Aufmerksamkeit. „Denkt dran, nur zwei Kinder an einen Hund!“, ruft Bente Wied in das aufgeregte Gewusel. Sofort ziehen sich ein paar Hände zurück, der Blick bleibt trotzdem an dem leicht zitternden Rudi kleben, dem die Winterkälte mehr auszumachen scheint als seinen Spielkameraden. Jeder möchte mal das kleine Chihuahua-Fellknäuel streicheln. „Der ist so süß!“, findet Louisa. Sie wartet aber, bis die anderen fertig sind mit Streicheln. Das haben die Schüler bereits in der Hunde-AG gelernt: Wenn alle auf einmal den Hund anfassen wollen, ihn vielleicht sogar von hinten anpacken oder am Fell ziehen, ist das purer Stress für den Hund. Und weder Mensch noch Hund empfinden Stress als angenehm.

Pilotprojekt, das die Kommunikation verbessern soll

Seit diesem Schuljahr gibt es das Pilotprojekt der Hunde-AG an der Realschule in Bad Berleburg, das im Rahmen des Nachmittagsangebots stattfindet. Alle 14 Tage kommen die zertifizierten Hundetrainerinnen Bente Wied und Karin Noll mit ihren zum Großteil bereits ausgebildeten Therapiehunden an die Schule. „Die Schüler freuen sich schon immer auf die Hunde-Stunde und sind ganz motiviert mitzumachen“, sagt Dinah Holzapfel-Richter, die an der Realschule Mathematik und Erdkunde unterrichtet. Sie hat das Pilotprojekt ins Leben gerufen, um Empathie, Kommunikation und Respekt zwischen Mensch und Tier zu fördern. Und was zwischen Mensch und Tier funktioniert, kann auch zwischen Mensch und Mensch funktionieren.

Plötzlich fängt Pandora an zu winseln. Es wird ganz still in der Gruppe, erschrocken drehen sich die Kinder zu Pandora um, die ein wenig humpelt. Bente Wied hebt die Chihuahua-Dame behutsam hoch und streicht ihr über die Pfote. Offensichtlich ist Pandora beim Toben mit den anderen Hunden kurz umgeknickt – diesen Schreck muss sie natürlich erst mal lautstark mitteilen. „Da ist nichts“, beruhigt Bente Pandora, vor allem aber auch die umstehenden Kinder. „Die ist auch ein bisschen theatralisch. So wie die Profi-Fußballer. Die müssen sich auch erst mal hinlegen und darauf aufmerksam machen, dass sie sich etwas getan haben“, erklärt Bente und lacht. Nachdem Pandora als Leckerli etwas Leberwurst aus der Tube bekommen hat, kann sie auch wieder quietschfidel über die Wiese rennen.

Aragon fällt vor allem mit seinem dichten, langen und flauschigem Fell und seiner spitzen Nase auf. Die Kinder wuscheln gerne durch sein kuscheliges Fell. Der Collie-Rüde von Dinah Holzapfel-Richter ist mittlerweile zweieinhalb Jahre alt. Seitdem er drei Monate alt ist, besucht er die Hundeschule von Bente Wied und Karin Noll, seit Mai dieses Jahres befindet er sich sogar in der Therapiehundeausbildung. Dinah Holzapfel-Richter kennt die Arbeit der Hundetrainerinnen also schon seit mehreren Jahren – und dachte sich, dass auch die Kinder von dem Einsatz der Hunde in der Schule profitieren könnten.

Kinder mit Förderbedarf und Migrationshintergrund

Die Grundsatzidee: Alle Kinder der Jahrgangsstufe 5 und 6 – auch die mit Förderbedarf oder Migrationshintergrund – sollen die Chance bekommen, mit einem unvoreingenommenen Lebewesen in Kontakt zu kommen. „Bisher haben wir mit der AG sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Schulleiter Manfred Müller. „Die Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen und bei dem einen oder anderen Schüler merken wir förmlich, wie er aus sich herauskommt.“ Einige Kinder fangen auf einmal an zu reden, obwohl sie sonst sehr still sind; andere Kinder, die sonst sehr aufgedreht sind, werden plötzlich gelassener. Und das alles spielerisch und ohne Druck.

Absprachen spielerisch lernen

Lilo steht in der Mitte des Kreises, den die Kinder um sie gebildet haben, und wartet mit wedelndem Schwanz auf ihren Einsatz. Nacheinander sollen die Schüler nach der Basset-Dame rufen, damit sie sich ihre Leckerlis abholen kann. Das heißt, dass sich die Kinder untereinander absprechen müssen – am besten mit Gestik und Mimik –, damit Lilo weiß, wohin sie als nächstes hinlaufen soll. „Lilo!“ – „Lilo!“ – „Lilo!“ – Jeder möchte Lilo gerne füttern und das am liebsten sofort. Aber Ungeduld wird nicht belohnt. „Schaut mal, sie weiß ja jetzt gar nicht, was sie machen soll“, sagt Dinah Holzapfel-Richter und zeigt auf Lilo, die auf der Stelle herumtapst und immer wieder nach links und rechts schaut. Die Schüler merken, dass sie so ihre Leckerlis nicht losbekommen und fangen an, sich mit Blicken oder Handzeichen zu signalisieren, wer als nächstes mit dem Füttern dran ist. Es klappt! Lilo kaut sehr zufrieden an ihrem Snack. Endlich.

Nach knapp zwei Stunden fahren Bente Wied und Karin Noll mit ihren Hunden wieder nach Hause. „Die sind jetzt auch platt“, meint Karin und lobt Lilo für ihre tolle Arbeit. Vor allem Rudi scheint wirklich nach Hause zu wollen, trotz seines übergezogenen Wollmäntelchens zittert er. In zwei Wochen kommen er, seine Spielkameraden, Bente und Karin wieder. Die Schüler freuen sich schon drauf.

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