Pillen-Komplikation

Thrombose im Hirn - Pille ließ Katrin Krämer fast erblinden

Bei Katrin Krämer wird im Alter von 30 Jahren eine Sinusvenenthrombose im Gehirn festgestellt. 

Bei Katrin Krämer wird im Alter von 30 Jahren eine Sinusvenenthrombose im Gehirn festgestellt. 

Foto: Privat

Raumland/Berghausen.  Bei Katrin Krämer wird im Alter von 30 Jahren eine Thrombose im Gehirn festgestellt. Heute ist sie schwerbehindert und kann nicht mehr arbeiten.

Ein ebenmäßigeres Hautbild und vollere Haare. Mädchen und junge Frauen sind anfällig für derartige Schönheitsideale. Auch Katrin Krämer hatte davon gehört, dass diese Veränderungen ein positiver Nebeneffekt der Pille sind. Als sie 20 Jahre alt ist, lässt sie sich zum ersten Mal das Verhütungsmittel von ihrem Frauenarzt verschreiben. Zehn Jahre später wird bei ihr eine Sinusvenenthrombose im Gehirn festgestellt, die sie fast erblinden lässt. Heute ist Katrin Krämer 32 Jahre alt, schwerbehindert und wartet darauf, dass ihr Antrag für Erwerbsminderungsrente genehmigt wird.

„Junge Mädchen machen sich einfach keine Gedanken darüber, wie gefährlich die Pille tatsächlich sein kann“, sagt Krämer. Sie selbst habe es ja auch nicht getan. Ihr Frauenarzt habe zwar das erhöhte Thrombose-Risiko angesprochen, auch weil Krämer Gelegenheitsraucherin ist, aber bei einem Hinweis sei es dann auch geblieben. Andere Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen seien bei der Beratung nicht angesprochen worden. Insgesamt muss Krämer zweimal die Pille wechseln, weil die Präparate bei ihr Übelkeit und Schwindel auslösten.

Die dritte verschreibungspflichtige Pille ist eine Minipille, die sie durchgängig nimmt, so dass die monatliche Blutung ausbleibt. Die scheint sie ganz gut zu vertragen. Bis im Oktober 2017 die ersten Beschwerden auftreten, die sie sich zunächst nicht erklären kann.

Die Symptome

„Ich hatte durchgehend Kopfschmerzen, die ich so noch nicht kannte. Ich habe einen Druck im ganzen Kopf gespürt“, erzählt Krämer. Dazu kommen die Sehstörungen, gerade abends beim Autofahren nimmt sie ihr Umfeld nur noch verschwommen wahr. Bei der Arbeit erlebt sie schließlich einen Schlüsselmoment: „Ich habe in der Altenpflege gearbeitet und war gerade dabei, einen Patienten zu waschen. Da habe ich gemerkt, wie unorganisiert ich war. Ich wusste nicht mehr, welcher Schritt als nächstes kam und was ich schon gemacht hatte. Es war wie ein Blackout.“ Krämer bekommt Angst. Davor, was mit ihr nicht stimmt. Davor, dass sie einen Fehler machen könnte, den sie sich bei ihren Patienten nicht erlauben kann.

Die Diagnose

Anfang Dezember geht Krämer schließlich zur Augenärztin, die bei ihr eine Gesichtsfeld-Untersuchung durchführt. Dabei stellt sich heraus, dass ihr Sehvermögen mittlerweile so eingeschränkt ist, dass sie ihre Umwelt quasi nur noch durch einen „Tunnelblick“ wahrnimmt. Und noch etwas fällt der Augenärztin auf: Krämers Hirndruck ist zu hoch. Dadurch wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt. Krämer bekommt noch in der Augenarzt-Praxis ein Medikament verabreicht, das den Hirndruck senken soll, eine Art „Entwässerungstablette“ für das Gehirn. Gleichzeitig wird Krämer eine Überweisung an die Uniklinik Marburg ausgestellt, um dort die Ursache für den erhöhten Hirndruck abzuklären.

MRT und eine Nervenwasseruntersuchung bringen schließlich Gewissheit: In Krämers Kopf hat sich ein Blutgerinnsel gebildet, eine sogenannte Sinusvenenthrombose. Wenn diese nicht behandelt wird, kann das Gerinnsel von der Venenwand abreißen, über den Blutkreislauf in die Lunge geraten, dort schließlich eine Lungenembolie verursachen. Und diese endet in etwa jedem zehnten Fall tödlich. Als eine Ursache für die Thrombose wird eine „hormonelle Kontrazeption“ angegeben.

Noch in der Klinik wird Krämer auf Marcumar eingestellt, um die Blutgerinnung zu hemmen. Eine Operation wäre in ihrem Fall zu riskant gewesen. Nach einem halben Jahr kann sie das Marcumar absetzen, wenig später auch das Medikament gegen den erhöhten Hirndruck. „Mittlerweile ist das Gerinnsel wohl so verkapselt, dass es so gut wie unwahrscheinlich ist, dass es eine Embolie auslöst“, so Krämer. Doch die Zeiten des Hoffens und Bangens, dass wirklich nichts Schlimmeres passiert, haben Spuren hinterlassen. „Angst ist für mich ein ständiger Begleiter“, sagt Krämer.

Die Langzeitfolgen

Seit mittlerweile zwei Jahren hat Krämer immer mal wieder Ausfälle im Kurzzeitgedächtnis, dazu kommen Einschränkungen in ihrer Aufmerksamkeit und eine verlangsamte Reaktionszeit. Alltägliche Aufgaben wie zum Beispiel im Haushalt erschöpfen sie sehr schnell. Sie kann auch nicht mehr in ihrem alten Job als Altenpflegerin arbeiten. „Auch wenn ich es wirklich gerne gemacht habe. Aber ich schaffe es einfach nicht mehr. Ich bin nicht mehr belastbar“, erzählt Krämer. Ihr Sehvermögen hat sich mittlerweile zwar verbessert, aber die Ärzte machen ihr wenig Hoffnung, dass es vollständig zurückkommt. Sie kann nicht mehr Auto fahren – zu groß ist die Angst, dass etwas passieren könnte. Später verkauft sie ihr Auto und gibt damit auch ein Stück Freiheit auf.

Ein Strudel aus Angst, Erschöpfung, Arbeitslosigkeit und dem Gefühl, keinen Ausweg aus der festgefahrenen Situation zu finden, treibt Krämer schließlich in eine Angststörung und Depression. Verstecken möchte sie sich deswegen nicht. Sie begibt sich in psychotherapeutische Behandlung, um zu lernen, mit ihrer neuen Lebenssituation umzugehen. Auch das Gespräch mit der Reporterin, der Weg an die Öffentlichkeit, ist Teil der Therapie. „Für mich hat sich das Leben zwar verändert, aber ich möchte weitermachen“, sagt Krämer. Ihr Motto: „Sei die Heldin deines Lebens, nicht das Opfer.“

Die Warnung

In einem Gutachten der Bundesagentur für Arbeit wird Krämer eine „dauerhafte Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit“ bescheinigt. Der­zeit lebt die 32-Jährige von Arbeitslosengeld I, das sind knapp 900 Euro im Monat. Um nicht in Hartz IV abzurutschen, hat sie vor rund sechs Wochen einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt. Papierkram, mit dem sich Menschen in ihrem Alter noch nicht auseinandersetzen sollten.

Natürlich hat sich Krämer immer wieder eine Frage gestellt: „Was wäre, wenn ich nie zur Pille gegriffen hätte?“ Eine Frage, die niemand beantworten kann. Aber Krämer möchte, dass ihre Geschichte gehört wird. „Um davor zu warnen, wie gefährlich die Pille tatsächlich sein kann.“

>>> „DAS AM BESTEN UNTERSUCHTE MEDIKAMENT“

Die Pille ist die am häufigsten verwendete Methode zur Verhütung einer Schwangerschaft. Doch die Einnahme kann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Dr. Dr. Hans-Jürgen Bickmann führt eine Praxis in Siegen und ist Bezirksvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte.

Wie hoch ist das Risiko einer Thrombose?

Das Risiko liegt bei ein bis zwei Prozent. Mögliche Folgen können Bettlägerigkeit, ein Leben im Rollstuhl oder auch der Tod sein.

Welche Nebenwirkungen sind verbreitet?

Es kann zu Blutungsstörungen, Unverträglichkeiten, Bauchschmerzen und Übelkeit kommen. Da der eigene Östrogenspiegel gesenkt wird und dadurch der Appetit steigt, kann auch eine Gewichtszunahme erfolgen. Auch das Allgemeinbefinden kann beeinflusst werden, es können Kopfschmerzen oder Depressionen auftreten. Und auch die Libido kann sich verändern.

Welche Faktoren beeinflussen die Wirkung der Pille und die Nebenwirkungen?

Ko-Medikationen wie die Einnahme von Johanniskraut oder eine antibiotische Medikation machen die Pille unwirksam. Das Einnehmen der Pille in Verbindung mit Rauchen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Thrombose. Zudem ist auch das Brustkrebsrisiko in dieser Kombination erhöht.

Entscheiden sich junge Frauen vermehrt gegen die Pille?

Die Pille ist das am besten untersuchte Medikament. Fälle, die zu Thrombosen führen und über die in der Öffentlichkeit berichtet wird, erhöhen­ das Misstrauen. Alternativ greifen die Frauen dann auf andere Verhütungsmittel zurück, wie die Kupferspirale oder Kondome.

(Die Fragen stellte Carolin Meffert)

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