Neues Buch

Wittener VHS bringt Festschrift zum 100. Geburtstag heraus

„100 Jahre VHS“: Für die Festschrift mussten viele Akten gewälzt werden. Über das Ergebnis, das die Wittener VHS-Chefin Bettina Sommerbauer (r.) in Händen hält, freuen sich auch (v.l.) Grafikdesignerin Anne Maier, Historiker und Autor Dietrich Thier sowie Lektor Heiner Knährich.

„100 Jahre VHS“: Für die Festschrift mussten viele Akten gewälzt werden. Über das Ergebnis, das die Wittener VHS-Chefin Bettina Sommerbauer (r.) in Händen hält, freuen sich auch (v.l.) Grafikdesignerin Anne Maier, Historiker und Autor Dietrich Thier sowie Lektor Heiner Knährich.

Foto: Barbara Zabka / FUNKE Foto Services

Witten/Wetter/Herdecke.  Passend zum Jubiläum der VHS Witten-Wetter-Herdecke erscheint ein Buch. Es will nicht bloße Chronik sein, sondern unterhaltsame Lektüre für alle.

100 Jahre VHS – da ist es mit einer großen Geburtstagsfeier nicht getan. Pünktlich zum Jubiläum erscheint ein Buch, das mehr sein will als bloße Festschrift: ein Werk, das Lust aufs Durchblättern macht und in dem die Leser sich wiederfinden – ob als Teilnehmer, Mitarbeiter oder Dozenten. Das jedenfalls wünscht sich VHS-Direktorin Bettina Sommerbauer.

Die 50-Jährige hat das knapp 300 Seiten starke Buch nicht selbst geschrieben, sondern nur herausgegeben. Denn ihr war klar: „Dafür braucht man einen Historiker.“ Den hatte sie schnell in Dietrich Thier (66) gefunden, der bis 2018 das EN-Kreisarchiv leitete. Für die Gestaltung wiederum holte Sommerbauer Haus- und Hof-Grafikdesignerin Anne Maier (40) mit ins Boot. Die ist bekannt für ihre knallbunten Cover der Programmhefte. Sie hat dafür gesorgt, dass die Festschrift rein optisch keine Textwüste ist, sondern mit blauem, schwarzem und magentafarbenem Schriftbild sowie Fotos und Randbemerkungen ein wenig Abwechslung fürs Auge bietet. Da verwundert zunächst das Titelbild des Buches.

Die VHS-Chefin selbst hat den Umschlag des Buches gestaltet

Darum hätten sie beide auch „bis aufs Blut gestritten“, wie Sommerbauer und Maier mit einem Augenzwinkern gestehen. Dunkelbraun ist das Cover der Festschrift. Es zeigt eine alte Maschine mit kupfern glänzenden Rädern und unterschiedlichen Funktionen, die ineinander greifen und funktionieren. Für sie sei es das passende Sinnbild für das Konstrukt VHS, sagt die VHS-Chefin. Sie zeichnet deshalb auch selbst für die eher konservativere, aber durchaus edle Umschlaggestaltung verantwortlich. „Außerdem“, sagt sie, „kommt es ja auf den Inhalt an.“

Der ist nicht als durchgehender Text gehalten, sondern will eine Montage sein. Chronologisch zwar, doch mit wechselnden Formaten. Los geht es etwa mit dem „Fast Forward“, in dem Bettina Sommerbauer (ganz kam sie ums Schreiben dann doch nicht herum) einen Tag an der VHS in einer nicht näher bestimmten Zukunft beschreibt. „Vor dem Eingang der VHS ist das Kopfsteinpflaster verrußt, ach ja, hier stand zum 100-jährigen Fest der Würstchengrill, einige Zeit später fand der letzte Kochkurs an der VHS mit Fleisch statt.“

Witzige Interviews und echte Gesprächsprotokolle sorgenfür Abwechslung

Dann gibt es Interviews – witzige wie jenes mit der Künstlichen Intelligenz – oder Gesprächsprotokolle wie das von 1993 mit dem VHS-Ausschussvorsitzenden Manfred Fritz, der eine langjährige Mitarbeiterin nachts um eins auf dem Kornmarkt überredete, die VHS-Verwaltung zu übernehmen. Oder Briefe von Lesern, die damals in der Zeitung die Bedeutung der VHS diskutierten. Natürlich, der große historische Abriss darf ebenfalls nicht fehlen. Dietrich Thier hat sich dafür durch Unmengen von Aktenmaterial gearbeitet. Schließlich sollte kein Roman, sondern „ein Spiegelbild der Vergangenheit“ entstehen.

Der Leser erfährt, dass die VHS 1919 nach dem Krieg aus der Notwendigkeit heraus entstand, dass den Heimkehrern der Bezug zu Beruf, Bildung und sozialer Teilhabe fehlte. So bestand 1920 die Hörerschaft vor allem aus Schlossern und Drehern. Es gab 16 Kurse, die Teilnahme kostete zwei Mark. Ein eigenes Programmheft brauchte es noch nicht: Die Stundenpläne hingen im Schaufenster einer Buchhandlung aus.

Die Kurse im Laufe der Zeit: von der Kinderseelenkunde bis zur Frauenhygiene

Im Laufe der Zeit wurde das Spektrum breiter. 1925 etwa bildete sich eine Arbeitsgemeinschaft „Kinderseelenkunde“. Interessant auch: 1932 gehörte der Kurs „Frauenhygiene“ mit 40 Teilnehmerinnen zu den bestbesuchten Angeboten des Semesters. Wichtig: das Kapitel über den Nationalsozialismus. Die VHS, die einen jüdischen Lehrer in ihren Reihen unterstützte, geriet unter Druck und verlor ihre Finanzierung.

Erst 1977 kommen übrigens Wetter und Herdecke ins Spiel. Die drei Städte gründeten einen Zweckverband, um die Aufgabe der Weiterbildung gemeinsam zu tragen. Die elf Direktorinnen und Direktoren werden ebenfalls gewürdigt, allen voran „Die Ära Böcher“. Wilhelm Friedrich Karl Böcher leitete die VHS von 1962 bis 1992 – und war damit am längsten am Start. Bettina Sommerbauer, die 2008 Chefin wurde, folgt ihm auf Platz zwei. Die Direktorin von 1998 bis 2004 hieß übrigens Sonja Leidemann.

Im neuen Jahrtausend sind Warteschlangen bei der Anmeldung Schnee von gestern

2008 strukturierte sich die VHS neu und gründete eine gemeinnützige GmbH, um etwa Arbeitsmarktprojekte weiter anbieten zu können. Bald kommt die VHS auch am Internet nicht mehr vorbei: 2018 meldeten sich 95 Prozent der Teilnehmer online an – die Zeit der langen Warteschlangen ist längst vorbei.

Gegen Ende der Festschrift kommen verschiedene Persönlichkeiten anlässlich des Jubiläums zu Wort, wie zum Beispiel Jan Ehlers, Vize-Präsident der Uni Witten/Herdecke. Er habe im Rahmen der Kooperation bei der Bürgeruni erleben dürfen, „wie modern und visionär die VHS in Witten ist und wie viel hier für die Menschen getan wird“.

Ein erstes Urteil über das Buch vermag allerdings Heiner Knährich (73) am besten abzugeben: Der Mann vom Heimatverein Herbede hat das Werk als ehrenamtlicher Lektor komplett gegengelesen. Sein ebenso schlichtes wie treffendes Fazit: „Es hat Spaß gemacht.“

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