Facharbeit

Wittener Schüler  schreiben Geschichte

Stolze Forscher: Adriana und Batu zeigen ihre Facharbeiten. Niki Kontomichi-Joost (hinten links) und Dr. Martina Kliner-Fruck halfen mit

Stolze Forscher: Adriana und Batu zeigen ihre Facharbeiten. Niki Kontomichi-Joost (hinten links) und Dr. Martina Kliner-Fruck halfen mit

Foto: Jürgen Theobald

Witten  Zwei Wittener Schüler forschen zu Kinderlandverschickung und jüdischen Auswanderern. Dabei kommen sie ihren eigenen Familien ganz nah.

. Geschichte ist langweilig? Überhaupt nicht, finden Batu und Adriana. Die beiden gehen in die zwölfte Klasse der Holzkamp-Gesamtschule und haben etwas Besonderes geleistet. Zusammen mit dem Stadtarchiv drangen die Schüler tief in die Geschichte ein – und förderten manche Überraschung zutage.

Adriana sitzt am großen Tisch im Stadtarchiv. Vor ihr liegt das druckfrische Ergebnis vieler Stunden Arbeit. 17 Seiten hat die Schülerin über ein Thema geschrieben, dass ihr besonders am Herzen liegt: die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg.

Eigene Familiengeschichte weckte das Interesse

„Mein Vater hat mir erzählt, dass meine Großeltern damals auch aufs Land geschickt wurden“, sagt die 18-Jährige. Ihre Großeltern konnte Adriana für die Facharbeit nicht mehr befragen. Beide sind schon verstorben. „Ich weiß nur, dass sie damals viel Heimweh hatten.“

Angetrieben von der eigenen Familiengeschichte begann Adriana, zu forschen. Wie überall in Deutschland wurden auch Wittener Kinder während der Kriegsjahre aufs Land geschickt. Dort lebten sie fernab vom Bombenhagel in Pflegefamilien oder Heimen.

Schule arbeitet eng mit Stadtarchiv zusammen

„Besonders spannend war es, die Briefe und Erinnerungen der Zeitzeugen zu lesen“, sagt Adriana. Noch beeindruckender fand die Schülerin das Gespräch mit Inge Hebell. Die Wittenerin verbrachte ein Kriegsjahr bei einer bayrischen Pflegefamilie. Bis heute hält der Kontakt nach Bayern.

„Für Schüler ist es sehr wichtig, solche lokalen Bezüge herzustellen“, sagt Niki Kontomichi-Joost. Die Geschichtslehrerin hat die Facharbeiten von Adriana und Batu betreut. „Wir freuen uns besonders, dass der Kontakt zum Stadtarchiv so intensiv ist“, sagt Kontomichi-Joost.

Geschichte vergeht nicht

In jedem Jahr recherchieren Zwölftklässler im Archiv an der Bergerstraße für ihre Arbeiten. Stadtarchiv-Leiterin Martina Kliner-Fruck steht ihnen dabei zur Seite. „Die Schüler sind Botschafter“, sagt Kliner-Fruck. „Sie zeigen, dass Geschichte nicht einfach vergeht und verstaubt.“ Wann immer es möglich ist, versucht die Archiv-Leiterin, den Kontakt zu Zeitzeugen herzustellen.

Auch Batu hat sich für seine Facharbeit mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Der 17-Jährige hat die Biografien jüdischer Emigranten studiert. Dabei stieß er auf Hans Jakob Rosenthal. Dessen Eltern führten ein Lebensmittelgeschäft in Stockum, bevor sie deportiert und in Riga ermordet wurden. Hans Jakob Rosenthal gelang die Flucht.

Schüler will noch weiter forschen

Sein Sohn Usi Ron ist in Israel aufgewachsen. Er hält bis heute Kontakt zum Wittener Stadtarchiv. „Als ich mit Usi Ron telefonierte, hat er mich erstmal nach meiner eigenen Lebensgeschichte gefragt“, sagt Batu. „Erst danach hat er alles von seiner Familie erzählt.“

Batu hat bei seiner Recherche erfahren, dass er selbst jüdische Vorfahren hat. Aber noch ist seine Familiengeschichte für ihn ein „ziemliches Kuddelmuddel“. Deshalb will Batu nach seiner Facharbeit weiterforschen. „Es ist so wichtig, über die Vergangenheit zu reden. Das ist vielleicht die Lösung.“

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