Erinnerungs-Buch

Wittener nimmt kurz vor seinem Tod noch Lied für Tochter auf

Andrea Bizzotto, Maria Brandt und Giulia Grace haben ihre kurze gemeinsame Zeit bis zum Schluss ausgekostet und genossen.

Andrea Bizzotto, Maria Brandt und Giulia Grace haben ihre kurze gemeinsame Zeit bis zum Schluss ausgekostet und genossen.

Foto: Brandt

Witten.   Andrea Bizzotto ist tot. Bis zuletzt hat er an Erinnerungen für seine Tochter gearbeitet. Sogar ein Lied hat er im Hospiz für sie produziert.

Er hat gehofft, er hat gekämpft und bis zum Schluss all seine Kraft gegeben für das, was ihm das Liebste war. Jetzt ist Andrea Bizzotto tot. Der Hevener starb am 1. März im Wittener Hospiz mit nur 33 Jahren. Seine Frau Maria erzählt, wie die letzten Wochen waren – und was er in dieser Zeit noch alles geschafft hat.

Mit einem Buch, das er nach der Krebs-Diagnose für seine Tochter geschrieben hat, hatte der Wittener Schlagzeilen gemacht. Die Kleine, die morgen erst zwei Jahre alt wird, solle einmal wissen, wer ihr Vater war. Deshalb begann Andrea im Krankenhaus damit, seine Autobiografie ins Handy zu tippen. „Geschichte eines Tollpatsches auf dem Fahrrad“ heißt das Buch, das auf Italienisch erschienen ist. Aber auch Geburtstagskarten hat er Giulia Grace geschrieben – für jedes Jahr eine, bis sie 19 Jahre alt ist. „Und dann, als er kaum noch konnte, hat er ihr ein Lied aufgenommen“, sagt Maria Brandt, ihre Mutter.

„Aber wir haben bis zum Schluss Schönes erlebt“

Der zarten, blonden Frau ist der Kummer anzusehen. „Auch wenn das Ende ja schon lange absehbar war, ist es dann doch ganz schrecklich gewesen“, sagt sie und hält den Kaffeebecher, als könnte wenigstens er ihr ein bisschen Wärme geben. Bei der Buchvorstellung in Italien im Dezember habe Andrea noch mal Kraft geschöpft, aber dann ging es bergab.

Er hatte starke Schmerzen, konnte schlecht atmen. „Aber dennoch haben wir bis zum Schluss Schönes miteinander erlebt“, so Maria. Noch drei Tage vor seinem Tod war die kleine Familie Eis essen. „Und einen Ausflug nach Düsseldorf haben wir auch noch gemacht, in ein Sterne-Restaurant – das war sein großer Traum.“ Andrea Bizzotto wollte sich nicht hängen lassen, wollte nicht aufgeben. „Das hat er auch geschafft.“

Jetzt schrieb er noch Text und Musik zum Lied

Und noch einen weiteren Plan hat er verwirklicht: ein Lied für seine Tochter aufzunehmen. Die Idee zu dem Song hatte er schon früher, jetzt schrieb er Text und Musik dazu. Bei der Buchvorstellung hatte „From my Star“ Premiere.

Doch um das Lied im Studio einzusingen, dafür war der Hevener dann bereits zu schwach. „Deshalb ist ein Freund mit seiner Studio-Ausrüstung ins Hospiz gekommen“, sagt Maria. Strophe für Strophe wurde aufgenommen. „Für alles auf einmal reichte seine Luft nicht mehr.“ Unterlegt mit Fotos und kleinen Szenen ist das rührende Video jetzt im Netz bei Youtube zu sehen und in den Musik-Portalen herunterzuladen.

Woher hat der Todkranke die Kraft dafür genommen?

Woher der Todkranke die Kraft dafür genommen hat? „Dadurch, dass er Vater geworden ist“, sagt seine Frau. Andrea habe immer wieder betont, das sei das größte Erlebnis in seinem Leben gewesen. „Er wollte über seinen Tod hinaus Vater sein, Verantwortung übernehmen, Ratschläge geben – und das ist ihm gelungen.“ Maria ist sehr glücklich darüber: „Wenigstens dafür hat seine Zeit noch gereicht – wie toll, dass er das geschafft hat.“

So schwer es ihr auch fällt, jetzt mit ihrem Schmerz in der Öffentlichkeit zu stehen, so dankbar ist die 35-Jährige auch für die große Anteilnahme aus aller Welt, die sie erleben darf. „Es ist ein bisschen so, als würde die Welt zu seinen Ehren für einen Moment angehalten – das ist ein kleiner Trost.“

„Er wollte zeigen, dass man weiterleben kann“

Sie bewundert ihren Mann dafür, dass er mit der Situation so offen umgegangen ist. „Er wollte zeigen, dass man sich nicht verkriechen muss. Dass man weiterleben kann.“ Er habe so vielen Menschen geholfen. „Noch gestern hat mir ein junger Vater seinen Dank dafür ausgesprochen, dass er durch die Geschichte begriffen hat, worauf es wirklich ankommt im Leben.“

Am 16. März wird Andrea Bizzotto in seinem Heimatdorf Bassano del Grappa beigesetzt. Zusammen mit seiner Familie bringt Maria ihn nach Hause. Sie ist froh, dass sie so einen Ankerpunkt in Italien behält. Für sie und ihre Tochter lebt Andrea ohnehin auf einem Stern weiter – ganz so wie ihm Lied. „Die Kleine steht jetzt abends immer an der Terrassentür und winkt ihm zu.“

Maria Brandt weiß, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis so etwas wie Normalität einkehren wird. Aber sie ist dankbar dafür, wie die letzten Monate gelaufen sind. Ob sie rückblickend etwas anders machen würde? Sie muss nicht lange überlegen: „Ich würde ihm noch häufiger sagen, dass ich ihn liebe. Denn sie ist das einzige, das am Ende wirklich wichtig ist – die Liebe.“

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