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Wittener Hartz IV-Bezieher empört über Spahn-Satz zur Armut

Britta Eschstruth (42) ist Aufstockerin. Obwohl sie im Altenheim arbeitet, muss ihr das Jobcenter die Miete zahlen.

Britta Eschstruth (42) ist Aufstockerin. Obwohl sie im Altenheim arbeitet, muss ihr das Jobcenter die Miete zahlen.

Witten.   Hartz IV bedeutet nicht Armut? Da sind Leistungsempfänger aus Witten aber ganz anderer Meinung als der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Vor dem Jobcenter in Annen weht ein kalter Wind. Es regnet. Stefan trägt trotzdem nur leichte Schuhe, die sind von Deichmann und schon fünf Jahre alt. „Ich kauf lieber mal den Kindern was“, sagt der Lkw-Fahrer (40), der gerade das Amt in Annen betreten will. Stefan ist Aufstocker. Er hat einen vollen Job und bezieht trotzdem Hartz IV. Was er von der umstrittenen Äußerung des Gesundheitsministers hält, Hartz IV bedeute nicht Armut? Stefan schüttelt nur den Kopf. Der Monat ist kaum zur Hälfte rum „und wir haben noch 40 Euro auf dem Konto“.

Und trotzdem würde sich der Lkw-Fahrer, der mit knapp 2000 brutto monatlich vergleichsweise noch gut verdient, niemals als arm bezeichnen. Es gebe Menschen, denen gehe es doch noch viel schlechter. Deshalb will er auch nicht zur Tafel. „Obwohl es hinten und vorne nicht reicht.“ 400 Euro blieben ihm und seiner Familie nach Abzug aller Kosten zum Leben, Lebensmittel noch nicht einbezogen.

Mit Aufstockung halbwegs über die Runden

„Aber was sind 400 Euro bei den Preisen heute, ganz ehrlich“, sagt Stefan. Der sich gar nicht beklagt, sondern lieber von den Rentnern spricht, die er abends nach Schicht­ende beim Sammeln von Pfandflaschen sehe. Mit der Aufstockung vom Amt – „knapp 100 Euro“ – kämen er, seine Frau und die beiden Kinder halbwegs über die Runden.

Stefan zieht einen blauen Einkaufstrolley hinter sich her, er trägt eine beige Jacke mit hellem Fellfutter und ein blaues Schalke-Käppi. Eine Karte in der Veltins-Arena kann er sich ebenso wenig erlauben wie Ferien mit der Familie. „Urlaub – ich weiß gar nicht, was das ist.“ Holland oder Frankreich kenne er nur von seinen Touren mit dem Lkw. Nur für die Kinder legt er immer die Prämie zurück, die sein Arbeitgeber einmal im Jahr auszahlt. „Zu Weihnachten gab es eine Playstation.“ Und warum arbeitet seine Frau nicht mit? „Sie hat einen fünffachen Bandscheibenvorfall.“

Anders als bei Stefan geht der Bezug von Hartz IV oft mit Langzeitarbeitslosigkeit einher, für die es viele Gründe gibt: fehlende Qualifikation, persönliche Probleme oder auch Krankheit, wie im Falle von Johann (54), dem früheren Bergmann aus Oberschlesien, den wir ebenfalls an diesem grauen Dienstagmorgen vor dem Jobcenter an der Holzkampstraße treffen. Mitte 40 sei er gewesen, als er seinen Job bei ISE nach langer Krankheit verloren habe. „Früher verdiente ich gut, 2200 netto, zumindest wenn ich Wechselschicht hatte.“

„So leben, dass man klarkommt“

Damals sei er mit seiner Frau noch zweimal im Jahr in Urlaub gefahren, Camping, sie haben keine Kinder und konnten sich „alles Mögliche“ leisten. „Jetzt nicht mehr. Und wir kaufen nur billige Sachen“, sagt Johann. Er sei zu 60 Prozent behindert, „ich krieg keine Arbeit mehr“. An die Rente später mag er gar nicht denken. Und was er von den Äußerungen des jungen neuen CDU-Gesundheitsministers Spahn halte? „Er hat nicht Recht“, sagt Johann und wiederholt den Satz von Stefan, dem Lkw-Fahrer.: „Es reicht vorne und hinten nicht.“ 1200 Euro blieben ihm und seiner Frau zum Leben. Das Amt zahle zwar die Miete, „aber Strom, Gas, alles andere müssen wir bezahlen“.

An die vielen Unkosten erinnert auch Britta Eschstruth (42). „Versuchen Sie doch mal, von 416 Euro zu leben, mit Strom, mit Telefon, mit Internet“, sagt die alleinerziehende Mutter, die einen 450-Euro-Job als Altenpflegerin in der Boecker-Stiftung hat und die Miete vom Jobcenter bezahlt bekommt. 1200 Euro bleiben der Aufstockerin, „mit Unterhalt, mit Kindergeld, mit Job“. „Man muss eben so leben, das man klarkommt“, sagt sie. „Ich kaufe nur, was ich und die Kinder brauchen.“ Extras? Im Sommer gehen sie schwimmen und einmal im Jahr fahren sie ins Phantasialand. Eis ist auch noch drin, „es müssen ja nicht die Becher für sechs Euro sein“.

Man hört an diesem Morgen kaum jemanden, der sein Schicksal bejammert oder andere dafür schuldig macht. Der Politiker-Satz, Hartz IV bedeute nicht Armut, stößt den meisten dennoch sauer auf. „Die Politiker können das sagen, sie haben ja nicht die Probleme“, meint Birgit Eschstruth, die Pflegerin. „Sie verdienen ja das Vielfache Die sollte man mal auf 416 Euro setzen.“

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