Theater

Wittener Ensemble lässt Seuche auf der Bühne neu ausbrechen

Voller Körpereinsatz: Das Wittener Frederick Ensemble spielt Theater ohne Requisiten. Leonora Zimmermann, Khalid Etab, Lyla Merasberder, Saskia Brons und Aniko Tothpal (v. li.) üben für die Premiere nächste Woche im Hof von Haus Witten.

Voller Körpereinsatz: Das Wittener Frederick Ensemble spielt Theater ohne Requisiten. Leonora Zimmermann, Khalid Etab, Lyla Merasberder, Saskia Brons und Aniko Tothpal (v. li.) üben für die Premiere nächste Woche im Hof von Haus Witten.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Open-Air Theater Ende September: Das Wittener Frederick Ensemble spielt trotz Corona wieder. Auch auf der Bühne geht’s um Krankheiten…

90 Jahre alt, doch jetzt wieder brandaktuell: Das Theaterstück „Der Jasager und der Neinsager“ von Bertolt Brecht erzählt von einer Seuche, die eine ganze Stadt befällt. Das Frederick Ensemble Witten führt das zweiteilige Stück nächste Woche auf. Geflüchtete, Arbeitslose und Orientierungssuchende stehen auf der Bühne und zeigen, wie weit Menschen gehen, um andere zu retten.

Eine Stadt wird von einer Seuche heimgesucht – so beginnt „Der Jasager“. Ein Lehrer bricht mit drei Studenten und einem Jungen zu einer gefährlichen Reise in die Berge auf, um Medizin zu holen. Mitten im Gebirge wird der Junge krank. Um die Mission und damit die Stadt zu retten, bleibt er freiwillig zurück – und bringt damit ein großes Opfer.


Idee für das klassische Theaterstück in Witten ist durch Corona gekommen

„Die Idee für das Stück ist uns durch Corona gekommen. Das ist einfach der Text der Stunde“, sagt Regisseur Martin Kreidt. Er ist künstlerischer Leiter der Bildungseinrichtung „Projektfabrik“, die das Frederick Ensemble gegründet hat. Seit Anfang Juni proben die acht Schauspieler im Innenhof von Haus Witten. Hier sollen in der nächsten Woche auch die drei Vorstellungen stattfinden, unter freiem Himmel und mit Abstand. Die Schauspieler erzählen die Geschichte ganz ohne Requisiten, dafür mit viel Gestik und Mimik.

„Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich wie in Trance, dann geht alles von alleine“, sagt Aniko Tothpal. Sie spielt im „Neinsager“-Teil des Stücks den Jungen, der die Studentengruppe in die Berge begleitet. Anders als im ersten Teil gibt es hier keine Seuche. Dennoch wird der Junge krank und die anderen wollen ihn in das Tal werfen, um einen alten Brauch zu erfüllen. Der Junge sagt nein und überzeugt die Gruppe davon, den alten Brauch zu hinterfragen und ihr Handeln zu verändern.

Die Schauspieler proben täglich unter professioneller Leitung

„Die Rolle gefällt mir so gut, weil ich ein bisschen meine Jugend nachholen kann“, sagt Aniko Tothpal. Die 36-Jährige hat vorher schon für das Frederick Ensemble auf der Bühne gestanden und so ihr Talent für die Schauspielerei entdeckt. Bei der Projektfabrik hat sie eine Sozialkünstlerausbildung gemacht. Eigentlich möchte sie Tischlerin werden: „Ich bin gerade in der Übergangsphase, deswegen nutze ich die Zeit für das Theater“, so Tothpal.

Das Frederick Ensemble ist für die Teilnehmer kein Hobby nebenbei – sie proben professionell in Vollzeit. Das Projekt ist 2017 gestartet.Menschen, die aus verschiedenen Gründen gerade keinem Beruf nachgehen und nach Orientierung suchen, sollen hier eine sinnvolle Betätigung bekommen.

Geflüchtete finden beim Theater Anschluss und lernen Deutsch

Dazu zählen auch Geflüchtete wie Khalid Etab. Er lebt seit drei Jahren in Deutschland. Im Frederick Ensemble hat er nicht nur Anschluss gefunden, sondern auch seine Deutschkenntnisse verbessert. Im „Neinsager“-Teil spielt der 40-Jährige die Mutter des Jungen und singt sogar ein Solostück. „Die Texte zu lernen, ist für mich natürlich sehr schwierig. Aber meine Kollegen helfen mir immer“, sagt Etab.

Das Ensemble will mehr als nur Kunst machen. „Wir verstehen uns als Stadttheater, als eine sozial orientierte Bürgerbühne, die einen Nutzen für die Stadt hat“, sagt Regisseur Martin Kreidt. Die Kultur- und Mitmachangebote finden normalerweise im Café Leye an der Bahnhofstraße statt. Um die Corona-Regeln einzuhalten, wurden Proben und Aufführungen in den Innenhof des Haus Witten verlegt – in Kooperation mit dem Kulturforum. Für die Zukunft des Projekts wünscht Kreidt sich noch mehr Teilnehmer: „Wir bieten hier eine Art Persönlichkeitsentwicklung. Da kann man auch für die berufliche Zukunft oft viel mehr mitnehmen, als bei irgendwelchen Exel-Kursen.“

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