Wittener Stadtgeschichte

Witten: Wie jüdischen Besitzern ihr Kaufhaus genommen wurde

Gedränge vor dem früheren Kaufhaus Alsberg & Blank beim Sommerschlussverkauf auf der Bahnhofstraße in Witten: Das Foto entstand um 1930.

Gedränge vor dem früheren Kaufhaus Alsberg & Blank beim Sommerschlussverkauf auf der Bahnhofstraße in Witten: Das Foto entstand um 1930.

Foto: Quelle: Stadtarchiv Witten/Repro: Jörg Fruck

Witten.  An dem geschlossenen Kaufhof-Standort in Witten gab es einst das Kaufhaus Alsberg & Blank. Die jüdischen Besitzer wurden zum Verkauf gezwungen.

Am Freitag (16. Oktober) hat Galeria Karstadt Kaufhof an der Bahnhofstraße in Witten für immer seine Türen geschlossen. Ein geschichtsträchtiger Geschäftsstandort. Früher stand auf dem heutigen Grundstück das Kaufhaus „Alsberg & Blank“. 1938 wurden dessen jüdische Eigentümer, Max Blank und Max Eichengrün, verhaftet. Unter den Augen der Wittener Bevölkerung wurde ihr Kaufhaus „arisiert“.

Max Blank war ein Sohn des Kaufmanns Georg Blank, der Ende des 19. Jahrhunderts ein Modewarengeschäft in Witten eröffnete. Wo heute der Kaufhof steht, glänzte das Kaufhaus – auch für „Bettwaren“ – in den 1920er Jahren mit einer prächtigen Schaufenster-Fassade im Jugendstil.

Modehaus Alsberg & Blank wurde an der Bahnhofstraße in Witten in Richtung Ruhrstraße erweitert

1928 wurde aus dem Kaufhaus Georg Blank durch einen Zusammenschluss mit dem Wittener Handelsgeschäft der Gebrüder Alsberg das Kaufhaus Alsberg & Blank. Geschäftsführer wurden der Sohn von Georg Blank, Max Blank, und Max Eichengrün. Zwei umtriebige Männer, die ihr Modehaus an der Bahnhofstraße in Richtung Ruhrstraße erweiterten. „Es war das erste Haus am Platz, wo wohl jeder Wittener eingekauft hat“, sagt Stadtarchivarin Martina Kliner-Fruck.

Nazi-Deutschland brachte Max Blank und Max Eichengrün 1938 um ihr Eigentum. Am 6. Oktober wurden sie von der Gestapo verhaftet, um ihnen die Unterschriften für einen Zwangsverkauf abzupressen.

Ein Jahr zuvor hatten Nazi-Rowdys die 72-jährige Mutter von Max Eichengrün gezwungen, sich bei einem Fackelzug in Witten ein Schild umzuhängen. Es trug die Aufschrift: „Ich bin ein sau-jüdischer Arbeitgeber von guten deutschen Fachleuten.“ Der neue, „arische“ Eigentümer des Kaufhauses Alsberg & Blank wurde die KG Neumann & Cropp. Die Gesellschafter der Firma waren der Siegener Otto Neumann und der Düsseldorfer Dr. Cropp, wie Hans-Christian Dahlmann in seinem Buch „Arisierung und Gesellschaft in Witten“ schreibt.

Anzeige im Wittener Tageblatt kündigte das Kaufhaus als „rein arische Firma“ an

Die Übernahme durch „Neumann & Cropp“ und die Neueröffnung des Kaufhauses am 12. November 1938 wurde tagelang vorher im Wittener Tageblatt durch Anzeigen öffentlich gemacht. In einer Annonce war zu lesen: „Ein neuer Name für ein bekanntes Haus. Eine rein arische Firma in neuem Geist geführt!“

Die beiden Kinder des jüdischen Wittener Kaufmanns Max Blank konnten durch einen Kindertransport nach England gerettet werden. Archivarin Kliner-Fruck: „Max Blank und seine Frau Lotte flüchteten zunächst nach Belgien, dann nach Frankreich, wo das Ehepaar getrennt wurde.“ Max Blank gelang die weitere Flucht nach England, wo er 1960 starb. Seine Frau wurde während der Flucht ermordet.

Max Eichengrün wurde im Zuge der „Reichspogromnacht“ 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin verschleppt. Die Stadtarchivarin: „Unter der Maßgabe, Deutschland schnellstens zu verlassen, kam er aus der KZ-Gefangenschaft frei.“

Max Eichengrün flüchtete mit seiner Frau quer durch Europa. Per Schiff gelangten sie in die USA. Der ehemalige Wittener Unternehmer verdiente sein Geld dort als Verkäufer in einem Herrenbekleidungsgeschäft. Er blieb in Amerika, wo er 1976 starb.

Erbengemeinschaft erhielt 1951 das Grundstück in Witten samt Ruine zurück

Das ehemalige Kaufhaus Alsberg & Blank ging während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff in Flammen auf. Im Rahmen eines Rückerstattungsverfahrens erhielt die Erbengemeinschaft Blank und Eichengrün 1951 das Kaufhaus-Grundstück an der Bahnhof-/Ecke Heilenstraße samt Ruine zurück. „Die Erbengemeinschaft erhielt 310.000 Deutsche Mark, ein Spottpreis“, sagt Martina Kliner-Fruck. Max Blank verkaufte das Grundstück an den Kaufmann Hubert Kogge, der darauf 1952 sein neues Kaufhaus Kogge errichtete.

Wittens Stadtarchivarin konnte später Töchter und Söhne, auch Enkelkinder von Max Blank und Max Eichengrün in Witten willkommen heißen. „Ihr großes Thema war Versöhnung und Friedensarbeit!“, sagt sie.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben