Soziales

Witten: Palliativnetz holt Todkranke aus Schimmelwohnung

Etwa 20 Wittener, teils Vertreter des Sozialausschusses, waren zu einem spontan einberufenen Treffen gekommen. Palliativnetz und Mieterschützer wollten über die „menschenunwürdige Unterbringung“ einer Flüchtlingsfamilie informieren.

Etwa 20 Wittener, teils Vertreter des Sozialausschusses, waren zu einem spontan einberufenen Treffen gekommen. Palliativnetz und Mieterschützer wollten über die „menschenunwürdige Unterbringung“ einer Flüchtlingsfamilie informieren.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Palliativnetz und Mieterverein Witten klagen die Stadt an: Eine todkranke Flüchtlingsfrau lebt mit ihrer Familie in einer verschimmelten Wohnung.

„Menschenunwürdige Unterbringung“ werfen Dr. Matthias Thöns und Andreas Herzig vom Palliativnetz Witten sowie Knut Unger vom Mieterverein der Stadt vor. Es geht um eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan, die auf kleinstem Raum in einer städtischen, von Schimmel befallenen Unterkunft lebte. Herzig betreut die todkranke Großmutter.

Weil Palliativnetz und Mieterverein den Fall öffentlich machen wollen, haben sie an diesem Freitagmittag (21.2.) zu einem Protest an der Straße „In der Mark“ aufgerufen – wenige Meter von dort entfernt, wo die krebskranke Frau wohnt. Etwa 20 Menschen sind gekommen, darunter viele Vertreter des Sozialausschusses, auch die Polizei ist vor Ort. Die Stadt sei offiziell nicht eingeladen worden, deshalb sei die Bürgermeisterin nicht erschienen, sagt Lilo Dannert, Vorsitzende des Sozialausschusses.

Aussagen von Stadt Witten und Palliativnetz sind widersprüchlich

Eine Frau hält ein Plakat. „Wohnen ist ein Menschenrecht“, hat sie darauf geschrieben. Andreas Herzig schildert, was er erlebt hat. Längst gibt es auch eine Stellungnahme der Stadt. Die Aussagen beider Parteien: widersprüchlich.

Die kranke Frau (51) lebt mit ihren vier Kindern und zwei Enkeln in der Unterkunft. Das Haus gehört der Siedlungsgesellschaft. Die Wohnung hat zwei Räume, mit Bad und Flur mögen es knapp 50 m² sein. Seit dem 30. Januar kümmert sich Fachpfleger Andreas Herzig auf Bitten des Hausarztes um die sterbenskranke Frau. „Sie hat nicht mehr viel Lebenserwartung“, sagt er.

Vorwurf: Handwerker entfernt Schimmel im Beisein der Kranken und ihrer Familie

Am neunten Tag habe ihn die 24-jährige Tochter weinend auf großflächig verschimmelte Ecken aufmerksam gemacht. Die junge Frau habe gesagt: „Wir können hier nicht atmen. Unsere Haut ist kaputt.“ Herzig, der inzwischen eine Vorsorgevollmacht für die Kranke hat, schickt Fotos an Gesundheits- und Sozialamt. Zunächst habe Funkstille geherrscht. Herzig ist entsetzt, dass die abwehrgeschwächte Frau und ihre Familie weiter in dieser gesundheitsschädlichen Umgebung ausharren müssen. „Wie kann ich da für die Sicherheit meiner Patientin sorgen?“

Eine Woche später schreibt er eine Mail an die Ratsfraktionen. Einen Tag später, am 18. Februar, sei ein Handwerker in die Unterkunft gekommen – unangekündigt. „Er hat direkt neben dem Pflegebett der schwerkranken Frau mit Hilfe von lauten Maschinen und chlorhaltigen Mitteln den Schimmel zu beseitigen versucht. Er selbst musste dafür Atemschutz tragen, die Familie nicht“, sagt Andreas Herzig.

„Die Farbe ist geeignet für den indirekten Lebensmittelkontakt. Deswegen war es nicht notwendig, dass die Familie die Wohnung während der Maßnahme verlassen musste“, argumentiert die Stadt. Doch noch am selben Tag kann die Familie eine leerstehende, möblierte Wohnung im Erdgeschoss nutzen. Die Todkranke schläft dort auf einer Matratze statt in ihrem Pflegebett.

Noch immer hängt ein schlechter Geruch in der Wohnung

Herzig bleibt dabei: „In der Bude roch es nach Chlor wie früher im Stadtbad.“ Auch drei Tage danach hängt noch ein schlechter Geruch in der Wohnung. Ein kleiner Enkel der Kranken habe kurz nach den Arbeiten zur Schimmelentfernung Nasenbluten gehabt. Palliativmediziner Thöns: „Ich habe ihn mit Verdacht auf Chlorgasvergiftung vom Rettungsdienst der Feuerwehr ins Krankenhaus einweisen lassen.“ Die Stadt spricht dagegen von dem Vorwurf, ein Kind der Familie habe Blut gehustet und bezeichnet diesen Vorwurf als falsch.

Sie bedauert in ihrer Stellungnahme die Situation der Familie, die seit September 2018 dort wohnt. Man habe sich von Anfang an intensiv um eine gute Lösung gekümmert. „Leider hat ein Mitarbeiter des Palliativteams zeitweise versucht, die Arbeiten zu stoppen.“ Deswegen hätten die Handwerker länger gebraucht. Auch habe die Stadt jetzt versucht, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden – noch ohne Erfolg. Mehrere Angebote, sich andere Wohnungen anzuschauen, habe die Familie schon vorher nicht wahrgenommen. Dass seit Anfang Oktober zusätzlich drei Jugendliche dort eingezogen sind, sei ausdrücklicher Wunsch der Familie gewesen.

Inzwischen ist es Andreas Herzig und seiner Frau selbst gelungen, eine Wohnung für die Flüchtlinge zu finden. Kerstin Hohendorf wird ihnen 110 m² im Innenstadtbereich vermieten. Die Schlüsselübergabe findet noch am Freitagnachmittag statt. „Es ist wichtig, dass die Familie hier rauskommt“, sagt Hohendorf. Die Reaktion der Stadt auf „die dramatische Situation“ hält Herzig für „bemerkenswert gleichgültig“. Sie schiebe die Verantwortung auf die Familie. Über die Wohnung sagt Mediziner Thöns: „Da möchte keiner von uns wohnen.“

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