Kulturforum

Witten: Kulturchefin will Organisationsstrukturen verändern

Ist seit gut 100 Tagen im Amt: Jasmin Vogel, Chefin des Wittener Kulturforums, vor dem Saalbau.

Ist seit gut 100 Tagen im Amt: Jasmin Vogel, Chefin des Wittener Kulturforums, vor dem Saalbau.

Foto: Barbara Zabka / FUNKE Foto Services

Witten.  Neue Strukturen, flache Hierarchien: Wittens Kulturchefin Jasmin Vogel hat sich viel vorgenommen. Im Interview erklärt sie, warum das nötig ist.

Sie ist eine kleine, zarte Frau. Aber vor allem ist sie ein Energiebündel, ein Wirbelwind mit vielen Ideen, der in Witten für mehr als nur ein frisches Lüftchen sorgen will. Seit gut 100 Tagen ist die neue Chefin des Kulturforums nun im Amt. Im Interview erzählt Jasmin Vogel (38), wie sie in Witten empfangen wurde, was sie schon erreicht hat und warum das Kulturforum jetzt vor einem großen Umbruch steht.

Sie wohnen in Bochum, haben am Dortmunder U gearbeitet, sind jetzt seit Oktober hier in der Stadt. Kennen Sie schon Witten, können Sie schon Witten?

Jasmin Vogel Nicht die ganze Stadt, das ist in der Zeit ja nicht möglich. Aber ich bin gut eingeführt worden, erlebe eine große Bereitschaft, mich mit- und aufzunehmen. Nicht nur bei den Mitarbeitern im Team. Auch mit der Politik und den Kulturschaffenden der Stadt ist es sehr leicht, ins Gespräch zu kommen. Das ist nicht selbstverständlich, dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben mit allen Mitarbeitern geredet, viele Gespräche in der Stadt geführt. Was hat Sie überrascht?

Ganz klar: die Dichte an engagierten Akteuren in Witten. Das kenne ich so aus anderen Städten nicht, nicht aus Dortmund, aber auch nicht aus Jena, wo ich vorher war. Das ist ein echtes Pfund, auf das man hier stolz sein und mit dem man arbeiten kann.

Vom Dortmunder U in den Saalbau: Was ist der Reiz für Sie, in Witten zu arbeiten?

Ich möchte Gesellschaft gestalten – und das ist hier in Witten möglich. Die Kultur muss endlich die drängenden Fragen unserer Zeit angehen. Das ist die große Aufgabe und daran will ich mich beteiligen.

Die drängenden Fragen unserer Zeit. Haben Sie Beispiele?

Ach, das sind viele. Wie gehen wir mit der Digitalisierung um, die unsere Gesellschaft gerade im Rekordtempo umkrempelt? Oder: In welchem Zusammenhang zeigen wir die Stücke der Museums-Sammlung, um das Thema Geschlechter-Ungerechtigkeit deutlich zu machen? Oder wie greifen wir den Konflikt zwischen den Generationen auf? Da müssen wir schneller und flexibler werden: Kultur kann sich doch nicht erst mit dem Klimawandel beschäftigen, wenn die Schüler schon auf der Straße sind.

Aber wie – mitdemonstrieren?

Nein. Wir gehen nicht auf die Straße, wir sind auch nicht Politik. Aber wir müssen zu Kraftzentralen der Gesellschaft werden. Unsere Kulturorte – egal ob Museum, Bibliothek, Archiv oder Saalbau – sind Orte des Dialogs, und wir müssen wachsam sein, dass sie es auch bleiben. Wir müssen vorausdenken, gesellschaftliche Probleme aufgreifen und darauf reagieren können. Wir müssen Angebote machen, die für alle zugänglich sind und dabei meine ich nicht Treppen. Kurz: Wir müssen uns verändern. Denn sonst hat die Kultur keine Relevanz mehr und wir müssen uns die Frage stellen, warum es uns gibt.

Wie stellen Sie sich diese Veränderung vor?

Vor allem müssen alle Bereiche des Kulturforums stärker zusammenwachsen, müssen übergreifend an den Fragestellungen arbeiten. Wir brauchen endlich eine gemeinsame inhaltliche Diskussion. Da ist in den letzten zehn Jahren einiges liegen geblieben. Das Tagesgeschäft läuft, aber über Inhalte wurde nie gesprochen. Da müssen wir ran, um den Tanker Kulturforum auf Kurs zu kriegen, um den Betrieb zukunftsfähig zu machen. 80 Prozent Tagesgeschäft, 20 Prozent Beiboot inhaltliche Diskussion.

20 Prozent plus Tagesgeschäft – das ist eine große Aufgabe für die Mitarbeiter...

Ja natürlich, das geht nicht on top, es sind jetzt schon alle am Anschlag. Das geht nur über eine Veränderung der Arbeitsweise und der Arbeitskultur. Wir brauchen völlig neue, flexible Organisationsstrukturen im Kulturforum. Ich will zudem flache, bewegliche Hierarchien, raus aus den eingefahrenen Rollen. Wir brauchen wieder einen vertrauensvollen Umgang miteinander. Und ich will mehr Möglichkeiten schaffen, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. Wie schwierig das ist, weiß ich als Mutter eines 15 Monate alten Sohnes selbst.

Wann wird man etwas von diesen Veränderungen sehen?

Intern sieht man das jetzt schon. Die ersten gemeinsamen Projekte der Institute werden dann vielleicht in ein paar Monaten laufen, aber die wirklichen Effekte wird man erst in ein paar Jahren erleben. Übrigens: Der Wandel soll auch in den Gebäuden sichtbar werden, wir planen etwa, den Saalbau atmosphärischer zu gestalten.

Umbau, Ausbau – das gibt es nicht umsonst. Kann sich das Kulturforum das leisten?

Wir fangen mit kleinen Maßnahmen an. Aber ja: Langfristig werden wir mehr Geld brauchen. Von der Stadt, aber wir werden uns auch nach anderen finanziellen Mitteln umsehen. Es gibt ja viele Fördermöglichkeiten. Wobei wir wieder bei den Inhalten sind: Wir müssen Konzepte entwickeln, die zu den Förderstrukturen passen.

Was wäre Ihr Wunsch für die kommenden fünf Jahre?

Dass alle Mitarbeiter mit Spaß bei der Sache sind und dass uns der Drive, der Schwung, erhalten bleibt, den ich gerade erlebe, dass er uns über die nächste Zeit trägt. Damit wir dann später mal zurückschauen und sagen können: Cool, was wir alles geschafft haben.

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