Kommunalwahl

Witten: Ein „Computerfreak“ will Bürgermeister werden

Stefan Borggraefe wagt einen zweiten Versuch: Wie schon vor fünf Jahren kandidiert der Pirat erneut für das Amt des Bürgermeister von Witten.

Stefan Borggraefe wagt einen zweiten Versuch: Wie schon vor fünf Jahren kandidiert der Pirat erneut für das Amt des Bürgermeister von Witten.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Pirat Stefan Borggraefe will Bürgermeister von Witten werden. Er will Politik transparenter und bürgernäher gestalten. Ob er es diesmal schafft?

Stefan Borggraefe will es noch einmal wissen. Vor fünf Jahren trat der 44-Jährige schon einmal als Bürgermeisterkandidat an. Damals stimmten mehr als 3200 Wittener für den Piraten – das waren 10,5 Prozent aller abgegeben Stimmen. Das Ratsmitglied ist sich sicher: Dieses Mal könnten es noch mehr werden. Er setzt auf die Stichwahl.

Der Software-Entwickler ist zweifellos der digitalste unter den Kandidaten. Während andere Mitbewerber die sozialen Medien erst kurz vor dem Wahlkampf oder noch gar nicht für sich entdeckt haben, ist Borggraefe quasi dort zuhause.

Seine Liebe zum Computer brachte ihn letztendlich auch in die Politik. Im Zuge der Debatte um sogenannte Netzsperren trat er 2009 den Piraten bei. „Ich war schon immer ein Computerfreak“, sagt er schmunzelnd. Andere Parteien hätten nicht verstanden, was für eine „große Umwälzung da stattfindet“. Auch das Thema Umweltschutz habe ihn schon immer umgetrieben.

Bürgermeisterkandidat aus Witten hat Politik in der Familie gelernt

Politisches Denken hat das Ratsmitglied aber schon „in der Familie aufgesogen“. „Wir haben viel diskutiert. Da habe ich gelernt, dass man sich einbringen kann.“ Borggraefes Vater war 14 Jahre lang für die SPD Stadtdirektor von Recklinghausen, dann Bürgermeister. „Ich weiß, wie beanspruchend dieses Amt ist“, sagt der Pirat. Als Kind habe er meist nicht viel von seinem Vater gesehen.

Abgeschreckt hat ihn das aber nicht – im Gegenteil. „Ich kann mich da voll reinhängen.“ Mit der eigenen Familie hat es für den Wahl-Wittener, der seit 2008 in der Stadt lebt, bislang aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. „Jetzt ist die Stadt meine Familie geworden.“

Kein menschenscheuer Computerfreak, sondern vielfach engagiert

Ein menschenscheuer Computer-Nerd ist der Lokalpolitiker aber keineswegs. Neben seinem Engagement in der Zwei-Mann-Fraktion seiner Partei im Rat ist Borggraefe in vielen Initiativen engagiert: vom Freifunk über Help-Kiosk und Klima-Allianz hin zum gegen Rechts gerichteten Bündnis „Ennepe-Ruhr stellt sich quer“.

Die Politik in Witten soll unter seiner Führung den Bürgern zugewandter werden. „Ich möchte näher an den Menschen dran sein, nicht elitär und abgehoben.“ Er wolle „echte Beteiligung“ schaffen. 2015 plakatierte er „Schluss mit Filz“. Das sei noch immer aktuell. Nach 75 Jahren unter Führung der SPD sei im Rathaus einfach „sehr viel eingerostet“.

Eine eigene Stabsstelle für den Klimaschutz

Vor allem das Thema Klimaschutz sei bislang viel zu stiefmütterlich behandelt worden, sagt der Politiker, der derzeit als Fraktionsgeschäftsführer seiner Partei im Ruhrparlament arbeitet. „Wir brauchen eine Stabsstelle oder ein Amt für Klimaschutz, um diesen Bereich zu stärken und Kompetenzen zu bündeln.“

Politisch Interessierten ist Borggraefe wohl auch als einer der notorischen Querdenker im Rat bekannt. Seit 2015 etwa kämpften er und sein Mitstreiter Roland Löpke für ein Ende des Verbots von Straßenmusik in der Innenstadt. Immer wieder wurde der Antrag abgelehnt. Ende 2019 dann stimmte der Rat schließlich zu. „Das zeigt, das Veränderung doch möglich ist, auch wenn es mühsam ist“, erklärt der Pirat seine Motivation.

Abschiebestopp nach Afghanistan als größter Erfolg

Von Rückschlägen lässt sich Borggraefe sowieso nicht entmutigen. So will er weiterhin für die Einführung von Rats-TV kämpfen – eine weitere Idee, die im Rat bislang abgeschmettert wurde. Ebenso wie sein Einsatz für eine bessere Unterbringung von Obdachlosen – raus aus der Sammelunterkunft am Mühlengraben. „Ich bin hartnäckig. Ich glaube, das ist wertvoll für eine Stadt, der es nicht so gut geht.“

Als seinen größten Erfolg aus den vergangenen Jahren sieht der Politiker den 2017 verhängten Abschiebestopp nach Afghanistan. Er habe persönlich Flüchtlinge kennengelernt, die in ihrer Heimat knapp dem Tod entkommen waren. „Diesen Menschen die Angst genommen zu haben, alleine dafür haben sich die sechs Jahre im Rat gelohnt“, sagt Borggraefe.

Dieses Mal könnte es klappen mit der Wahl zum Bürgermeister, da ist sich der Pirat sicher. Erstmals unterstützen die Grünen Amtsinhaberin Sonja Leidemann nicht als Kandidatin – haben aber auch keinen eigenen Bewerber ins Rennen geschickt. Dagegen buhlen mehrere Konservative um die Wählergunst. So könnte er es in die Stichwahl schaffen, hofft Borggraefe. Dort setzt er dann auf die Stimmen der Grünen-Wähler und von all denen, „die etwas verändern wollen“.

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