Bombenentschärfung

Witten: Bombe lag fast 75 Jahre auf einem Acker bei Stockum

Rainer Woitschek vom Kampfmittelräumdienst, 58, verheiratet, zwei Kinder, sitzt neben der gerade entschärften amerikanischen Fünf-Zentner-Weltkriegsbombe. Sie wurde nahe der Wittener Pferdebachstraße entdeckt.

Rainer Woitschek vom Kampfmittelräumdienst, 58, verheiratet, zwei Kinder, sitzt neben der gerade entschärften amerikanischen Fünf-Zentner-Weltkriegsbombe. Sie wurde nahe der Wittener Pferdebachstraße entdeckt.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Auf einem Feld nahe Witten-Stockum ist eine Weltkriegsbombe entschärft worden. Häuser wurden evakuiert und die Pferdebachstraße voll gesperrt.

Toni Bartels-van den Heuvel nimmt sich noch die Zeit, sich zu schminken, dann stopft sie den Reisepass in die Handtasche und fährt das Auto weg. „Das bringt meinen ganzen Tagesplan durcheinander“, schimpft sie – denn sie hatte laut Ordnungsamt unverzüglich ihr Haus zu verlassen. Auf einem Feld zwischen Pferdebachstraße, Walfischstraße und der Stockumer Wohnsiedlung Wilhelmshöhe ist eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden. Am Dienstagnachmittag (10.12.) wurde sie binnen weniger Minuten entschärft. Zuvor evakuierten Feuerwehr und Polizei 30 Häuser und sperrten die Pferdebachstraße für eine Dreiviertelstunde komplett.

„Bestimmt 200 Weltkriegsbomben“ hat Kampfmittelräumer Rainer Woitschek schon den Zünder abgeknipst. Was da auf einem Acker kurz vor der Stockumer Ortsgrenze liegt, ist für ihn also Routine. Für die Bewohner von etwa 30 Häusern an der unterhalb liegenden Pferdebachstraße aber keineswegs. Völlig überraschend klingeln am Dienstagnachmittag Mitarbeiter des Ordnungsamts an deren Haustüren und fordern die verdutzten Bewohner auf, ihr Zuhause zu verlassen. Wer nicht weiß, wohin, findet in der Stockumer Turnhalle Unterschlupf.

Flakstellung nahe dem Wittener Bebbelsdorf

Warum liegt gerade auf diesem Acker eine Bombe? Im Zweiten Weltkrieg gab es eine Flakstellung zur Flugabwehr auf der Anhöhe im Waldgebiet nahe der Straße Bebbelsdorf. Bei einem Bombenangriff war sie beschossen worden, weiß Gerhard Pfaff, bei der Feuerwehr zuständig für die Kampfmittelbeseitigung. Zurzeit ist das Bebbelsdorf gesperrt, dort sondieren die Kampfmittelräumer am Mittwoch und Donnerstag (11. und 12.12.) den Boden. Die AHE möchte sich dort baulich erweitern. Dazu ist ein Bauantrag Pflicht, zu dem auch die Luftbildauswertung zählt. Dabei wurde nun auch der Blindgänger nahe der Pferdebachstraße entdeckt, der einige hundert Meter vor der Flakstellung einschlug – und dessen Zünder bis heute scharf gestellt ist. Das erklärt auch die überraschende Evakuierung am Dienstagnachmittag.

Um 13 Uhr beginnt der Einsatz. Die Feuerwehr bildet einen Einsatzstab, durch die Medien wird über die Entschärfung informiert. Mutter Julia Häusener hört die Nachricht unterwegs im Autoradio. Sie hat ihr Kind in der Kita „Zwergenland“ untergebracht, die in der Evakuierungszone liegt! Über eine Whatsapp-Gruppe werden sämtliche Eltern informiert, noch bevor das Ordnungsamt bei Sylvia Cobi klingelt. Sie ist eine der beiden Tagesmütter, die die Großtagespflege betreiben.

Wittener Tagesmutter muss Kleinkinder aus dem Mittagsschlaf wecken

Ihre neun Schützlinge im Alter von ein bis zwei Jahren machen da gerade noch Mittagsschlaf. „Ich habe sie schnell alle geweckt und angezogen“, sagt Sylvia Cobi. Eltern und Großeltern waren überraschend schnell zur Stelle und holen die verdutzten Kleinkinder ab. „Irgendwie war das auf einmal ganz aufregend“, sagt Cobi, die nun plötzlich zwei Stunden eher Feierabend hat.

Die gebürtige Niederländerin Toni Bartes van den Heuvel verlässt als Letzte ihr Haus. „Mein Mann ist schon weg, der ist ängstlicher“, sagt sie. „Aber ich vertraue dem Sprengmeister.“ Ihren Reisepass hat sie aber doch eingepackt – für Notfälle. Kopfschüttelnd sieht sie auf den Acker, auf dem die Bombe liegt. Seit 50 Jahren lebt die Holländerin in Deutschland, davon die meiste Zeit vis-à-vis des Sprengkörpers. „Das habt ihr Deutschen davon, dass ihr den Krieg angefangen habt“, witzelt sie.

Linienbus muss mitten auf der Pferdebachstraße wenden

Nach der Räumungsphase gibt das Ordnungsamt der Polizei grünes Licht. Die stellt ihre Autos quer und Pylone auf. Zwischen der Stockumer Turnhalle und der Autobahnabfahrt Stockum wird die Pferdebachstraße um 15 Uhr voll gesperrt. Das führt zu Chaos, aber die Polizisten sind konsequent. Alle müssen wenden und in Richtung Innenstadt zurückfahren – in die Baustelle hinein. Ein Linienbus muss wenden, ebenso ein dicker Sattelschlepper. Und das zur Hauptverkehrszeit!

„Wir möchten die Phase, in der wir den Verkehr beeinträchtigen, so kurz wie möglich halten“, sagt Einsatzleiter Mario Rosenkranz. Sprengmeister Rainer Woitscheck ist schnell, die Entschärfung dauert nur einige Minuten. Aber in diesen Sekunden ist der Experte ganz allein mit dem schweren Sprengkörper. Zum Glück geht alles gut.

Eine Dreiviertelstunde später kann die Polizei die Sperrung aufheben. Wer weiß wie lange – womöglich wird am Donnerstag (12.12.) im Bebbelsdorf der nächste Blindgänger entschärft.

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