Zeitgeschichte

Witten: 90-Jähriger lebt für die Völkerverständigung

Gerhard Leyen an seinem 90. Geburtstag. Der Mann aus Witten wurde an diesem Tag von einer Reporterin des RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) interviewt.

Gerhard Leyen an seinem 90. Geburtstag. Der Mann aus Witten wurde an diesem Tag von einer Reporterin des RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) interviewt.

Foto: Paul Gerhard Roth

Witten.  Die Trennung zwischen Ost und West zu überwinden ist seit dem Krieg der Lebensinhalt des 90-jährigen Gerhard Leyen aus Witten. Das hat Gründe.

Den ersten Angriff auf Witten während des Zweiten Weltkriegs erlebte Gerhard Leyen als 14-Jähriger. „Ich dachte, das war’s. Gleich bist du weg“, erinnert er sich daran, wie die Bomben das Haus seiner Familie in der Johannisstraße völlig zerstörten. Dieser Moment hat ihn nicht nur traumatisiert, sondern auch sein weiteres Leben bestimmt. Leyen widmet sich mit großem Engagement der Völkerverständigung – auch noch im Alter von 90 Jahren.

Bei jedem Fliegeralarm sei er gehetzt durch die Gegend gerannt auf der Suche nach einem Luftschutzkeller. Die Gefahr verfolgte Gerhard Leyen lange bis in seine Träume, in denen er keinen sicheren Unterschlupf fand. Diese Angst und der Schrecken der Nazi-Zeit haben ihn geformt. „So etwas darf nie wieder passieren“, entschied er. Für Spannungen und Streitigkeiten müsse es immer friedliche Lösungen geben, so sein Credo. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Trennung zwischen Ost und West aufzubrechen, Freundschaften aufzubauen – auch noch nach der Wiedervereinigung.

Der Junge aus Witten versuchte Essensmarken zu fälschen

Die Zeit von 1943 bis September ‘44 hat Gerhard Leyen bei Verwandten in Gießen verbracht. Dann kehrte er nach Witten zurück. „Wir hatten kaum Kleidung, keine Schuhe, wenig zu essen“, erinnert sich der 90-Jährige. Zweimal habe er versucht, Essensmarken zu fälschen, um an ein Pfund Brot zu kommen. Einmal sei es gelungen. Erst mit der Währungsreform im Sommer 1948 habe sich die Situation gebessert.

Gerhard Leyen machte die Mittlere Reife und zunächst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Dann wechselte er zum Orgelbau. Die harte Arbeit in den zerstörten Kirchen setzte ihm zu. Später bewarb er sich als Feinmechaniker bei Leitz, wo er bis 1961 in der Werkzeugkonstruktion arbeitete. Bis 1992 war Leyen in Annen bei Wickmann beschäftigt.

Als Jugendlicher fragte Leyen seine Mutter: Warum habt ihr Hitler nicht verhindert?

Seine Mutter hat er nach dem Krieg gefragt: „Warum habt ihr Hitler nicht verhindert?“ Sie antwortete dem Sohn, sie habe geglaubt, es gehe wieder vorbei. Das tat es nicht. Gerhard Leyen hat sich all das erlebte Elend und die Ungerechtigkeit eingebrannt. Er wollte es wieder gutmachen – zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die Chance dazu ergab sich 1951, als der junge Mann zum Evangelischen Kirchentag nach Berlin fuhr. Das Motto entsprach seiner Einstellung zwischen Ost und West: „Wir sind doch Brüder“.

Bis dahin kannte Leyen niemanden aus der „Ostzone“. Erst beim Kirchentag traf er einen 18-Jährigen aus Magdeburg. Sie wurden Freunde. Daraus wiederum ergab sich eine Verbindung zu 14 Familien in der DDR. 1956, bei einem Konzert des Leipziger Thomanerchors, lernte er einen Sänger kennen. Der Kontakt besteht bis heute.

Briefwechsel mit Freunden in Krakau füllt sechs dicke Ordner

1988 schließlich, als eine Schulklasse aus Krakau zu Gast beim Ruhr-Gymnasium war, fotografierte Leyen jeden einzelnen Schüler und notierte sich sämtliche Adressen. Ein Vierteljahr später reiste er nach Polen und besuchte alle 30 Familien. Die Briefwechsel füllen inzwischen sechs dicke Ordner. Jahrelang hat Gerhard Leyen auch Pakete mit Lebensmitteln nach Polen geschickt. Es waren weit über 1000, schätzt er. „Das gab meinem Leben Sinn.“

18 Mal hat Leyen bei seinen Aufenthalten in Polen das Konzentrationslager Auschwitz besucht. „Ich habe dort immer wieder Neues gesehen.“ Still durch die Gebäude zu gehen, sich vorzustellen, dass dort tausende Menschen ermordet wurden, während er als Schüler lateinische Vokabeln paukte, den Qualen nachzuspüren – das habe ihn schwer beeindruckt.

Eine Frage treibt den Wittener bis heute um: „Wenn ich damals zu Kriegsbeginn zwei Jahre älter gewesen wäre – hätte ich den Mut gehabt, zu sagen, ich werde kein Soldat?“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben