Stadtgeschichte

Warum Wittens Rathaus keinen Zwiebelturm hat

Bauarbeiten für das Wittener Rathaus im Jahr 1922. Dahinter ist die Gedächtniskirche zu sehen.

Foto: Stadtarchiv Witten / Repro: Fruck

Bauarbeiten für das Wittener Rathaus im Jahr 1922. Dahinter ist die Gedächtniskirche zu sehen. Foto: Stadtarchiv Witten / Repro: Fruck

Witten.   Der einst ausgewählte Entwurf hatte diesen noch. Der Baurat änderte die Pläne.  Damit war der Architekt aus dem Rennen. Rat tagte im Kaminzimmer.

Bei einem Vortrag vor 50 seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Ruhrgebiet im Ratssaal ist Wittens Denkmalpfleger Florian Schrader am Donnerstag tief in die Geschichte des Wittener Rathauses hinabgestiegen. Dabei förderte der Diplom-Ingenieur interessante Einsichten – und vor allem auch Ansichten – zu Tage.

Gebaut wurde das heutige Rathaus (abzüglich der späteren Südflügelerweiterung nach dem Zweiten Weltkrieg) von 1921 bis 1926. Die Pläne waren da schon nicht mehr ganz neu. 1907 hatte der Magistrat das Projekt angestoßen. Es habe in Witten „Begeisterungsstürme ausgelöst“, so Schrader. Im Architektenwettbewerb wurden 73 Entwürfe eingereicht. Die Stadt wählte schließlich den zweitplatzieren Vorschlag aus. Dessen Schöpfer, Professor Heinrich Jennen aus Berlin, fand Schrader heraus, habe sich in der Hauptstadt aber offenbar hauptsächlich mit dem Bau von U-Bahn-Stationen einen Namen gemacht. Bei seinem Rathausentwurf habe er sich „auf der Klaviatur des Historismus bedient“. Und: „Repräsentation war in der wilhelminischen Zeit das große Thema, die Büros für die Amtsgeschäfte waren nur der Annex.“ Ein wohlhabender Bürger habe für einen repräsentativen Ratssaal auch gerne die damals unglaubliche Summe von 10 000 Mark gespendet.

Dem Entwurf eine anderen Richtung verpasst

Der Berliner Professor aber sollte nicht mehr viel Freude an Witten haben. Nicht nur weil der Erste Weltkrieg und die Ruhrbesetzung durch die Franzosen dazwischenkamen und statt 1914 erst 1921 gebaut wurde. Ein damaliger Stadtbaurat, führte der Denkmalpfleger aus, habe den Jennen-Entwurf überarbeitet, diesem eine klassizistische Anmutung verpasst und ihn sich damit „zu eigen gemacht“. Der Berliner war damit rechtlich raus aus der Nummer, so Schrader.

Am auffälligsten: Statt eines trutzigen Zwiebelturms hat der Nachschöpfer dem Rathaus einen Turm mit Kuppel verpasst. Schade eigentlich – wo Witten doch sonst so stolz die Zwiebel im Schilde führt, die Zwiebelkirmes und den Zwiebelsackträgerstaffellauf erfunden hat.

Kaminnischen und schmucke Leuchter

Am repräsentativen Zuschnitt des Ratssaals gab es aber offenbar keine Abstriche. Das belegt die undatierte Schwaz-Weiß-Aufnahme aus der frühen Zeit: Sie zeigt hohe Säulen und Bögen, Stuck-Verzierungen, wohin man schaut, eine Kassettendecke mit ausgemalten Fächern, zwei Kaminnischen und prachtvolle Leuchter.

Der heutige Ratssaal, wohl in den 1960ern überarbeitet, versprüht dagegen einen spröden Charme. Die Kassettendecke ist noch vorhanden, aber in den Gefachen abgehängt und nicht mehr ausgemalt. Die Wände sind glatt gezogen und vertäfelt – nichts lädt hier mehr zum gepflegten politischen Diskurs beim knisternden Kaminfeuer.

Witten hat 275 eingetragene Baudenkmäler

Das Wittener Rathaus steht seit 1985 in der städtischen Denkmalliste. In der sind zur Zeit 275 Baudenkmäler, 33 Bodendenkmäler und ein „Denkmalbereich“ aufgeführt. Letztgenannter ist die Siedlung Witten-Ost (Rüdinghauser Str./In der Mark), die als Gesamteinheit geschützt ist. Als Bodendenkäler gelistet sind vor allem Stollen, Pingen, Halden und weitere Zeugnisse der Bergbaugeschichte, allen voran die im Muttental. Geschützte Bodendenkmäler sind aber auch das KZ Außenlager Immermannstraße (seit 1992), die Burgruine Hardenstein (2011) und der Steinbruch Rauen (2015).

Die 275 Baudenkmäler sind in der überwiegenden Zahl Wohnhäuser, darunter mehrere Häuser an der Schottraße sowie der Arbeitersiedlung in der Kronenstraße (seit 2006). In der Denkmalliste stehen außerdem zahlreiche, aber lange nicht alle Kirchen, eine handvoll Schulen (Pestalozzi, Kronen, Grundschulen Hellweg und Herbede, Ruhrgymnasium), außerdem (Krieger-)Ehrenmale, die Omega-Brücke und die Eisenbahnbrücke über die Herbeder Straße (Nähe Hbf), besondere Familiengruften, ehemalige Thyssen-Hallen in Annen, das Schleusenwärterhaus, die einstigen Rathäuser von Herbede und Annen, Kraftwerk Hohenstein und das Bahnviadukt über die Wetterstraße. Zu Wittens jüngsten Baudenkmälern zählt der Hammerteich, der seit 2017 geschützt ist. Die ersten Eintragungen in die Liste waren in Witten ab 1982 erfolgt, nach der Einführung des Denkmalschutzgesetzes in NRW.

Innenstadt führt „Hitparade“ bei Stadtteilen an

Interessant ist die Verteilung der Baudenkmäler über die Stadtteile: 109 im Bezirk Mitte (40 %), 63 in Herbede (23 %), 45 in Annen (16 %), 31 in Bommern (11 %), 17 in Heven (6 %), 7 in Rüdinghausen (3 %), 3 in Stockum (1 %).

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