Nahverkehr

Warnstreik trifft etliche Pendler und Schüler in Witten

Wie ausgestorben: der Busbahnhof in Witten am Dienstagmorgen (29.9.).

Wie ausgestorben: der Busbahnhof in Witten am Dienstagmorgen (29.9.).

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Der Busbahnhof in Witten wie ausgestorben, dafür volle Straßen: Nicht alle schaffen es heute pünktlich ans Ziel. Achtung, Warnstreik. Und nun?

Der Warnstreik im öffentlichen Nahverkehr hat am frühen Dienstagmorgen (29.9.) etliche Pendler auf dem Weg zur Arbeit und viele hundert Schüler in Witten getroffen. Die meisten wussten zwar Bescheid. Doch wie immer wurden manche von dem Verdi-Ausstand auch kalt erwischt.

Das große Chaos aus Elterntaxis, Durchgangsverkehr und Fahrradfahrern ist um kurz vor acht schon vorbei, da warten drei Menschen noch immer an der Haltestelle „Sprockhöveler Straße“ auf den 320er. „Oh“, sagt Selina Kukljac erstaunt, als sie hört, dass an diesem Dienstag (29.9.) hier kein Bus halten wird – trotz der vielen Schüler, die an der Rudolf-Steiner-Schule vorm Netto normalerweise aussteigen. Vielleicht ist es dieses Rudelprinzip: Wartet einer an der Haltestelle, denken andere, da muss doch was gehen.

Fahrgäste an Haltestelle in Witten wurden vom Warnstreik kalt erwischt

Während viele Verständnis für den Streik aufzubringen zu scheinen, ist Ilgar Wahlers regelrecht erbost. Auch er wartet an der Schule in Heven auf den 320er, um zur Arbeit im Toom-Baumarkt zu kommen. Er wäre bis zur Johannisstraße gefahren und von dort dann gelaufen. „Ekelhaft“, sagt er. „Mann, die Menschen müssen doch zur Arbeit!“ Jetzt wird er wohl zu spät kommen.

Etwas gelassener nimmt es sein Nachbar, der ebenfalls an der Haltestelle an der Billerbeckstraße steht. Nun, dann fängt der Deutschkurs bei der VHS in Annen heute wohl ohne Konstantin Skera an. Alternativen? Schwierig. Es soll zwar ein Bus (373) zur nahe gelegenen Holzkampschule fahren, so war es zumindest angekündigt. Aber wann und von wo?

Der Schnellbus von Witten nach Hattingen soll kommen. Aber was ist heute schnell?

Nicht jeder kennt sich so mit den Handy-Apps aus wie die wenigen Fahrgäste, die am Busbahnhof stehen. Mike Spenner (44) ist wie immer mit dem Zug aus Hagen gekommen. Nun will der Servicetechniker weiter zur Arbeit nach Hattingen. „Laut bahn.de soll der SB 38 kommen“, sagt er mit leiser Hoffnung in der Stimme. Nun, zur üblichen Zeit um 7.25 Uhr ist er jedenfalls nicht da.

Auch Dominique blickt sorgenvoll auf die Uhr. Der 18-jährige Azubi muss zur Arbeit ins Hammertal. Nur das Wort „Schnellbus“ ist heute wohl ein Widerspruch in sich. Wobei ihn die VER ja angekündigt hatte. So sollten auf einigen wenigen Linien private Busunternehmen eingesetzt werden.

Privater Busunternehmer fährt zur Uni in Witten

Und tatsächlich kommt da gerade Stefan Dombrowski angerauscht. Der 33-Jährige fährt für Citybus Killer im Auftrag der VER den 371er Richtung Uni und Dortmund-Oespel. „Doof, ich wäre auch lieber streiken“, sagt der junge Mann lachend – trotz einer langen Schicht von morgens um sechs bis nachmittags um fünf. Immerhin sieht er neben einigen versprengten Fahrgästen, die irgendwo an Haltestellen stehen, auch glückliche Gesichter von Menschen, die sich freuen, „wenn ich um die Ecke komme“.

Mittlerweile wird es hell, am Himmel stehen wunderschöne rosa Wölkchen. Es sind auffallend viele Fahrradfahrer unterwegs. Ein Junge rauscht mit einem Skateboard über den Bahnhofsvorplatz, während vor der Rudolf-Steiner-Schule ein Elterntaxi nach dem anderen hält. Nicht nur die VW-Bulli-Fraktion stoppt dort rechts am Rand. Manche Väter oder Mütter wenden sogar mitten auf der Straße.

Der Verkehr auf dem Bodenborn in Witten? „Heute Morgen eine Katastrophe“

Dass er seine Tochter bringt, sei aber die Ausnahme, sagt Andreas Westermann (44). Eine „Katastrophe“ nennt der Vater die Fahrt von Bommerholz nach Heven. „Irgendwas war mit der Ampel auf dem Bodenborn los.“ Verkehrsstaus sind an diesem Warnstreik-Morgen keine Seltenheit. Bis zur Hans-Böckler-Straße stehen sie auf der Herbeder Straße mal wieder in die Stadt hinein.

Trotz der Einschränkungen gibt es auch viel Verständnis für die Streikenden im öffentlichen Dienst. Sabine, die gerade am ZOB ins Auto ihrer Kollegin steigt, bekommt deren Nöte hautnah mit. Sie arbeitet im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke in der Verwaltung. „Die Pflege ist schlichtweg unterbezahlt“, sagt sie. Und dann seien ja auch noch die Mehrbelastungen durch Corona hinzugekommen. Applaus für die Streikenden gibt es an diesem kühlen Morgen aber nicht.

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