Türkei-Referendum

„Viele Türken fühlen sich in Deutschland nicht aufgenommen“

Auch das ist Integration: Die untere Bahnhofstraße ist von Ladenlokalen türkischstämmiger Geschäftsleute geprägt.

Foto: Thomas Nitsche

Auch das ist Integration: Die untere Bahnhofstraße ist von Ladenlokalen türkischstämmiger Geschäftsleute geprägt. Foto: Thomas Nitsche

  Warum haben so viele Wittener Deutschtürken pro Erdogan gestimmt? Es gibt viele Erklärungsversuche. Die Integration sei aber nicht gescheitert.

Drei Viertel aller im Ruhrgebiet lebenden Türken haben für die Verfassungsänderungen von Präsident Erdogan gestimmt. Das Ergebnis lässt viele Menschen, gerade Deutsche, ratlos zurück. Warum stimmen Bürger, die im freien Deutschland leben, für eine Türkei, die sich immer mehr von einem demokratischen Rechtsstaat entfernt?

Ist es womöglich die Antwort auf eine verfehlte Integrationspolitik? „Nein“, sagt Integrationsbeauftragte Claudia Formann. „Denn die Mehrheit der in Witten lebenden Türken ist gut integriert.“

Schulabschlüsse türkischer Kinder werden besser

Das sehe man etwa daran, dass die Schulabschlüsse türkischer Kinder immer besser würden, sagt Formann. Ein Wittener Beispiel für gelungene Integration sei „Kontrakt“, das Förderprogramm zur Chancengleichheit. Was die städtische Integrationsbeauftragte aber glaubt: „Viele Türken fühlen sich in Deutschland nicht aufgenommen. Dann hängt man sich leicht an so eine starke Persönlichkeit wie Erdogan.“

Diese Wahl lasse sich sozial erklären. Die türkische Gemeinschaft sei im Ruhrgebiet eben arbeitergeprägt.

Claudia Formann würde sich wünschen, dass man den hiesigen Türken mehr Mitbestimmung in der deutschen Politik zugesteht. „Weil sie nicht eingebürgert sind, können sie kommunal nicht mitentscheiden. Und die Staatsangehörigkeit zu wechseln, ist ein schwerer Schritt.“

Haslan Günesli, ein aus der Türkei stammender Kurde und Mitglied im Wittener Integrationsrat, ist vom Wahlverhalten der hiesigen Türken schwer enttäuscht. Gerade die dritte Generation jubele Erdogan begeistert zu, junge Leute, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und oft die doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Besser für Deutschland einsetzen

„Die deutsche Politik und die EU müssen dazu viel stärker Position beziehen“, fordert er. „Man sollte ganz klar sagen: Wer hier geboren ist, sollte sich auch für Deutschland einsetzen. Denn man lebt und arbeitet hier. Und wer das nicht will, soll zu Erdogan gehen.“ Der 56-Jährige bezweifelt, dass diese Menschen an der Landtagswahl im Mai teilnehmen. „Das machen die alle nicht.“ Haslan Günesli hat die deutsche Staatsbürgerschaft, „denn meine Heimat ist hier“.

Sheref Günez zählt mit seinen 19 Jahren genau zu jener dritten Generation. „Ich bin nicht wählen gegangen. Ich bin gespalten, stehe nicht hinter Erdogan, aber ich kann die verstehen, die es tun.“ Die ständige Provokation gegen den Präsidenten in den Medien habe ihn genervt. Ihm gefällt, dass sich der türkische Staat unter Erdogan um die Deutschtürken kümmere. „Das muss man respektieren.“

„Da hat das Gute gewonnen“

Bei Kocak Salih sorgt Erdogans Erfolg für beste Laune. „Diese Wahl hat nichts mit Integration zu tun. Da hat einfach das Gute gewonnen“, sagt der 48-Jährige, der seit 46 Jahren in Deutschland lebt. Dass viele junge Leute für den Präsidenten stimmten, sei nur logisch. „Weil diese Generation gebildet ist. Anders als die Jugend in einem türkischen Dorf.“

>>> Info: Wittener haben in Dortmund gewählt

  • Die Wittener Türken stimmten im Wahllokal in der Dortmunder Nordstadt ab. Das Generalkonsulat in Essen gab das Gesamtergebnis bekannt: 75,25 Prozent votierten für, 24,75 Prozent gegen die Reform. Stadtergebnisse wurden nicht erfasst.
  • 117.000 Revier-Türken waren wahlberechtigt, etwa 50 Prozent gaben ihre Stimme ab.
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