Soziales

„Viele trauen sich nicht, zur Tafel zu kommen“

Beim Tafel-Tag: Ehrenamtliche Christiane Schröer (2.v.li.) und Vorstandsmitglied Mareike Schreiber (2.v.re.) zeigen Anton und Gabriele Schnurr die Räumlichkeiten.

Beim Tafel-Tag: Ehrenamtliche Christiane Schröer (2.v.li.) und Vorstandsmitglied Mareike Schreiber (2.v.re.) zeigen Anton und Gabriele Schnurr die Räumlichkeiten.

Foto: Biene Hagel

Witten.   Mareike Schreiber vom Vorstand des Wittener Tafel-Vereins erzählt vom Tag der offenen Tür, von Armut und Hemmschwellen.

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Montags bis freitags bietet die Wittener Tafel Frühstück und Mittagessen an. Außerdem können Bedürftige im Lädchen das Notwendigste zum Leben günstig kaufen. Jetzt hat der Verein ausnahmsweise zum bundesweiten Tafel-Tag an einem Samstag die Türen an der Herbeder Straße 22 geöffnet. Mareike Schreiber vom Vorstand spricht im Interview über Armut, Lebensmittelspenden und Hausverbote.

Was war denn los am Tafel-Tag?

Mareike Schreiber: Diesmal wurde ein Jubiläum gefeiert, denn vor 25 Jahren wurde die erste Tafel in Berlin gegründet. In Witten gibt’s uns seit 22 Jahren. Am Tafel-Tag wollten wir auf Armut und Nachhaltigkeit aufmerksam machen, also darauf, dass durch uns weniger Lebensmittel verschwendet werden. Es hätten mehr Besucher da sein können, aber es hat sich gelohnt, die Türen unabhängig vom alltäglichen Betrieb zu öffnen.

Warum?

Es sind Leute gekommen, die sich das sonst nie getraut hätten und die wir nun als neue Kunden gewinnen konnten. Das ist super.

Wer kommt denn zur Tafel?

Junge Leute und Rentner ebenso wie 40- bis 50-Jährige und natürlich auch Flüchtlinge. In 2017 waren etwa 650 Kundenkarten im Umlauf. Die gibt’s nach Vorlage eines gültigen Leistungsbescheids und des Personalausweises. Mit denen können Bedürftige im Lädchen günstig einkaufen. Unabhängig davon haben wir rund 1600 Menschen mit Frühstück oder Mittagessen versorgt und insgesamt etwa 15 000 kostenlose Mahlzeiten zubereitet.

Woher beziehen Sie Ihre Waren? Ist immer genug im Haus?

Wir haben immer was da. Bei uns musste noch keiner ohne was gehen. Was und wie viel wir haben, hängt von den Sponsoren ab, also von den örtlichen Lebensmittelhändlern, von denen viele uns abgelaufene oder optisch nicht mehr einwandfreie Sachen spenden. Auch Privatpersonen bringen Spenden vorbei. Die Palette reicht von Kindernahrung über Nudeln, Obst, Milchprodukte und Eier bis zu Kaffee und Gewürzen. Unsere Leute holen das ab, die fahren schon morgens um sieben die Bäckereien an. Dann wird sortiert: Was kommt in die Küche, was in den Laden, was ins Lager? Wenn wir gerade Platz haben, nehmen wir auch Kleidung, Geschirr oder Bücher an, aber nur nach Absprache.

Die Entscheidung der Essener Tafel, Anfang des Jahres wegen zu starken Andrangs von Migranten vorübergehend nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu aufzunehmen, stieß auch bei Ihnen auf Unverständnis. Hatte die Diskussion darüber Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Tatsächlich haben sich viele aus der Stadt gemeldet und Interesse an unserer Arbeit signalisiert.

Mit welchen Problemen haben Sie dennoch zu kämpfen?

Natürlich sind wir immer auf Spenden angewiesen, auch auf finanzielle. Wartelisten gibt es bei uns aber nicht. Bei uns ist alles relativ überschaubar. Deshalb wohl gab es auch noch keine Handgreiflichkeiten, höchstens mal Gerangel in der Schlange. Wer sich nicht benehmen kann, kriegt Hausverbot. Aber ich würde nie einen ganzen Personenkreis ausschließen.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, dann wäre das...

...dass wir überflüssig werden.

>> INFORMATION

  • Jeder Interessierte kann unverbindlich bei der Tafel vorbeischauen und sich die Räume und das Angebot anschauen. Ehrenamtliche und Bundesfreiwilligendienstler unterstützen den Verein.
  • Die Tafel an der Herbeder Str. 22 ist Mo bis Fr geöffnet: Lädchen 9-13, Frühstück 8.30-11.30, Mittagessen 14-15, Büro 9-13 Uhr. Spenden: IBAN DE68 4525 0035 0000 0189 11, BIC WELADED1WTN.

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