1. Mai

Über 700 Wittener besuchen Maikundgebung vor dem Rathaus

Gut besucht war die Maikundgebung am Mittwochvormittag (1.5.) auf dem Rathausplatz in Witten.

Gut besucht war die Maikundgebung am Mittwochvormittag (1.5.) auf dem Rathausplatz in Witten.

Witten.   Ganz im Zeichen der bevorstehenden Europawahl stand die Maikundgebung am Mittwoch in Witten. Der Hauptredner ging mit Europa hart ins Gericht.

Über 700 Menschen haben bei der Maikundgebung auf dem Wittener Rathausplatz für ein gerechteres Europa demonstriert, ein Europa ohne Nationalismus und Abschottung.

Die Europawahlen am 26. Mai bestimmen das Bild dieser Maifeier an einem kühlen, grauen, aber trocknen Mittwochmorgen (1.5.). Die Parteien und viele Verbände sind mit Info-Ständen vertreten. Hier und da sieht man auch eine rote Fahne im Publikum.

Auffällig viele Politiker im Publikum zu sehen

Auffällig viele Politiker lassen sich blicken, etwa die Landtagsabgeordneten Nadja Büteführ (SPD) und Verena Schäffer (Grüne), SPD-Fraktionschef Uwe Rath, Bürgermeister-Stellvertreter Lars König (CDU) und der ehemalige Unions-Fraktionsvize Arnulf Rybicki. Die Menschen lassen sich Bratwürste mit Senf schmecken. Stelzenläufer sorgen für gute Laune. Für die Kinder gibt’s bunte Ballons.

„Europa – jetzt aber richtig“ lautet das Motto dieser Maikundgebung. Der stellvertretende Kreisvorsitzende des DGB, Henry Fox, fordert die Wittener auf, wählen zu gehen. „Verteidigt am 26. Mai Europa und tragt dazu bei, dass die Rechtspopulisten im EU-Parlament eine Minderheit bleiben“, ruft er. Der Brexit zeige, wohin deren leeren Versprechungen und konstruierten Fakten führten. Fox: „Zu wirtschaftlicher Unsicherheit und politischem Chaos.“ Die Bürgermeisterin erinnert an den Frieden, für den die Europäische Union seit Jahrzehnten sorge.

Bürgermeisterin erinnert an den Frieden in Europa

„Die Älteren unter uns wissen noch, was es heißt, einen Krieg zu erleben“, sagt Leidemann. Diesen Frieden gelte es zu bewahren. „Wir in Witten sind mit über 130 Nationen stolz auf unser friedliches Zusammenleben“, sagt sie. Die Bürgermeisterin wirbt für europäische Werte wie „Freiheit, Demokratie und Rechstaatlichkeit“. Sie hebt gleichzeitig die Bedeutung der EU für die Wittener Wirtschaft hervor. Über 80 Prozent der Firmen exportierten. „Die EU ist auch ein Gegengewicht gegenüber den amerikanischen Sanktionen.“

Gastredner Marco Bülow, fraktionsloser Bundestagsabgeordneter und früher bei der SPD, geht mit der EU scharf ins Gericht. Man dürfe die Kritik nicht den Rechtspopulisten überlassen. Der Linke prangert ein „neoliberales System“ an, das die Ungleichheit weiter verschärfe. „Es macht uns als Menschen kaputt, weil es alle Lebensbereiche ökonomisiert.“ Bülow: „Wir brauchen ein soziales Europa, keins für die Konzerne, die wenig Steuern bezahlen.“


Gastredner: Deutschland muss Vorbild sein

Der Abgeordnete fordert ein „Europa der Menschen, der Vielfalt, der Kultur“. Ja, natürlich müsse man gegen die Rechten kämpfen, sich aber auch fragen, „was wir falsch gemacht haben“. Sonst werde deren Zulauf noch größer sein. Bülow fordert ein „neues System“ und nicht nur „Reförmchen und kleine Korrekturen“.

Deutschland müsse in Europa Vorbild sein, habe aber den größten Niedriglohnsektor in der EU und stehe beim Klimaschutz mittlerweile auf der Bremse. Bülow prangert die „Rüstungsspirale“ ebenso an wie fehlende Gesetze gegen neue Bankenpleiten oder eine wirksame Erbschaftssteuer, die auch „die Aldis und Quandts“ betrifft. Er geißelt die Macht der Konzerne und den Lobbyismus. „Auf jeden Bundestagsabgeordneten kommen drei bis vier bezahlte Lobbyisten.“

Warnung vor einer Abstiegsgesellschaft

Der Parlamentarier fordert eine „vernünftige CO2-Steuer“, die auch Investitionen in die Bildung ermöglicht, einen Mindestlohn von zwölf Euro, eine Finanztransaktionssteuer, gerechtere Handelsabkommen und mehr Steuerfahnder. Gleichzeitig warnt er vor einer „Abstiegsgesellschaft in Deutschland“.

Ja, noch gehe es vielen gut. Doch Erfolg hänge nach wie vor davon ab, wo man geboren sei und wieviel Geld die Eltern hätten. „Selbst wer sich abrackert, kommt unten nicht mehr raus“, ruft Bülow, der oft Applaus bekommt. Die Tafeln, sagte er zum Schluss, müssten in diesem reichen Land überflüssig sein.

Paar aus Annen vermisst Aussagen zur Mütterrente Werner Preuss von der SPD in Annen mit Fahne bei der Maikundgebung.

Beifall, Pfiffe, genug der Reden. Wie er die Hauptrede des Bundestagsabgeordneten fand? „Halb und halb“, sagt Rentner Werner Preuß (78) vom SPD-Ortsverein Annen. Er trägt eine rote Fahne und hätte sich wie seine Frau mehr Worte zur Mütterrente gewünscht. Karin Preuß (74): „Meine Rente war niedriger als die Grundrente.“ Die Anerkennung von Erziehungszeiten „mit einem blöden Punkt bringt mir nichts. Davon könnte eine alleinstehende Frau nicht leben“.

Nun ja, dazu wurde tatsächlich nichts gesagt. Musik setzt ein. Auch das Ehepaar Preuß lassen sich die gute Laune nicht verderben. Man trifft alte Bekannte, redet miteinander, lacht, isst und trinkt. Der 1. Mai will gefeiert werden.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben