Jubiläum

Treuer WAZ-Leser feiert seinen 90. Geburtstag

Günter Schleimer auf seinem Balkon in Bommern.

Foto: Thomas Nitsche

Günter Schleimer auf seinem Balkon in Bommern. Foto: Thomas Nitsche

witten.   Günter Schleimer aus Bommern war Mitgründer der Tafel und des Börsenclubs und liest seit 65 Jahren die WAZ. Außerdem ist er topfit.

Jeden Morgen tritt er ein paar Minuten auf dem Heimtrainer in die Pedale. Jede Woche geht er schwimmen, außerdem täglich eine Runde spazieren und im Urlaub wird gewandert. Das sieht man Günter Schleimer auch an. Als er die Tür seiner Bommeraner Wohnung öffnet, lacht uns ein Mann im besten Alter an: 90 Jahre wird er am Sonntag (16.7.) und ist topfit – körperlich wie geistig. Was vielleicht auch daran liegen mag, das er seit 65 Jahren die WAZ liest.

„Die Tageszeitung ist wichtig, um mich über Dinge zu informieren, die in Witten passieren“, sagt Günter Schleimer. Längst hängt er an diesem Ritual. Jeden Morgen nach dem Frühstück nimmt er sich ein Stündchen Zeit fürs Lesen. „Und dann geht der Tag los.“ Jetzt will er aber nicht nur erzählen, dass er immer donnerstags bei der Awo Skat spielt oder sein Mittagessen fast täglich selber kocht. Jetzt will er seine Geschichte erzählen. „Ich habe so viel erlebt. Wenn Sie eine flotte Feder haben, dann können Sie einen Bestseller schreiben.“

Die ersten 20 Jahre seines Lebens will er vergessen

Die ersten 20 Jahre seines Lebens, das an der Billerbeckstraße begann, will Günter Schleimer eigentlich vergessen. Denn es war eine Zeit der Entbehrungen. „Im Elternhaus war das Geld sehr knapp und das Wort Liebe war unbekannt.“ Schon als Kind musste er hart arbeiten. Der Hevener erlebte den Krieg und war in Gefangenschaft. Doch er will nicht nachträglich darüber jammern – im Gegenteil. „Ich habe versucht, aus der Misere der Jugend Kapital zu schlagen.“ Soll heißen: Die schwere Zeit habe ihm nicht geschadet, sondern ihn abgehärtet.

Sein beruflicher Werdegang begann im Bergbau. Mit 14 schmiss er die Handelsschule, ging zum Arbeitsamt und bat um eine Lehrstelle. Nach vier Wochen erhielt er die Nachricht, sich auf Zeche Klosterbusch in Herbede vorzustellen. Es klappte – auch ohne Zeugnis konnte er gleich anfangen zu arbeiten. 360 Stunden im Monat, samstags und sonntags.

Im Ruhestand gründete er die Wittener Tafel mit

Als die Zeche 1961 geschlossen wurde, wechselte Günter Schleimer zum ersten Mal den Arbeitsplatz, landete in der Eisengießerei und fünf Jahre später in der Tiefkühlbranche. Danach bekam er einen Job bei der Herbeder Maschinenfabrik. Zuletzt arbeitete er in der chemischen Industrie. „Man muss ja beweglich sein“, sagt er.

Mit 63 ging Günter Schleimer in den Ruhestand, suchte und fand schnell eine neue Aufgabe. Er war Mitbegründer der Wittener Tafel und unterstützte sie als Schatzmeister. „Ich habe selbst Armut kennengelernt und dachte, da kannst du dich gut einbringen.“ Im Jahr 2000 hob er mit 20 weiteren „Spekulanten“ den Wittener Börsenclub aus der Taufe. Ja, er sei seit 1955 Aktienbesitzer, seine erste stammte von AEG. Seitdem hat er die Kurse täglich im Blick, „das hält den Kreislauf in Schwung“.

Er verfolgt intensiv das Weltgeschehen

Womit es der Jubilar nicht so hat, das sind Computer. Mit dem Tablet, das er sich vor einem Jahr zulegte, kam er nicht recht klar. „Was soll ich mich damit ‘rumärgern, da lass’ ich’s lieber sein.“ Dafür verfolgt und diskutiert Günter Schleimer umso intensiver das Weltgeschehen. Er blickt besorgt auf Krieg und Terror und ist froh, „keine 30, 40 oder 50 mehr zu sein“.

So, für einen Roman hat der Platz in der Zeitung leider nicht gereicht. Aber für eine kurze Geschichte über ein langes Leben.

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