Neu in Witten

Tour durch Witten offenbart eine Stadt voller Gegensätze

Am Bergerdenkmal auf dem Hohenstein hat Redakteurin Gesa Kortekamp für ein paar Minuten glatt vergessen, dass sie sich im Ruhrgebiet befindet.

Am Bergerdenkmal auf dem Hohenstein hat Redakteurin Gesa Kortekamp für ein paar Minuten glatt vergessen, dass sie sich im Ruhrgebiet befindet.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Wer zum ersten Mal nach Witten kommt, wird nicht gerade von den schönen Seiten der Stadt empfangen. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Mein erster Eindruck von Witten? Klein, grau, halt keine Schönheit. Zumindest mein erster Gang vom Hauptbahnhof Richtung Innenstadt erfüllte einige der Klischees, die man von einer Stadt im Ruhrpott haben kann, wenn man vom „Dorf“ in Ostwestfalen kommt. Aber schöne Ecken gibt es doch überall, oder? Als neue WAZ-Redakteurin in der Lokalredaktion Witten habe ich mich einmal auf den Weg gemacht – und festgestellt: Witten hält einige Überraschungen bereit.

Erste Überraschung: Die Innenstadt ist mehr als die Bahnhofstraße und die Stadtgalerie. Das Wiesenviertel kommt zwar etwas unscheinbar daher, wirkt mit seinen kleinen Cafés und Kneipen aber sehr gesellig. Einladend. Weniger positiv ist, was dann folgt: die erste große Baustelle. Davon werden mir heute noch einige begegnen. Ich sage nur: Pferdebachstraße.

Grün löst Grau ab: der Hohenstein in Witten

Meine kleine Sightseeing-Tour führt mich natürlich zum Hohenstein. Ich habe gehört, da soll es ganz schön sein. Das stimmt. Das Grau der Innenstadt wird abgelöst von Grün. Es duftet nach Wiese, die Vögel zwitschern, das Wasserwerk tief unten gibt ein beruhigendes Rauschen von sich – gut, ein paar Autos und Lkws mischen sich auch in die Geräuschkulisse. Aber das tut der Idylle keinen Abbruch. Man könnte fast vergessen, dass man sich im Ruhrgebiet befindet.

Nicht weit entfernt am Hammerteich ist es ganz still. Dass sich die Natur hier zurückholt, was der Mensch künstlich angelegt hat, scheint aktuell wieder ein großes Thema zu sein. Obwohl ich heute zum ersten Mal auf der kleinen Brücke in der Nähe des Spielplatzes stehe, würde ich mir wünschen, dass der kleine Stausee nicht bald das Schicksal der trocken gelegten Drei Teiche teilt. Gewässer bedeuten Lebensqualität. Besonders im Ruhrgebiet.

Der Weg zu meiner nächsten Station führt über kurvige Straßen, an kleinen steinernen Mauern vorbei, unterm Viadukt hindurch. Wirklich malerisch. Am Ende eines kleinen Tunnels wartet das „andere Witten“ an der Wetterstraße. Graue Klötze anstatt von Cottages, die hier viel besser hingepasst hätten.

Odyssee über die Pferdebachstraße

Was folgt, ist „an sich eine schöne Allee“, wie mein persönlicher „Tour Guide“ die Annenstraße nennt. „Naja“, denke ich mir und frage mich, ob die grauen Klötze nach ein paar Jahren vielleicht vom Gehirn ausgeblendet werden. Oder ob „schön“ im Ruhrpott eine spezielle Bedeutung hat? Ich jedenfalls finde es hier nicht „schön“. Auch wenn das Bebelviertel mit seinen Galerien zumindest den Willen ausdrückt, den Stadtteil weiterzuentwickeln.

Jetzt wird meine gar nicht mal so kleine Sightseeing-Tour zu einer kleinen Odyssee. Es geht über die Pferdebachstraße – und endet plötzlich vor einem Bauzaun. Die Wegeführung ist im Wortsinne etwas holprig. Einmal Wenden und ein schimpfender Bauarbeiter später schlängeln wir uns weiter durch die abgesperrte Straße.

Harmonie mitten in der Innenstadt in Witten

Gerade noch umgeben von typischen 70er-Jahre-Bauten, fahren wir auf einmal wieder an Wiesen, Wäldern und Feldern vorbei. Witten – eine Stadt der Gegensätze? Die nächste Station könnte beispielhaft dafür stehen: Im Muttental trifft Industrie auf Idylle. Die Grubenbahn, der Stollen, die Kaue – wer noch nie ein Bergwerk von innen gesehen hat, bekommt dort einen Einblick in die für das Ruhrgebiet so charakteristische Industrie.

Voller neuer Eindrücke endet meine Tour da, wo sie angefangen hat: im Wiesenviertel. Hier kennt man sich. Hunde und Menschen begrüßen sich. Die Stimmung wirkt harmonisch. „Das ist doch kein Aschenbecher“, ruft ein Mann mit Hund über die Straße, als ein Mann mit Hut seinen Zigarettenstummel achtlos aufs Pflaster wirft. Prompt steht Letzterer von seinem Platz im Café auf und hebt die Kippe mit einer entschuldigenden Geste wieder auf. „Danke“, sagt der Hundehalter und verabschiedet sich. Nett hier!

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben