Stolpersteine

Stolpersteine halten Erinnerung an NS-Terror wach

Mit dem Bohrmeißel öffnete Künstler Demnig den Asphalt im Parkweg, um dort Stolpersteine zu verlegen.

Mit dem Bohrmeißel öffnete Künstler Demnig den Asphalt im Parkweg, um dort Stolpersteine zu verlegen.

Foto: Jürgen Theobald

Witten.   14 neue Stolpersteine sind in der City und Herbede verlegt worden. Sie erinnern an Opfer des Nazi-Terrors. Viele Bürger wohnten der Aktion bei.

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An vier Stellen in Herbede und der Innenstadt sind am Wochenende (17. 12.) neue „Stolpersteine“ verlegt worden. Sie erinnern an die Schicksale jüdischer Familien. Wittener Schüler trugen maßgeblich zu dem Projekt bei.

„Routine wird das nie.“ Mehr als 60000 „Stolpersteine“ in 21 Ländern hat er bereits verlegt – der Kölner Bildhauer und Künstler Gunter Demnig hat das einzigartige Projekt Anfang des Jahrtausens ins Leben gerufen, um an die zahllosen Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Längst sind die Stolpersteine ein fester Begriff geworden. „Sie geben den Opfern einen Namen, ein Gesicht, und halten so die Erinnerung an sie wach.“ Vor den letzten selbst gewählten Wohnstätten werden die glänzenden Messingsteine mit Namen und Lebensdaten in den Boden eingelassen.

In der Meesmannstraße in Herbede wohnte Famlie Eichenwald, Gustav und Emma mit Tochter Grete. Die Eltern starben in Auschwitz, nur Tochter Grete gelang die Flucht in die USA. „Es ist heute wichtiger denn je, die Erinnerung an das grausame Regime der Nazis wachzuhalten“, sagt Bürgermeisterin Sonja Leidemann. „Vor dem Hintergrund der zahlreichen Diktaturen der politischen Gegenwart muss diese Mahnung lebendig bleiben.“

Deshalb freut sie sich ebenso wie Gunter Demnig ganz besonders über das große Interesse der Jugend. An vier Orten in Witten werden an diesem kalten Adventssamstag die Gedenksteine verlegt, insgesamt 14 Steine. Dies ist bereits die fünfte Stolperstein-Aktion in Witten. Die Lebensgeschichten der jüdischen Familien, an die hier erinnert wird, wurden in sorgfältiger Recherche von Historikern und Historikerinnen unter der Leitung von Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin des Stadtarchivs Witten, erarbeitet. Wittener Schülerinnen und Schüler stellen die Biographien der Opfer des Nationalsozialismus vor.

Junge Syrerin sieht Parallelen zum eigenen Leben

„Die Schüler haben sich mit ihren Lehrern sehr umfassend in Unterrichtsreihen und Workshops mit den Lebensläufen beschäftigt“, weiß die Historikerin. „Das ist etwas ganz anderes als das schlichte Lernen von Zahlen und Ereignissen. Die Berührungspunkte zu ihrer eigenen Stadt schaffen eine ganz besondere Verbindung.“

Und nicht nur das – manchmal entdecken die Jugendlichen auch Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Wie die junge Syrerin Yamamah Alabed, die an der Ruhstraße 19 über das Leben der Jüdin Hannelore Leiser spricht: „Ich wollte Hannelores Geschichte vorstellen, weil sie ähnlich wie meine Geschichte ist.“ Die Repressalien, der die Familie durch den IS ausgesetzt war, die gefährliche Flucht über die Türkei, Griechenland und den Balkan – die 13jährige kennt die Angst aus eigener Erfahrung.

Sehr berührend ist auch der Festakt am Parkweg. Die dort verlegten Steine erinnern an das Ehepaar Max und Rahel Mayer. Als Gunter Demnig Strom für seine Werkzeuge braucht, hilft ein freundlicher Bewohner des Altbaus gerne aus. Für den 87jährigen Günter Sticht ist diese Aktion vor seinem Wohnhaus von ganz besonderer Bedeutung. Er hat fast sein ganzes Leben in diesem Haus verbracht und eine enge Verbindung zu Familie Mayer: „Mein Mutter ist mit Rahel Mayer gemeinsam zur Schule gegangen, ins Schiller-Lyzeum. Die Mayers waren nach den Erzählungen meiner Eltern sehr liebe und hilfsbereite Menschen.“

Kleine Momente der Zivilcourage in dunkler Zeit

Und dass es auch in dunklen Zeiten kleine Momente der Zivilcourage gab, hat er auch zu berichten: „Mein Onkel wohnte damals mit seinen Söhnen hier im Erdgeschoss. Und in der Reichspogromnacht, als die ersten jüdischen Familien von den Nazis überfallen wurden, hat er seine Söhne in ihren Uniformen der Hitler-Jugend vor die Haustür gestellt und sie angewiesen, den wütenden Mob fortzuschicken.“

Mit zarten kleinen Fingern fährt Emil (3) über die glänzende Oberfläche der drei Steine vor dem Gebäude an der Ruhrstraße 40. Sein Vater Christoph Palmert kniet neben ihm und versucht mit behutsamen Worten, dem Sohn zu erklären, was diese Steine bedeuten. „Als ich in der fünften Klasse war, wurde das Denkmal an der Synagogenstraße eingeweiht“, erzählt der Wittener. „Und das hat mich damals herzlich wenig interessiert.“

Erst im Laufe der Jahre sei das Bewusstsein für die Verbrechen der Nationalsozialisten in ihm gewachsen. Und er freut sich jetzt besonders, dass gerade die Jugendlichen sich so engagieren: „Die Stolpersteine sind ein großartiges Projekt!“

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