Jobcenter

Sicherheit in Wittens Jobcenter nach Angriffen auf Prüfstand

Der Haupteingang des Jobcenters in Witten-Annen ist frei zugänglich. Er war nur an den Tagen verschlossen, als ein 36-Jähriger die Angestellten in Angst und Schrecken versetzte.

Der Haupteingang des Jobcenters in Witten-Annen ist frei zugänglich. Er war nur an den Tagen verschlossen, als ein 36-Jähriger die Angestellten in Angst und Schrecken versetzte.

Foto: Jürgen Theobald (theo) / FUNKE Foto Services

Witten.  Nach den Angriffen auf Mitarbeiter des Jobcenters Witten wird das Sicherheitskonzept hinterfragt. Kritische Töne kommen von Beschäftigten selbst.

Nach den Angriffen auf Mitarbeiter des Wittener Jobcenters fühlen sich manche Beschäftigte offenbar nicht mehr sicher. „Die Polizei zeigt sich seit Montag relativ präsent. Jedoch empfinden wir die Situation als sehr bedrohlich“, sagt jemand, der nach eigenen Angaben für die Behörde arbeitet. Die denkt nun über verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wie Security-Personal oder weitere Hinterausgänge nach.

Ein 36-jähriger Mann, der der Polizei als „unangenehmer Zeitgenosse“ längst bekannt ist, hatte das Jobcenter in Annen drei Tage lang in Atem gehalten – und einige der 120 Mitarbeiter in Angst und Schrecken versetzt. Der Wohnungslose, dessen Leistungen aufgrund seines unklaren Aufenthaltsortes vorübergehend ausgesetzt worden waren, soll randaliert, Telefone aus der Wand und Blumendeko umgeworfen haben.

In den geschützten Mitarbeiterbereich drang er zwar nicht ein. Aber er griff mehrere Angestellte draußen in der Mittagspause an. Auf der Annenstraße soll er einen Beschäftigten am Kragen gepackt und schon zu einem Schlag ausgeholt haben. Dieser konnte sich losreißen und in den nahen Real flüchten. Zwei Kolleginnen und ein weiterer Mann brachten sich in einem Geschäft in Sicherheit.

Kritiker: „Es wird einfach nichts für uns Mitarbeiter getan“

Es seien auch Autos zerkratzt worden, will jener Mitarbeiter wissen, nach dessen Angaben die Situation weiterhin als bedrohlich empfunden wird. „Hier ist niemand, der uns nach der Arbeit zu den Autos begleitet.“ Seine Kritik gipfelt in dem Vorwurf: „Es wird einfach nichts für uns Mitarbeiter getan.“

Es müsse wohl erst etwas wie in Hattingen passieren, wo vor zwei Jahren ein Angestellter mit einem Messer angegriffen wurde, so der Kritiker. Erst daraufhin seien Kameras in den Eingangsbereichen installiert worden. In Witten gibt es weder Kameras noch Sicherheitspersonal.

Der Leiter des Jobcenters EN, Heiner Dürwald, räumt ein, dass die Mitarbeiter nach den jüngsten Vorfällen verunsichert seien, „gar keine Frage“. Gleichzeitig betont er, dass das Sicherheitskonzept im Haus selbst gegriffen habe. Büros und Wartezonen für die Leistungsempfänger seien baulich getrennt, „so dass die Mitarbeiter jederzeit geschützt sind“.

Leiter des Jobcenters Ennepe-Ruhr: „Die Sicherheit im Gebäude funktioniert“

Wer als Kunde einen Termin habe, so Dürwald, rufe vom Wartebereich aus seinen zuständigen Sachbearbeiter an, der ihn dann abholt. Die Mitarbeiter, die an einer Empfangstheke sitzen und auch für Leistungsempfänger ohne Termin zuständig sind, seien durch einen gläsernen Schalter geschützt. An jedem Schreibtisch gebe es außerdem Notrufsysteme via EDV. Der Behördenleiter betont abermals: „Die Sicherheit im Gebäude funktioniert.“

Dass ein aggressiver Mensch Angestellte nun auf der Annenstraße verfolgt habe, sei eine „neue Situation gewesen“, sagt Dürwald. Natürlich werde man das Sicherheitskonzept nach diesen Vorfällen noch einmal überdenken, kündigt der 61-jährige an, der mit dem Landrat die betroffenen Mitarbeiter in dieser Woche in Witten besucht und in Einzelfällen psychologische Hilfe angeboten hat. Es gab Krankmeldungen.

An eine Personenkontrolle am Eingang ist derzeit in Witten nicht gedacht

An eine Personenkontrolle am Eingang sei im Moment nicht angedacht, sagt der Jobcenter-Chef auf Nachfrage. Bisher habe man sich auch gegen Security-Personal entschieden, um weitere Barrieren zu vermeiden. Er warnt in diesem Zusammenhang vor einer „Scheinsicherheit“. „Wir hätten dadurch nicht verhindert, dass jemand auf der Annenstraße aggressiv wird.“

Als Dienstleister, so Dürwald, sei man weiterhin um eine gute Atmosphäre im Jobcenter bemüht. Er spricht von einem Spagat „zwischen Bürgerfreundlichkeit und Abschottung“. Nach der tödlichen Messerattacke auf einen Angestellten 2012 in Neuss habe man Hunderttausende in die Sicherheit in Witten investiert. Ob die Sicherheit der für knapp 12.000 Hartz-IV-Empfänger zuständigen Mitarbeiter nun noch weiter verschärft wird, sei eine „Frage der Abwägung“. Bei dem aktuellen Neubau des Jobcenters in Schwelm werde man die nötigen baulichen Standards gleich von Anfang an mit berücksichtigen.

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