Sommer-Interview

Seit zehn Jahren versorgen Ruhrtal-Engel Kinder mit Essen

Hans-Peter Skotarzik hat die Ruhrtal-Engel gegründet.

Hans-Peter Skotarzik hat die Ruhrtal-Engel gegründet.

Foto: Barbara Zabka

Witten.   Hans-Peter Skotarzik (58) ist Initiator und Chef des Vereins Ruhrtal-Engel. Er stellt klar: „Die Engel, das sind die Kinder.“

In der Küche der Ruhrtal-Engel riecht es heute nach Linsensuppe, zwei Helferinnen decken die gemütlichen Tische ein, im Spielzimmer bauen zwei Mädchen einen Turm. Und mittendrin sitzt er, der Mann, der für viele nur „der Peter“ ist. Der ruhende Pol, der Manager, der Macher: Hans-Peter Skotarzik (58) ist der Vorsitzende des Vereins, der eine kostenlose Mittagsversorgung für bedürftige Kinder in Annen anbietet. Vor zehn Jahren hatte er die Idee dazu, jetzt blickt er für uns zurück auf die Anfänge.

Peter, wenn du morgens hier reinkommst und die schönen Räume siehst, bist du dann stolz?

Dann sehe ich erst mal, dass da Handtücher auf der Heizung liegen, die da nicht hingehören. Das stört mich, die müssen weg. Da bin ich wohl etwas kleinkariert. Aber ja, von außen betrachtet, bin ich wahrscheinlich auch stolz drauf.

Ihr habt ja nicht hier in diesen Räumen angefangen.

Nein, zuerst hatten wir eine kleine Halle im Hinterhof der Annenstraße 142. Da hatten wir, wenn es hochkommt, Platz für zwölf Kinder, 2009 war das.

Wie ist es denn damals dazu gekommen?

Ich hatte eine Trinkhalle in Wanne-Eickel, da komm ich ja her. Da habe ich immer wieder erlebt, dass Kinder vor der Schule schon Chips und Süßes kaufen, um überhaupt etwas in den Magen zu bekommen. Als ich dann später krank wurde und 2005 nach Witten kam, um mit 45 Jahren einen kompletten Neustart zu machen, ging mir das Thema Kinderarmut nicht mehr aus dem Kopf. Und an Heiligabend 2007 haben wir dann schließlich mit zehn Mitgliedern den Verein gegründet.

Und dann sind die Kinder gleich zu deiner neuen ,Armenküche’ in Annen gekommen?

Nein, natürlich nicht. Wir haben es mit einem kleinen Trick geschafft. Wir haben Handzettel in den Grundschulen verteilt und „Kochkurs“ draufgeschrieben. Am nächsten Tag standen schon zehn Kinder auf der Matte. Erst haben sie ein bisschen geschnippelt, und dann gegessen. So fing es an. Aber wir sind auch keine Armenküche, das Wort nutzen wir nicht. Es geht um Bedürftigkeit. Die Kinder brauchen etwas, aus verschiedensten Gründen, und wir geben es ihnen.

Einige Kinder kommen seit Jahren

Wie viele Kinder habt ihr seitdem versorgt?

Hunderte, einige kommen seit Jahren. Inzwischen kommen im Schnitt 30 Kinder zu uns in die neuen Räume an der Annenstraße 83, und wir haben auch etwa 30 Ehrenamtler, die uns beim Kochen helfen.

Was kostet das?

3000 Euro im Monat, 1500 für Lebensmittel, der Rest für Fixkosten wie Miete, Versicherungen und Strom. Das muss alles allein über Spenden reinkommen.

Bereitet dir das schlaflose Nächte?

Ja, anfangs war das so. Vor allem zwischen Januar und März, wenn so gut wie keiner was spendet. Aber inzwischen nicht mehr, ich kann gut schlafen. Und wenn’s doch mal eng wird: Wir haben ja viele treue und großzügige Spender. Zum Glück wird unser Netz immer größer.

Dafür bist du aber auch jeden Tag im Einsatz, oder?

Ja, morgens um 8 Uhr beantworte ich als erstes die Mails, dann komme ich her. Jeden Tag. Urlaub kenne ich gar nicht.

Respekt, du hast hier viel aufgebaut, bist hier der Chef-Engel. Trotzdem weiß man über dich nicht viel. Hast du eigentlich Familie?

Wir waren zu Hause sechs Geschwister, aber bei meiner Mutter saßen auch immer schon mehr Kinder mit am Tisch. Ich bin geschieden, habe eine Tochter, die ist inzwischen 35, und zwei Enkel. Ich habe nach einem Umzug zunächst in Heven gewohnt, jetzt lebe ich in Stockum, in einer Erdgeschoss-Wohnung, weil die Knie nicht mehr so wollen – einer kleinen, was mein Hartz-IV-Satz so erlaubt. Aber übrigens – das ist ein dauerndes Missverständnis: Die Engel, das sind nicht wir. Das sind die Kinder.

Aber was treibt dich um, wenn du nicht im Verein bist?

Mich nervt die Vermüllung der Stadt. Mir macht Sorgen, dass die AfD so viel Zulauf hat. Mir ist Loyalität ganz wichtig, aber ich bin ein ewiger Meckerfritze. Und mit Komplimenten kann ich nicht umgehen.

Nur 20 Euro als Jubiläumsgeschenk von der Stadt

Und politisch – was bist du da? Du sitzt ja seit Jahren im Rat, jetzt für die Wählergemeinschaft. Bist du links oder rechts?

Weder noch. Ich bin Querkopf. Ich habe jahrelang SPD gewählt, jetzt würde ich sagen: Ich bin ganz einfach sozial. Mich ärgert, dass das Thema Kinderarmut niemanden zu interessieren scheint. In all den Jahren im Rat und im Jugendhilfeausschuss bin ich ein einziges Mal von einem Mitglied darauf angesprochen worden. Das finde ich beschämend. Und weißt du, was wir von der Stadt zum zehnjährigen Jubiläum bekommen haben? Einen Scheck über 20 Euro. Ehrlich, da fühlt man sich doch verarscht.

Und wenn du dir was wünschen dürftest für die Ruhrtal-Engel?

Dass es uns gar nicht zu geben brauchte. Aber weil das unrealistisch ist, sage ich: Ich wünsche mir kostenfreie Schulverpflegung für alle Kinder. Und bis dahin: Dass die Unterstützung für den Verein so bleibt, wie sie ist. Ach nein, sie dürfte noch ein bisschen mehr werden.

>> INFORMATION

  • Die Wittener Kinder- und Jugendküche an der Annenstraße bereitet täglich frisch ein gesundes Mittagessen zu, das zwischen 13 und 14 Uhr zusammen gegessen wird.
  • Ehrenamtler, die helfen wollen – entweder beim Kochen oder bei einer der vielen anderen Aufgaben –, sind gerne gesehen. Info: 2039672.
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