Kultur

Sechs Frauen berichten in Theaterstück von Flucht aus Syrien

Sechs Syrerinnen erzählen in dem Theaterprojekt „Und wir dachten, ihr sprecht englisch“ ihre eigene Geschichte. Auf ihren dunklen Sweatshirts sind die Namen der Städte zu lesen, die ihre Heimat waren.

Foto: Barbara Zabka

Sechs Syrerinnen erzählen in dem Theaterprojekt „Und wir dachten, ihr sprecht englisch“ ihre eigene Geschichte. Auf ihren dunklen Sweatshirts sind die Namen der Städte zu lesen, die ihre Heimat waren. Foto: Barbara Zabka

Witten.  Sie kamen mit dem Boot übers Meer, heute leben sie in Witten. Sechs Flüchtlingsfrauen erzählen in einem bewegenden Theaterstück ihre Geschichte.

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Der Saal der Johannisgemeinde ist prall gefüllt mit über 100 Besuchern. Die Atmosphäre flirrt vor Anspannung und Erwartung. Viele Familienmitglieder sind gekommen, aber auch Teilnehmer des Gottesdienstes, die sich hier sonst zum Kirchencafé treffen.

Seit März haben junge Frauen mit der Theaterpädagogin Eva Kuypers geprobt und nun ein berührendes Stück Fluchtgeschichte auf die Bühne gebracht.

Viel Lachen trotz Schwierigkeiten bei der Verständigung

Es handelt vom Leben, von den bedrückenden und schweren Erlebnissen. Dennoch wurde viel miteinander gelacht, auch weil die Verständigung schwierig ist und so mancher Satz so schön falsch ausgedrückt wird. Die Hauptdarstellerinnen kommen aus Kobane, aus Idlib, Aleppo und Latakia in Syrien und sie hatten ein gutes Leben, ungefähr bis 2010. Die damals zwölf bis 14 Jahre alten Mädchen waren mit ihren Freundinnen im Stadtpark und haben alles getan, was deutsche Mädchen auch machen würden.

Sie erzählen von ihrer Hochzeit, kurdischen Festen, davon, dass sie auch in Syrien schon Theater gespielt haben und auf Arabisch Rotkäppchen aufführten, wie sie ein Baby bekommen haben und ihr Land liebten. Dann kam der Krieg. Attentate und tägliche Luftangriffe auf Idlib.

"Wir wollten nicht fliehen, aber wir mussten."

Bei einer Frau führte das zu Kopfschmerzen – ein Tumor im Kopf wurde entdeckt. Bei der Flucht wird der Vater einer Frau verhaftet, die Kinder müssen durch den Wald getragen werden, Der IS nähert sich Kobane, Aleppo wird eingekesselt. „Wir wollten nicht fliehen, aber wir mussten.“

Die Musik wirkt bedrohlich, als alle ihre wenigen Habseligkeiten in einen Rucksack packen und losziehen – ziellos, durcheinander, ein Schlauchboot wird auf die Bühne gezogen, alle drängen sich zusammen, Schlepper werfen eine Tasche, die einzige Habe der Geflüchteten, wegen der Enge über Bord.

Von einer Notunterkunft in die nächste

Midea und ihren beiden kleinen Kinder sind sieben Stunden auf dem Meer vor der türkischen Küste Richtung Griechenland. Sie überleben – und werden später, bei ihrer Ankunft in Deutschland, irgendwo im Niemandsland bei Passau an einer Bundesstraße ausgesetzt. Eine Anwohnerin schenkt ihnen eine Decke und übergibt sie der Polizei. Die Behörden verschieben sie von einer Notunterkunft in die nächste, Dortmund, Unna und dann Witten.

Nun werden sie überflutet mit Papieren, mit unverständlichen Ausdrücken wie Berufsschule, Jobcenter, Schulbescheinigung, Familienkasse, Arbeitsgenehmigung, Ausbildungsplatz. Die Bürger heißen sie willkommen, helfen ihnen und bringen neue Worte in ihr Leben: Picknick, Stadtbummel, Besuch, Tanzen, erklären Dinge wie Religionsfreiheit, Frieden, Spielplatz. „Und wir dachten, ihr sprecht Englisch“ – so der Titel des Theaterstücks.

Kinderbetreuung während der Proben war unverzichtbar

Maryam, Mariah, Midea, Babul, Mama und Kheiniya stehen dort nach allem, was ihnen passiert ist, und sprechen von ihren Wünschen: Ausbildungs- und Studienplätzen, dass sich die ganze Familie wiedersehen kann, dass die Väter und Ehemänner Arbeit finden und kein Deutscher beim Anblick ihrer Kopftücher denkt, dass sie Terroristinnen sind.

Dann fließen Tränen der Rührung und der Erleichterung auf Seiten der Schauspielerinnen und der Theaterpädagoginnen. Eva Kuypers ist so froh, dass alle durchgehalten haben. Die Frauen sind sehr eingespannt durch ihre familiären Pflichten. So war die Kinderbetreuung während der Proben unverzichtbar.

Jetzt startet ein Theaterprojekt für Kinder

Die Zuschauer verlassen diskutierend den Saal. „Es ist so mutig, dass diese jungen Frauen sich hier hinstellen und über ihre Emotionen sprechen. Das hat mich sehr gerührt“, sagt Karin Schuck,.Zuschauer Marco Waldschmidt ergänzt: „Bewegend und aufklärend.“

Das erfolgreiche Projekt war nur der Anfang. In der kommenden Woche geht es weiter mit den Proben zu einem Theaterprojekt für mehr als vierzig Kinder.

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