Graffiti

Graffiti-Sprayer soll in Witten 100 Mal zugeschlagen haben

Fassungslos und wütend: Iris Greder, die das Geschäft „Wein und Tee Brenken“ in der Wittener Heilenstraße betreibt, steht vor der besprühten Hoftür neben ihrem Laden. Oberdreist: Die Sprayer tobten sich direkt gegenüber der Polizeiwache aus.Foto:Bastian Haumann

Fassungslos und wütend: Iris Greder, die das Geschäft „Wein und Tee Brenken“ in der Wittener Heilenstraße betreibt, steht vor der besprühten Hoftür neben ihrem Laden. Oberdreist: Die Sprayer tobten sich direkt gegenüber der Polizeiwache aus.Foto:Bastian Haumann

Witten.   Ein Sprayer wird auf frischer Tat erwischt. Die Polizei ordnet „Bruz“ jetzt 100 Taten zu. Wie Schmierer die Stadt verschandeln.

Es war einer der ganz seltenen Fälle, in denen die Polizei einen Sprayer auf frischer Tat schnappen konnte. Am 24. Januar hatten Zeugen einen 16-Jährigen kurz vor Mitternacht dabei beobachtet, wie er auf dem Parkplatz des Supermarktes Netto an der Crengeldanzstraße den dortigen Unterstand für Einkaufswagen großflächig mit Farbe besprühte. Die Ermittlungen gegen den Jugendlichen wurden laut Kripo gerade abgeschlossen. Dem Schüler werden jetzt rund 100 Taten zur Last gelegt.

Sein Schriftzug, in der Sprayerszene kurz „Tag“ genannt, den er auf Hauswänden in der ganzen Stadt hinterließ, war „Bruz“. „Wir haben lange daran gearbeitet. Die Sache liegt jetzt frisch bei der Staatsanwaltschaft“, sagt Wittens scheidender Kripo-Chef Ralf Tietz. Der Täter sei – wie der Sprayer „Raster“ – in ganz Witten aktiv gewesen. „Bruz“ sei ein in der Innenstadt alleine lebender junger Mann, der für seine Taten nicht weit laufen musste. „Informanten“, so Tietz, habe er dadurch bestraft, dass er an ihre Hauswände „Judas“ sprühte.

Täter brauchen oft nur Sekunden

Der Sprayer „Raster“ sei im Herbst 2017 von Zeugen bei einer seiner Taten beobachtet worden. Auch der Anfang 20-Jährige ist laut Tietz für rund 100 Delikte verantwortlich. Seine Festnahme habe den berufstätigen Mann offenbar nicht nachhaltig beeindruckt. „Anfang des Jahres ist er wieder an der Stockumer Straße beim Sprayen gesehen worden.“ Die Staatsanwaltschaft wolle die Taten zur Anklage bringen. Tietz: „Das ist mein letzter Stand.“

Die Täter brauchen oft nur Sekunden, dann sind ihre Schmierereien an der Wand, auf dem Garagentor, dem Parkscheinautomaten, dem Stromkasten. Erwischt werden Sprayer in den meisten Fällen nicht, „weil wir nur sehr wenige Hinweise von Zeugen bekommen“, wie Kripo-Chef Tietz bedauert. Er beobachtet die vor allem seit 2016 stetig wachsende Graffiti-Flut in der Stadt intensiv. Der Ermittler schätzt, dass nur maximal zehn Prozent der Sachbeschädigungen angezeigt werden.

Zu wenige Hausbesitzer erstatten Anzeige

Auch wenn er dies für falsch hält, kann Tietz die Beweggründe von betroffenen Hausbesitzern nachvollziehen. Nicht selten spiele da Resignation eine Rolle. „Die Leute sagen, den Schaden müssten sie sowieso auf eigene Kosten entfernen lassen und nach kurzer Zeit sei dann alles so verschmiert wie vorher.“ Daher ließen viele die Graffiti auch gar nicht beseitigen. Auch ein Fehler, wie der Kripo-Chef weiß. Weil zumeist auf eine Schmiererei die nächste folgt.

Beispiele dafür findet man zuhauf in der ganzen Stadt. Etwa in der Obergasse. Ein Teil der dortigen Häuser und Garagen hat vor nicht allzu langer Zeit einen frischen Anstrich erhalten. Offenbar eine Aufforderung für die Sprayerszene, die die „jungfräulichen“ Flächen als Leinwände betrachtet. Sehr ärgerlich findet dies Gastronom Sebastian Schreiber, der Sebo´s Café im Eckhaus Obergasse/-straße betreibt. Auch der schmucke Altbau blieb von den Schmierereien nicht verschont. „Der Vermieter hat die Hauswände deshalb streichen lassen“, sagt Schreiber. Weiß blieben sie aber nur kurze Zeit. In seinem Café versucht der Wirt, es seinen Gästen gemütlich zu machen. „Dann wird das Auge auch von schlechten Sachen abgelenkt.“

Innenstadt ist „schmutzig und schäbig“

Iris Greder, die das Geschäft „Wein und Tee Brenken“ in der Heilenstraße betreibt, ärgert sich über das von Graffiti verschmierte Hoftor rechts neben ihrer Ladentür. Und das Tor liegt auch noch direkt gegenüber der Polizeiwache. „So etwas verschandelt das Stadtbild“ und sei auch geschäftsschädigend, meint Greder. Die von Stammkunden hört, dass sie sich nach dem Besuch ihres Geschäftes schnell wieder aus der Innenstadt verabschieden. „Die ist mittlerweile schmutzig und schäbig und lädt nicht zum Verweilen ein. Mir sagen Kunden, dass sie da lieber im Bochumer Ruhrpark einkaufen gehen.“

Zwei Gehminuten weiter, auf dem Kornmarkt, macht ein Mitarbeiter der Stadtreinigung auf einer Bank seine Mittagspause. Auf die weithin sichtbar von Sprayern verschmierte Wand unter der Kneipe „Old House“ reagiert der Mann mit einem Kopfschütteln. „Profikunst wäre in Ordnung, aber so etwas ist Mist.“

An der Johanniskirche zwei “Kreuze“ entfernt

Auch die direkt an der Johanniskirche liegenden Häuser wurden von Sprayern heimgesucht. „Es wird hier nicht schöner. Das ist sehr störend und unangenehm“, sagt Küsterin Blazenka Weber-Lorenz. Sie fügt hinzu: „Wir haben auch schon einiges am Johanniszentrum entfernen lassen“ – und an der Kirche im vergangenen Jahr zwei auf dem Kopf stehende Kreuze – Symbole für die Verspottung und Ablehnung des christlichen Kreuzes.

Auch Kripo-Chef Ralf Tietz ist der Ansicht, dass die Graffiti-Schmierereien in der ganzen Stadt die Lebensqualität in Witten mindern. „Man wird der Vielzahl von Taten nicht Herr.“

>>> TROTZ HOHER BELOHNUNG KEINE HINWEISE

Keinen Erfolg hatte 2017 der Versuch der Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte – nach Sprayer-Attacken auf Genossenschaftshäuser im Dieckhoffsfeld und an der Crengeldanzstraße – Belohnungen für Hinweise auf die Täter auszuloben.

Im Falle des Crengeldanzes waren es 5000 Euro. Vorstand Gerhard Rother: „Es hat sich niemand gemeldet. Das hätte ich nicht gedacht.“

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