Rosenmontag

Partystimmung am Wittener Hauptbahnhof

Süße Mäuse am Wittener Hauptbahnhof.

Foto: Jürgen Theobald

Süße Mäuse am Wittener Hauptbahnhof. Foto: Jürgen Theobald

witten.   Wittens Jugend nimmt Reißaus und fährt mit dem Zug nach Düsseldorf, um dort Karneval zu feiern. Fast alle sind kostümiert und bestens gelaunt.

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Rosenmontag in Witten und keiner geht hin? Genau so ist es, denn alle fahren weg, zumindest tagsüber. Die jungen Leute zieht es in die Hochburgen Köln und vor allem Düsseldorf. Drum tobt vormittags der Bär am Hauptbahnhof in der Ruhrstadt.

Und nicht nur der Bär steppt hier gegen zehn Uhr. Häschen, Mickymäuse, Schweinchen, Drachen und Enten bevölkern den Bahnsteig. Denn gleich geht’s los. Ab Gleis 4 fährt ein Zug um 10.19 Uhr Richtung Aachen. Schon eine Stunde vorher stehen sie hier und feiern sich warm, Musikbeschallung inklusive. „Lass mich deine Badeente sein“ steht auf einem kuschelig gelben Kostüm. Anmachsprüche im Karneval müssen schließlich nicht intellektuell beeindrucken. Ein anderer trägt sein „Durchfeier-Rezept“ spazieren: einen Kasten Bier.

Nonne, Kampfpilot und Harry Potter

Ganzkörperkostüme sind bei den Temperaturen angesagt – obwohl sich viele auch von innen wärmen. Wer keine Flasche in der Hand hält, bei dem klirrt es im Rucksack ziemlich verdächtig. Auch die Truppe mit den beiden Pippi Langstrümpfen hat Getränke in bunten Farben dabei. Wohin es geht? Klar, nach Düsseldorf. „Da waren wir letztes Jahr schon. In Witten is doch nix los“, sagt „Pippi“ alias Svenja (18). Im Schlepptau hat sie Hannah (18), deren Zöpfe ordnungsgemäß abstehen (Draht sei Dank), außerdem Nonne Jessica (18), Kampfpilot Daniel (22) und Harry Potter, der eigentlich Anna (19) heißt, sowie Jenny (19) und Jacky (17), die als Zwillingsschulmädchen gehen.

Ja, Verkleidung ist Pflicht. „Sonst braucht man auch nicht zum Karneval zu gehen“, sagt Svenja. Gleich im Zug wird die Stimmung weiter steigen. „Die Fahrt ist eigentlich das Beste“, findet die junge Wittenerin. Abend so gegen 18 Uhr werden sie wieder daheim und komplett erledigt sein, vermutet sie.

Etwas abseits stehen zwei ältere Herren und beobachten das Treiben mit sichtlich gemischten Gefühlen. Dabei wollen Rudi (67) und Kalle (68) sogar nach Köln. „Da fahren wir nur hin, weil wir eine Einladung haben“, stellt Kalle klar. „Aber wir sitzen auf der Tribüne. Mit allem Zipp und Zapp“, schiebt Rudi hinterher. Er ist noch in Zivil.

Kein Kostüm? Rudi hält eine große Plastiktasche hoch, aus der was Flauschiges rausguckt. „Ein Küken oder so.“ Echte Begeisterung klingt anders. Kalle trägt schon Kopfschmuck: eine pelzige Husky-Kappe, die mollig wärmt. Er ist optimistisch: „Wenn man einmal mittendrin ist, wird man schon angesteckt von der Karnevalsstimmung.“

„Wir waren doch auch mal jung“

Die gute Laune, die geht einer anderen Frau, die ebenfalls auf den Zug wartet, komplett ab. Dabei stammt sie ursprünglich sogar aus Köln und zog nur der Liebe wegen ins Revier. Jetzt ist sie auf dem Weg zur Arbeit und schimpft über die „Ruhrpöttler“, die von echter Karnevalskultur doch so gar nichts wüssten, wie sie lautstark verkündet. Dem Mann neben ihr ist das sichtlich peinlich: „Wir waren doch auch mal jung“, sagt er und lächelt entschuldigend.

Dann endlich kommt der Zug – und ordentlich Bewegung in die Horde. Sträflinge, Supermänner, FBI-Agentinnen und Hippies rennen um die Wette, um noch einen Platz zu ergattern. Der Zugbegleiter lächelt milde. Mit drei Minuten Verspätung fährt die feierwütige Jugend ihrem Ziel schließlich entgegen. Zurück bleiben: leere Pinnchen und Flaschen, manche gar zerbrochen. Ein Sammler füllt seine Tragetasche, um später das Pfand zu kassieren. Ein Mann, der auf dem Nachbargleis wartet, guckt ungläubig auf das, was vom Vormittag übrig blieb. „Die Ruhe nach dem Sturm“, sagt er über die plötzliche Stille.

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