Integration

Neue Serie: Wie läuft es mit der Integration in Witten?

Hunger haben alle: In der Gastronomie wird Integration längst gelebt, wie hier im City-Kebaphaus auf der unteren Bahnhofstraße.

Foto: Thomas Nitsche

Hunger haben alle: In der Gastronomie wird Integration längst gelebt, wie hier im City-Kebaphaus auf der unteren Bahnhofstraße. Foto: Thomas Nitsche

Witten.   Einen Döner bitte! Im Kebaphaus geben sich Deutsche und Türken, Schwarze und Weiße die Klinke in die Hand. Wie läuft es mit der Integration?

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Wie läuft’s denn eigentlich mit der Integration? Ist sie vielleicht sogar gescheitert? Diese Frage stellen sich viele, nachdem insbesondere türkischstämmige Revierbürger pro Erdogan und das heftig umstrittene Verfassungsreferendum in der Türkei gestimmt haben.

Die Lokalredaktion bricht die große Frage aufs kleine Witten herunter – und fragt jene, die es unmittelbar betrifft: Türken, Deutsche, aber natürlich auch andere Ausländer in unseren Reihen. Fangen wir doch gleich vor der eigenen Haustür an, auf der unteren Bahnhofstraße, die man auch als „Klein-Istanbul“ bezeichnen könnte.

Großer Trubel bei City-Kebap

Drüben, im City-Kebap, herrscht der übliche Mittagstrubel. Knoblauchwurst, Döner, Sucuk-Teller, süße Baklavas – der Hunger führt sie alle zusammen. Schwarz und Weiß, Türken und Deutsche. „So Jungs, alles drauf?“, fragt der freundliche Mann hinterm Tresen. „Bei mir alles außer scharf“, sagt Obed (11) aus Ghana, der sich mit seinem Freund Jonas (11) gerade einen Döner bestellt hat.

Stellen wir unsere Frage, mit der wir gekommen sind, doch einmal Guido Vogel, der sich gerade ebenfalls etwas zu essen holt. Wie läuft’s denn eigentlich mit der Integration? „Ich würd’s eher positiv sehen“, sagt der Betriebswirt und Zahntechniker. „Man sieht’s bei den Leuten im Gesicht.“ Wie bitte? Ach so, verschlossene Türken sehen anders aus! „Es ist nicht wie bei der Merkel, dass die Wangen so runterhängen.“

Und was sagen die Männer, die gerade wieder das Messer an den Fleischspieß setzen? Die Frage nach der Integration geht zwar zwischen Döner, Pizzen und Pommes unter. Aber es gibt klare Aussagen: „Wir sind gegen Erdogan!“ Die „echten Türken“, die für ihn gestimmt hätten, „haben keine Ahnung von Politik. Sie sind gegen alles, gegen Kurden, gegen dies, gegen das.“

Erdogan-Anhänger im Haus nebenan

Wir ziehen ein Haus weiter. Und finden Erdogan-Anhänger. Positiv sei das, was sich unter ihm in der Türkei geändert habe. „Er setzt sich durch für sein Volk“, sagt einer, der seinen Namen nicht nennen will. Aber zurück zur Integrationsfrage. Was zum Beispiel meint Zeinab Jawad, eine junge Libanesin, die wir in der unteren Bahnhofstraße treffen.

„Bei mir ist das alles ganz normal“, sagt die 23-Jährige, die die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. „Manchmal merkt man, dass Leute was gegen uns haben, zum Beispiel gegen das Kopftuch oder den Islam. Viele andere sind aber ganz normal, reden normal, sind ganz zufrieden.“ Ob sie deutsche Freundinnen hat? „Ich bin hier geboren, ich muss deutsche Freundinnen haben!“

Sprache immer noch große Hürde

Wir treffen Monika und Klaus, ein Ehepaar mittleren Alters, das unsere Frage nach der Integration kurz und bündig beantwortet: „Schlecht!“ „Viele wollen sich einfach nicht richtig anpassen“, meint Monika. Sie und Klaus kritisieren vor allem mangelnde Sprachkenntnisse. „Ich war mit einigen 25 Jahre auf der Arbeit zusammen. Manchmal dachte ich, wenn ich mich unterhalten habe, die sind vier Wochen hier“, sagt Klaus.

Monika stört auch die Kleidung. „Das Vermummte ist ganz schlimm!“ Obwohl sie in Deutschland lebten, „leben sie ihr eigenes Leben“. Aber es gebe auch sehr gut integrierte Türken, betonen beide. „Wir haben über Jahre mit Türken zusammengewohnt, die sehr gut Deutsch sprechen.“

Die Sprache, sie ist tatsächlich noch immer ein großes Thema, obwohl die ersten Gastarbeiter schon vor 50 Jahren kamen. Das kann Birol Cagdas nur bestätigen, der das Reisebüro auf der unteren Bahnhofstraße betreibt und Mitglied des Integrationsrates ist. Für die Integration, meint er, „wird in Witten zu wenig getan“.

Damit meint er sowohl die offizielle Seite als auch seine eigenen Landsleute. „Sie müssten sich mehr für Deutschkurse interessieren.“ Der 42-Jährige, der in Deutschland geboren ist, beobachtet auch: „In meiner Jugend war das Verhältnis gemischter, ich war mehr mit Deutschen unterwegs. Heute gibt es wieder eine stärkere Gruppenbildung.“

„Es wird zu wenig getan“

Doch es werde auch vom Integrationsrat, von Verwaltung und Politik zu wenig getan. „Ich komme mit meinen Vorstellungen nicht durch“, sagt das Mitglied der Wittener Internationalen Liste.

Werde zum Beispiel ein Begegnungszentrum vorgeschlagen, heiße es sofort: „Es ist kein Geld da.“ Auch für Sprachkurse, die Förderung des Sports oder Behördengänge müsse mehr getan werden. „Wir brauchen eine Anlaufstelle im Rathaus, wie es sie auch in anderen Städten gibt“, sagt Birol. Welche Note er der Integration in Witten gäbe? „Eine Vier.“

>>> Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen!

Unsere Redaktion sammelt Leserstimmen: Wie läuft es mit der Integration in Witten?

Die hohe Zustimmung für das Verfassungsreferendum in der Türkei bei türkischstämmigen Revierbürgern lässt Integrationsexperten zweifeln: Warum stimmen so viele Menschen für noch mehr Macht des türkischen Präsidenten, obwohl sie seit vielen Jahren in Deutschland leben und hier alle Vorteile eines demokratischen Rechtsstaats erleben? Warum stärken sie Erdogan, der die Demokratie in der Türkei schleift, noch den Rücken?

Ist das Abstimmungsverhalten womöglich ein Zeichen, dass es mit der viel beschworenen Integration hierzulande, also bei uns, doch nicht so weit her ist? Die Wittener Lokalredaktion nimmt die Situation vor Ort unter die Lupe. Wir sprechen mit türkischstämmigen Mitbürgern und Wittenern deutscher Herkunft, gucken in die Wohngebiete, in die Schulen, in die Vereine, in die Moscheen. Natürlich fragen wir auch die Politik, etwa den Wittener Integrationsrat.

Uns würde vor allem interessieren: Welche Erfahrungen haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit der Integration gemacht? Wie erleben Sie das Miteinander im Wittener Alltag? Wo gibt es Probleme, was funktioniert gut? Schreiben Sie uns kurz oder rufen Sie an, wenn Sie etwas zum Thema beitragen wollen: redaktion.witten@waz.de, Postanschrift: Redaktion, Bahnhofstr. 62, 58452 Witten, Tel. 02302/ 910 30 31.

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