Pogromnacht

Nazi-Gräuel: Schulleiter entschuldigt sich für „Schweigen“

Stilles Gedenken: An die Pogromnacht vor 81 Jahren in Witten wurde am Samstag (9.11.) an der ehemaligen Synagoge an der Breite Straße erinnert. Vorne von rechts: Bürgermeisterin Sonja Leidemann, Klaus Lohmann, Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft sowie Gabriel Steckelbach, Selin Yurtsever und Jasna Lohmann vom Ruhr-Gymnasium.

Stilles Gedenken: An die Pogromnacht vor 81 Jahren in Witten wurde am Samstag (9.11.) an der ehemaligen Synagoge an der Breite Straße erinnert. Vorne von rechts: Bürgermeisterin Sonja Leidemann, Klaus Lohmann, Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft sowie Gabriel Steckelbach, Selin Yurtsever und Jasna Lohmann vom Ruhr-Gymnasium.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Leiter Dirk Gellesch hat sich für das Schweigen seiner Schule vor 81 Jahren entschuldigt. Damals nahm der Angriff auf Juden dort seinen Anfang.

Es ist kalt und grau an diesem Samstagmorgen (9.11.), ein Wetter, das zur traurigen Stimmung passt, die die Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Pogromnacht in Witten begleitet. An der ehemaligen Synagoge erinnern Schüler, Lehrer und Bürgermeisterin an die Gräuel der Nazis, die dort am 9. November 1938 begannen.

Bevor sie losschlugen, hielten Nazis Gedenkfeier in der alten Aula ab

In einer Rede hat sich der Leiter des Ruhr-Gymnasiums, Dirk Gellesch, für das „Schweigen“ seiner Schule vor 81 Jahren entschuldigt und um Verzeihung gebeten. In der alten Aula hätten damals die Nationalsozialisten mit Lehrern und ehemaligen Schülern eine Gedenkfeier abgehalten, bevor der Terror begann. Gellesch: „Von unseren Räumlichkeiten nahm das Unheil in der Nacht vom 9. auf den 10. November seinen Lauf.“ Die Synagoge an der Breite Straße stand direkt an der Schule.

Die Synagoge wurde in Brand gesetzt, Wohnungen und Läden von jüdischen Mitbürgern in der Haupt-, Ruhr- und Bahnhofstraße gestürmt und verwüstet, Menschen gejagt. Und während unter großem Gejohle die Gewalt ihren Lauf nahm, sagt Gellesch, „begann bei den Bürgern in Witten mit wenigen Ausnahmen ein gewaltiges und fast unerträgliches Schweigen. Und ich muss bekennen: Auch unsere Schule hat geschwiegen“.

Wittener Schulleiter: „Schweigen nützt niemals den Opfern“

Der Direktor baut eine Brücke in die Gegenwart und erinnert an Worte, die „erst den Kopf und dann das Herz vergiften“, eine Anspielung auf die Reden von AfD-Politikern, die vom „Denkmal der Schande“ und einem „Vogelschiss“ sprachen.

Jetzt dürfe man nicht mehr schweigen, warnt Gellesch, weder in der Politik, noch in der Kirche, in der Schule, im Verein, in der Kneipe, im Freundeskreis, in der Bahn, im Bus oder auf der Straße. „Schweigen nützt niemals den Opfern“. Gellesch appelliert an die rund 70 Zuhörer, „gemeinsam einen Weg für Witten zu suchen, damit aus dem Schweigen ein mutiges Wirken wird“.

Wittener Bürgermeisterin erinnert auch an den Fall der Mauer vor 30 Jahren

Anschließend legen der Schulleiter, Schüler, die Bürgermeisterin, die an diesem „historischen Tag“ auch an den Fall der Mauer vor 30 Jahren und den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle erinnert, sowie Klaus Lohmann als Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft einen Kranz vor dem Gedenkstein der ehemaligen Synagoge nieder.

Es folgt eine Schweigeminute. Schüler halten eine helle Rose in der Hand, die sie ebenfalls aufs Pflaster legen. Ein Gesamtschüler erinnert an die nächste Stolpersteinverlegung zum Gedenken der Nazi-Opfer am Dienstag (12.11.). „Wir dürfen niemals vergessen, was geschehen ist.“

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