Stadtgeschichte

Möhne-Katastrophe: 15 Hevener retteten sich auf einen Baum

Noch vor dem Scheitelpunkt der Flut: In der Hevener Insel-Siedlung hielt nur das Schleusenwärterhaus (hinten links) stand, in dem Fährmann August Rosendahl wohnte. Auch das Maschinenhaus (vorn) des Wasserwerks brach später zusammen.

Foto: Archiv, Repro: Fischer

Noch vor dem Scheitelpunkt der Flut: In der Hevener Insel-Siedlung hielt nur das Schleusenwärterhaus (hinten links) stand, in dem Fährmann August Rosendahl wohnte. Auch das Maschinenhaus (vorn) des Wasserwerks brach später zusammen. Foto: Archiv, Repro: Fischer

Witten.   Nach der Zerstörung der Möhnetalsperre erreichte Witten eine Flutwelle im Mai 1943. Die Hevener Insel-Siedlung wurde bis auf ein Haus zerstört.

„Mit der Geschwindigkeit eines Kraftwagens raste die Flutwelle, Tod und Vernichtung verbreitend, talwärts, sättigte sich in den Ortschaften gleich unterhalb der Sperre mit Hunderten von Menschenleben, überrannte in der Ruhraue liegende Gehöfte, zerstörte Brücken und Uferstraßen. Weiter abwärts eilte der Polizeifunk vor der Flutwelle her und scheuchte Menschen in kopfloser Flucht auf das höher liegende Ufergelände.“ Diese Sätze, die der damals in Bommern lebende Paul Ruge später für den Heimat- und Verkehrsverein verfasste, lassen das Grauen erahnen, das nach der Zerstörung der Möhnetalsperre durch britische Bomber heute vor 75 Jahren, am 17. Mai 1943, über das Ruhrtal hereinbrach.

Auto wurde vom Wasser mitgerissen

Werner Jacob (82), damals ein siebenjähriger Lausbub in kurzer Lederhose, weiß noch heute, wie sich die Schreckensnachricht „in Windeseile“ verbreitete. Statt in die Schule führte sein Weg zur Bommeraner Ruhrbrücke. „Die Wassermassen rissen alles mit sich, was sich in den Weg stellte – ganze Gartenhäuschen sah ich vorbeirasen, einen Misthaufen, auf dem sich noch Hahn und Hühner festkrallten, Tierleichen und Balken.“

Jacob sah auch, dass ein Autofahrer sich nicht davon abhalten ließ, die überflutete Ruhrmannstraße zu befahren: „Er wurde vom rasenden Wasser fortgerissen – ich höre noch heute seine verzweifelten Schreie!“ Sicher weiß es Jacob nicht, aber er geht davon aus, dass der Fahrer in den Fluten ertrank. Möglicherweise sei das der 31-Jährige gewesen, dessen Leiche erst am 23. Mai (siehe Kasten) geborgen wurde.

Wittener Ruhrtal wurde zu einem großen See

Hans-Ulrich Hake (93), damals 18 Jahre jung und später Rektor der Bommerfelder Schule, hat die Geschehnisse 1997 für den Heimat- und Geschichtsverein Bommern aufgearbeitet. Danach erreichte die Flutwelle gegen 11 Uhr Witten, sie „machte aus dem Ruhrtal einen großen See“. Fußgänger benutzten anstelle der gefährdeten Bommeraner Brücke den Eisenbahn-Viadukt. Bis zum Burogebäude der Schaufelfa­brik Bredt stand das Wasser.

Während Bommern selbst am tiefsten Punkt bei Steger mit leichten Schäden davonkam, traf es die Hevener Köttersiedlung „Insel“ neben der Ruhrschleuse umso härter. Fast alle Fachwerkhäuser verschwanden in den Fluten. „Im Schutz des einzigen nicht ganz zerstörten massiven Hauses“, so Hake, „flüchteten etwa 15 Einwohner auf einen Baum, wo sie bis zum Abklingen der Flutwelle ausharren mussten.“ Sämtliche Gebäude der nahen Kläranlage wurden zerstört. Lediglich das alte Schleusenwärterhaus überstand – mit herausgespültem Fachwerk – die Katastrophe. Die Wohnhäuser wurden nicht wieder aufgebaut.

Acht Häuser völlig zerstört

Die Bilanz für Witten: Totalschaden an acht Häusern, ein schwer beschädigtes Gebäude, mittlerer Schaden an 25 und leichter Schaden an 60 Wohnungen. Außerdem: Schäden an den Wasserwerken, Zerstörung der Kläranlage und der Ruhrschleuse, Produktionsausfälle in Fabriken und Zechen. Nach den Angaben, die Helmuth Euler (84) in seinem Buch „Wasserkrieg“ festhält, wurden in Witten 200 Menschen obdachlos und auch weite Teile des Gussstahlwerks überflutet, die damals zum Großkonzern Vereinigte Stahlwerke AG gehörten.

>>> INFO: Drei Todesopfer aus Herbede und Witten

  • Werkmeister Hallenbach stand auf einer Mauer am Eingang der Fa. Lohmann in Herbede. Er ertrank, als die Strömung die Mauer umriss. Die Herbederin Gertrud Ahlmeier war eins der vielen Opfer in Günne – direkt unterhalb der Möhnetalsperre.

  • Die Leiche eines Bommeraners (31) wurde am 23. Mai aus einem Wasserwerksbecken an der Herbeder Straße geborgen.

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