Statistik

In Witten ist jeder zweite ein Ein-Personen-Haushalt

Allein in der Stadt: Laut einer Statistik gibt es in Witten viele Ein-Personen-Haushalte.

Foto: Bastian Haumann

Allein in der Stadt: Laut einer Statistik gibt es in Witten viele Ein-Personen-Haushalte. Foto: Bastian Haumann

Witten.   Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte wächst seit zehn Jahren. Der Trend zeigt sich nicht nur im EN-Kreis, sondern auch im Rest der Region.

Kein Partner, der bei einem wohnt, keine Kinder, kein Mitbewohner – etwa jeder zweite Wittener Haushalt ist ein Ein-Personen-Haushalt. Ihr Anteil lag im Vorjahr bei 45 Prozent. Das geht aus dem statistischen Jahresbuch 2017 hervor, das die Stadt veröffentlicht hat.

2005 lag der Anteil der Ein-Personen-Haushalte noch bei 39,8 Prozent. „Die Entwicklung in den letzten Jahren ist erstaunlich“, sagt Gerd Germakowsky von der städtischen Statistikstelle. „Aber Witten nimmt hier keine Sonderrolle ein. Das ist ein allgemeingesellschaftlicher Trend.“ Wie eine aktuelle Studie des statistischen Landesamts NRW belegt, lebt im gesamten Ennepe-Ruhr-Kreis etwa jeder Fünfte allein. Zehn Jahre zuvor war es noch etwa jeder Sechste (2005: 16,6 Prozent, 2015: 18,8 Prozent).

Single-Wohnungen sind nachgefragt

Als alleinlebend gilt in diesem Zusammenhang, wer in einem Ein-Personen-Haushalt lebt. Es müssen nicht unbedingt Singles sein. Erfasst werden Ledige genauso wie verheiratet getrennt Lebende, Geschiedene, Verwitwete und Menschen ohne Kinder oder Mitbewohner. Landesweit ist die Zahl in den vergangenen zehn Jahren um eine halbe Million gestiegen.

Über die Gründe der Entwicklung in Witten will Statistiker Gerd Germakowsky nicht spekulieren. „Eine Erklärung könnten Scheidungen sein. Es ist auch möglich, dass die Zahl der Studierenden steigt, die in einem Ein-Zimmer-Appartement in der Stadt wohnen.“ Ob die Zuwanderung von Flüchtlingen dazu geführt hat, dass die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Witten steigt, lässt sich laut Germakowsky schwer sagen. „Dazu haben wir keine Daten.“

LEG: Nachfrage nach Single-Wohnungen ist hoch

Entscheidend ist für ihn die Meldesituation. „Wir ermitteln die Zahl mit einem Schätzverfahren aus den Daten des Einwohnermelderegisters. Es kann sein, dass sie etwas überschätzt ist, aber die Größenordnung stimmt.“ Personen, die in Unterkünften leben, tauchen in der Statistik übrigens nicht auf – das gilt für die Bewohner von Altenheimen wie für die von Flüchtlingsunterkünften.

Ob gleichzeitig die Nachfrage nach Single-Wohnungen in Witten steigt, kann zumindest das Wohnungsunternehmen Vonovia nicht beantworten, das viele Mieter in Witten hat. „Das können die Kollegen vor Ort nicht auswerten“, sagt Sprecherin Bettina Benner. Ihrer Erfahrung nach sei Witten aber eine Stadt, in die eher Familien ziehen, die das Grüne suchen.

Bei der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) sieht das anders aus. „Aktuell ist die Nachfrage nach Single-Wohnungen in Witten hoch“, sagt Sprecher Mischa Lenz. „Sie machen 50 Prozent unserer Anfragen aus.“

>>> „Keiner will gerne alleine sein“

Allein im eigenen Reich – laut einer Statistik ist etwa jeder zweite Haushalt in Witten ein Ein-Personen-Haushalt. Wie es sich alleine lebt und welche Herausforderungen das Singleleben mit sich bringt, das haben wir auf Facebook und in persönlichen Gesprächen gefragt.

Jörg Ubeländer ist 41 Jahre alt und genießt es, alleine zu leben. „Ich bin seit Anfang des Jahres wieder Single und somit Alleinherrscher in meiner Wohnung.“ Seine Beziehung ist nach fünf Jahren in die Brüche gegangen. „Für mich ist jetzt eigentlich alles entspannter und problemloser, weil ich meinen eigenen Fahrplan erstellen kann und mir keiner reinredet“, sagt der Industriemechaniker.

Es gibt auch einsame Abende

Es gibt aber auch Abende, an denen er sich alleine fühlt. Und Momente, in denen er Unterstützung gebrauchen könnte. „Zum Beispiel. wenn ich einen Lehrgang habe und meine Katze irgendwo unterbringen muss. Oder das Auto in der Werkstatt ist.“ Mit 41 Jahren, so dachte er früher immer, sei er schon „angekommen“.

Ob das Alleinleben zu einem Trend geworden ist? „Ich glaube nicht – keiner will gerne alleine sein“, sagt Jörg Ubeländer. „Aber heute wird nicht mehr so viel dafür getan, dass man zusammen bleibt. Man trennt sich eher und ist nicht mehr bereit, so viel zu geben.“ In der Generation seiner Großeltern sei das noch anders gewesen.

Mit anderen ins Gespräch kommen

Facebook-Nutzerin Tina Hase sieht ein Problem darin, dass Empathie scheinbar für viele ein Fremdwort geworden ist. „Teilen ist für einige anstrengend geworden, weil viele etwas unterbewusst zurück erwarten. Ohne Zwang auf Erwartungen, die nicht erfüllt werden, lebt es sich nun mal leichter.“

Andy vom Hügel hat manchmal das Gefühl, dass in Deutschland „viele unter dem Motto leben ,Sprich mich ja nicht an’“. In den Niederlanden etwa sehe das anders aus. „Dort kommt man, wenn man ausgeht, viel schneller mit Leuten ins Gespräch.“

Auch für Stefanie Winkelkötter ist das Leben als Single nicht immer leicht. Sie ist 44 Jahre alt und wohnt seit April dieses Jahres in Witten – „in der Wohnung meiner beiden Katzen“, wie sie mit einem Augenzwinkern schreibt. „Ich lebe, seit ich 27 bin, alleine und habe seit dem Jahr 2015 keinen Kontakt mehr zu meiner Familie.“

Um Hilfe zu bitten, kann schwer sein

Winkelkötter hat einen Behinderungsgrad von 60 Prozent und ist seit Juni 2016 Rentnerin. „Aufgrund meiner Erkrankungen fällt mir zeitweise der Haushalt und der Einkauf sehr schwer. Aber ich bekomme Unterstützung durch das ambulante betreute Wohnen vom Viadukt-Verein und habe super liebe Nachbarn, die mich auch gerne mal zum Einkaufen mitnehmen oder mir etwas mitbringen.“ Es falle ihr aber sehr schwer, um Hilfe zu bitten.

Die 33-jährige Stefanie Smolka lebt zwar nicht ganz allein. Aber als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen (7 und 11) hat sie kaum eine Möglichkeit, einen neuen Partner kennenzulernen, wie sie sagt. „Ich komme ganz gut klar. Aber wenn sich jemand mit mir verabreden will, muss ich erstmal den Kalender holen und schauen, wann ich mal Zeit habe.“ Ihr Alltag sei sehr strukturiert. „Wenn ich mal einkaufen will, ist das eine Planung wie für ein Volksfest.“ Wer passt in der Zeit auf die Kinder auf? Oder kommen sie mit? Die Kinderbetreuung ist für Smolka generell ein sehr großes Problem. „Vor allem in den Randzeiten“ – also vor und nach der Schule. Doch die junge Frau bleibt optimistisch: „Ich suche noch einen Partner. Falls wer es beenden möchte – wir ändern einfach die Statistik.“

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