In diesen Räumen schlummert das Gedächtnis Wittens

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Will man einen historischen Blick hinter Wittens Kulissen werfen, ist der Weg ins Stadtarchiv ein absolutes Muss. Ob als eigene Stammbaum-Recherche oder um Kulturgeschichtliches zu erforschen – bei Dr. Martina Kliner-Fruck und ihrem Team ist jeder Suchende an der richtigen Stelle. Die WAZ hat mit der Historikerin gesprochen. Und interessante Einblicke bekommen.
Klassiker wie historische Häuser der Stadt kann man immer wieder unter die Lupe nehmen. Was gibt es außer der Reihe an Besonderheiten? Kliner-Fruck: Es gibt so viele verschiedene Themen, die man aufgreifen kann. Beispielsweise bekommen wir immer wieder neue Fundstücke angeboten oder geschenkt. Dann haben wir 230 852 Einzelurkunden im Personenstandregister. Das Stadtarchiv ist sozusagen auch der Mikrokosmos einer Verwaltung.


Das müssen wir genauer betrachten. Welche Fundstücke hat es denn jüngst zum Beispiel gegeben? In der vergangenen Zeit haben wir von Dr. Jörgen Beckmann vom Bürger- und Heimatverein Heven e.V. drei Aufnahmen bekommen, die das Wittener Reichsbanner um 1926/27 zeigen. Die Fotos wurden damals vom verstorbenen Ratsmitglied Paul Disselhoff an Dr. Beckmann übergeben. Diese Bildmotive müssen wir noch bewerten und erfassen.


Bekommt das Stadtarchiv öfter Schenkungen? Ja, es gibt eine gute Zusammenarbeit zwischen Wittenern und der Verwaltung. Auch die Heimatvereine unterstützen uns. So wie jetzt auch bei der aktuellen Schenkung. Darüber hinaus ist es unsere gesetzliche Aufgabe, diese Unterlagen archivgerecht aufzubewahren. Passiert das nicht, kann es schon mal zu chemischen Reaktionen kommen wie in dem Fotoalbum zur Roburit-Fabrik.


Beim Blick auf das Album leuchten Ihre Augen. Ein Antiquariat aus Norddeutschland ist auf uns zugekommen. Wir konnten den Ankauf glücklich verhandeln. Das Album zeigt Aufnahmen des Wittener Fotografen Theodor Kaphengst von der betrieblichen Einrichtung der Roburit-Fabrik vor der Katastrophe im November 1906. Darüber hinaus gibt es noch ein „Zwillingsalbum“, das sich im Besitz des Landschaftsverbandes befindet. Diese beiden Alben müssen noch miteinander verglichen werden. Mittlerweile gibt es noch ein Schutzdigitalisat beim LWL.


Und die chemische Reaktion? Da das Album nicht archivgerecht, also etwa ohne Seidenpapier als Fotoschutz und nicht klimagerecht gelagert wurde, hat sich auf der gegenüberliegenden Seite der jeweilige Foto-Umriss abgezeichnet.


Fotoalben finden sich hier wahrscheinlich einige, oder? Ein Bildgedächtnis der Stadt ist unbezahlbar. Hier haben wir ein Album, das den Wiederaufbau der Innenstadt dokumentiert. Denn Wittens Zentrum war im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört. Die Verwaltung hat hier nicht die Zerstörung, sondern den Wiederaufbau von 1951 bis 1960 dokumentiert.


Akten gibt es zu unzähligen Themen. Beispiel Freibad Annen. Dazu gab es vor zwei Wochen eine Ausstellungseröffnung zur Historie. Das ist nicht nur auf lokaler Ebene interessant. Das Stadtarchiv, Bestand Annen, hat eine Akte mit dem Titel ,Schwimmbad an der Herdecker Straße‘. Hier ist etwa die Anfrage über Badewäsche an das Kaufhaus der Brüder Rosenthal hinterlegt. Die jüdischen Inhaber sind später durch die Nazis vertrieben worden. Auch kulturhistorisch interessante, überregionale Angebote, wie Prospekte aus den 1920er Jahren, finden sich hier: zu Personenwaagen oder auch Registrierkassen.
Thema jüdische Bürger. Regelmäßig gibt es sicherlich Anfragen hinsichtlich der Familienforschung.
Das stimmt. In unserem Magazinbereich, im „Bauch des Saalbaus“, haben wir derzeit mindestens 230 852 Einzelurkunden in der standesamtlichen Überlieferung. Hier sind beispielsweise die Geburten bis 1905 archiviert. Darüber hinaus bekommen wir Anfragen aus aller Welt: von Wissenschaftlern, Heimatvereinen, Einzelpersonen, aus Verwaltungen oder auch von Erbenermittlern.


Zu welchen Themen? Zur Industriegeschichte, Wittener Künstlern, auch Stadtteilgeschichte, Derzeit gibt es eine Anfrage für eine Schüler-Facharbeit über den jüdischen Bürger Max Blank. Auch bietet das Stadtarchiv Quellen für einen historischen Roman oder Autobiografien.

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