Inklusion

Immer mehr Wittener Kinder kehren auf Förderschule zurück

Immer mehr Schüler kehren aus dem integrativen Unterricht auf Förderschulen zurück. Auch an der Pestalozzischule sind die Schülerzahlen wieder angestiegen.

Immer mehr Schüler kehren aus dem integrativen Unterricht auf Förderschulen zurück. Auch an der Pestalozzischule sind die Schülerzahlen wieder angestiegen.

Foto: STEFAN AREND

Witten.   Schülerzahlen an Einrichtungen wie der Wittener Pestalozzischule steigen – auch weil immer mehr Schüler aus dem gemeinsamen Lernen aussteigen.

Die Zahl der Schüler, die in Witten eine Förderschule besuchen, ist in den letzten Jahren angestiegen. Wie auch im restlichen EN-Kreis. „Die Schulen operieren am Maximum“, sagt Imanuel Hartkopf, beim Kreis zuständig für das Bildungsmonitoring. Besuchten im Schuljahr 2013/14 noch 164 Kinder die Pestalozzischule in Mitte, sind es aktuell rund 190 Kinder.

Besonders angestiegen ist dabei die Zahl der Schüler mit Lernschwierigkeiten: sie erhöhte sich von 105 (2013/14) auf 144 (2018/19). Auch die Zahl der Schüler, die in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung gefördert werden müssen, wird immer mehr – das sind Kinder, die sich zum Beispiel schnell aggressiv verhalten oder schlecht in Gruppen einfügen.

„Wir beobachten ein Umdenken bei den Eltern“

Die steigenden Schülerzahlen liegen nicht nur daran, dass in den vergangenen Jahren im EN-Kreis vier Förderschulen, darunter die Albert-Schweitzer-Schule in Herdecke, geschlossen wurden. „Wir beobachten, dass bei den Eltern ein Umdenken stattfindet und immer mehr Kinder aus dem gemeinsamen Lernen an die Förderschulen zurückkehren“, so Hartkopf. So besuchten 27 der 190 Schüler der Pestalozzischule zuvor eine weiterführende Schule, wechselten dann aber auf die Förderschule.

Dieser Trend lasse sich für ganz NRW feststellen, sagt Hartkopf. Von einem Scheitern der Inklusion will der Sozialwissenschaftler aber nicht sprechen. „Vielmehr zeigt uns das, dass einfach weiterhin beides nachgefragt ist.“ Eltern würden sehr genau darauf achten, welche Lernumgebung die beste für ihr Kind wäre.

Orientierungsstufe der Pestalozzischule fällt weg

Für die Pestalozzischule kommt nun erschwerend hinzu, dass sie ab dem Schuljahr 2020/21 ihre bisherige Orientierungsstufe, nämlich die Klassen 5 und 6 für Kinder mit emotionalem und sozialem Förderbedarf (ES), abschaffen muss. Bisher arbeitete die Schule mit einer Sondergenehmigung der Bezirksregierung, die eben jene zwei Klassenstufen ermöglichte. Diese wurde allerdings 2016 zurückgenommen, seitdem wird die Orientierungsstufe lediglich geduldet.

Die Stadt als Träger der Schule muss sich nun entscheiden, ob ES-Kinder hier künftig nur noch bis zur 4. Klasse lernen können oder durchgehend bis zur 10. Klasse – wie es beim Förderschwerpunkt „Lernen“ ohnehin schon möglich ist.

„Orientierungsstufe war ein Segen“

„Es war ein Segen, dass wir die Klassen 5 und 6 hatten“, sagte Schulleiterin Michaela Lohrmann dazu im Jugendhilfe- und Schulausschuss. „Andererseits hatten wir häufig das Problem, die Kinder nach der 6. Klasse in einer Regelschule unterzubringen, weil diese dann oft schon voll waren.“

Dieter König, Geschäftsführer der Lebenshilfe, warnte in derselben Ausschuss-Sitzung davor, dass die Zahl der Kinder mit Förderbedarf weiter ansteigen werde. Allein in seinen Einrichtungen, darunter vier integrativen Kitas, habe er beobachtet, dass die Zahl der Kinder mit vorschulischem Förderbedarf um den Faktor 2,5 gestiegen sei, sich also mehr als verdoppelt habe. „Da kommt noch einiges nach. Darauf sollten wir vorbereitet sein.“

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