Imkerei

Imker kämpft gegen falsche Wahrheiten übers Bienen-Sterben

Seit 40 Jahren kommen kleine und große Wittener den fleißigen Tierchen am Lehrbienenstandganz nah. Foto:Jürgen Theobald

Seit 40 Jahren kommen kleine und große Wittener den fleißigen Tierchen am Lehrbienenstandganz nah. Foto:Jürgen Theobald

Witten.  Gerhard Liebig klärt am Lehrbienenstand Besucher über das Leben der fleißigen Insekten auf. Dabei stellt er auch hartnäckige Mythen richtig.

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Vor einiger Zeit besuchte ein kleiner Junge mit seiner Mutter den Lehrbienenstand auf dem Hohenstein. Er hatte davon gehört, dass bald die Bienen aussterben sollen – und vier Jahre später auch die Menschheit. Aufgeregt erzählte er es dort dem Wissenschaftler und Imker Dr. Gerhard Liebig. Der konnte den Jungen beruhigten: „Solange es Imker gibt, wird es auch die Honigbiene geben.“ Kein Grund zur Sorge also, denn die Anzahl der Bienenvölker ist in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen (Quelle: Deutscher Imkerbund e.V).

Liebig sammelt seit Jahren Zeitungsartikel und Beiträge rund ums Bienen- und Insektensterben. Bei den meisten Schlagzeilen kann der promovierte Wissenschaftler nur den Kopf schütteln. „Der richtig große Hype begann 2006 mit einer Schlagzeile der Bild-Zeitung“, so der 69-Jährige. Das Blatt titelte damals „Frühlingsschock: Unsere Honig-Bienen sterben aus“ und löste damit eine Welle des Entsetzens aus.

Einstein hat keinen Fehler gemacht

Schließlich hat doch sogar Einstein schon gesagt: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Und wer will schon einem Genie wiedersprechen? Liebig klärt auf: „Einstein hat das nie gesagt. Das Zitat ist schlichtweg ausgedacht.“ Tatsächlich: Als die Bild-Zeitung das Zitat als eines der ersten Medien abdruckte, fehlte eine genaue Quellenangabe. Und obwohl sich Wissenschaftler seitdem über das frei erfundene Zitat beschwerten, verbreitete es sich wie ein Lauffeuer.

Immer wieder berichten Medien über Imker, die all ihre Bienenvölker verloren haben. Dazu Liebig: „Der Fehler steht meist hinter dem Kasten.“ Er meint damit die Bienenhalter, die durch eigene Missgriffe ihre Populationen verlieren. Fehlerquelle Nummer eins ist dabei die mangelnde Behandlung gegen die Varroamilbe, die in den 70er Jahren aus Pakistan eingeschleppt wurde.

Liebig bestreitet den Insekten-Rückgang nicht

Seit etwa einem Jahr sprechen Besucher des Hohensteins den Imker auch auf das oft besprochene Insektensterben an. Hintergrund ist eine Studie, die der Entomologische Verein Krefeld im Oktober letzten Jahres veröffentlichte. Darin heißt es, dass die jährlich gesammelte Insektenmasse seit der Wende um mehr als 75 Prozent geschrumpft sei. Aber auch hier möchte Liebig die Hysterie abschwächen: „Ich will den Rückgang der Insekten gar nicht bestreiten. Aber man sollte schon wahrheitsgemäß berichten.“ Die Krefelder Studie halte sich laut Liebig nicht an wissenschaftliche Standards. So seien zum Beispiel nur die Daten von zwei Erhebungsjahren veröffentlicht worden. „Insektenpopulationen unterliegen von Jahr zu Jahr riesigen Schwankungen. Das ist ganz natürlich.“ Die 75 Prozent hält Liebig deshalb für zu hoch angesetzt. Trotzdem freut ihn natürlich, dass sich mehr Menschen für den Schutz der kleinen Tiere einsetzen.

„Die intensive Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden als einzigen Schuldigen zu entlarven, ist allerdings auch keine Lösung.“ Die Gründe für den Rückgang seien weitaus vielfältiger. Aber: „Eine einfache Lüge verkauft sich besser als komplexe Wahrheiten“, so der Forscher, der selbst Langzeitstudien bei Insekten durchgeführt hat. Neben der Landwirtschaft seien auch der angestiegene Kraftfahrzeugverkehr, die allgemeine Lichtverschmutzung und „diese wahnsinnige Böllerei an Sylvester“ wichtige Gründe fürs Insektensterben. Deshalb seine Tipps: Langsamer Autofahren, damit nicht so viele Flugtierchen gegen die Windschutzscheibe klatschen. „Es hilft auch, sich in der Gemeinde dafür einzusetzen, dass die Straßenlampen vielleicht nicht die ganze Nacht lang brennen.“

Drei Wildbienenhotels am Hohenstein

Wer den Wildbienen das Leben leichter machen möchte, kann im eigenen Garten einiges tun. „Steingärten und Kies gehören nicht in die heimischen Beete“, so Hela Mikkin, Vorsitzende des Kreisimkervereins Ennepe-Ruhr. Auch die bunt blühenden Geranien oder Forsythien bringen den Bienen nichts. Denn diese Blumen bilden weder Pollen noch Nektar. Lavendel sorgt dagegen dafür, dass es im Garten wieder summt und brummt.

Drei Wildbienenhotels und zehn Honigbienen-Stöcke stehen am Lehrbienenstand auf dem Hohenstein. Am 2. September (Sonntag) steigt dort die große Feier zum 40-jährigen Bestehen. Von 11 bis 18 Uhr können Besucher gemeinsam mit Gerhard Liebig ins Reich der Bienen abtauchen. Zauberkünstler, Hüpfburg und Kerzenziehen machen das Programm komplett.

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