Erinnerung

Häftling 81490 erinnert an das KZ in Annen

Tag des offenen Denkmals in Witten. Einweihung der neuen Informationstafel und des neuen Mahnmal Standort der Gedenkstätte Immermannstraße am Sonntag, 08.09.2013. Foto: Thomas Nitsche

Tag des offenen Denkmals in Witten. Einweihung der neuen Informationstafel und des neuen Mahnmal Standort der Gedenkstätte Immermannstraße am Sonntag, 08.09.2013. Foto: Thomas Nitsche

Foto: WAZ/FotoPool

Witten.   Das Gelände des einstigen Außenlager Annener Gußstahlwerks des KZ Buchenwald ist nun wieder zugänglich. Eine Gedenkstätte erinnert an die dort inhaftierten 750 Zwangsarbeiter.

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Wussten Sie, dass es in Annen eine Außenstelle des KZ Buchenwald gab? 1984 entdeckte eine Schulklasse des Albert-Martmöller-Gymnasiums bei einer Klassenfahrt nach Dachau einen Hinweis auf das KZ. Seitdem recherchierten Schüler, Mitarbeiter des Stadtarchivs und Ehrenamtliche die Geschichte des Geländes. An der Immermannstraße erinnern nun ein Mahnmal und zwei Gedenktafeln an die über 750 Häftlinge, die hier von September 1944 bis März 1945 Zwangsarbeit im Rüstungskonzern Annener Gußstahlwerk leisten mussten. Die bewegende Einweihungsfeier fand gestern statt.

Seit kurzem weiß man: Das Leben im Lager wurde gut dokumentiert: Der französische Diplomat Albert Chambon veröffentlichte 1961 seine Erlebnisse unter dem Titel „81490“ (seine Häftlingsnummer). 130 Seiten der Autobiographie befassen sich mit Annen, das Buch wird derzeit von Gerda Bonsiepen, pensionierte Französischlehrerin am Schiller-Gmnasium, übersetzt. „Als sehr qualvoll“, beschreibt sie ihre ehrenamtliche Arbeit, die schreckliche Erinnerungen zu lesen, nehme sie sehr mit. „Aber ich habe lange den Schüleraustausch organisiert. Es ist tröstlich für mich, zu wissen, wie gut die deutsch-französische Freundschaft klappt.“

Zitate Chambons lasen gestern unter anderem Bürgermeisterin Sonja Leidemann und die einstige AMG-Schülerin Stella Hellwig (44). Die Zeilen lassen keinen der etwa 60 Zuhörer kalt, die an der nasskalten Einweihung teilnahmen. Chambon schreibt, wie sich sein Herz zusammenkrampft, beim Anblick der ordentlich gekleideten Annener Bevölkerung. Beim Spähen auf „einen gedeckten Tisch, mit einer bürgerlichen Lampe darüber, welch’ unendliches Glück ist das?“

Der sadistische Lagerkommandant ließ die französischen Zwangsarbeiter, meist politische Gefangene, als Frosch über den Hof hüpfen. Ein aufmüpfiger Kamerad musste zwölf Stunden auf einem Schemel stehen ließ, links und rechts einen Eimer Wasser in der Hand. Schwappt etwas heraus, würde er erschossen. Nach sieben Stunden folgte der Genickschuss. Ein anderer Mann stürzte beim Fluchtversuch, brach sich den Oberschenkel. Man ließ ihn liegen, stundenlang nach Hilfe schreiend, bis er starb.

Heute stehen nur noch die Pfosten des Stacheldrahtzauns. Das Gelände an der Ecke Immermann-/ Westfeldstraße war bis vor kurzem komplett zugewuchert. Dank Gelder aus dem Förderprogramm „Soziale Stadt Annen“ wurde eine 1985 außerhalb des Geländes aufgestellte Stele nun zum tatsächlichen Ort versetzt, ergänzt durch zwei Infotafeln. Damit nie wieder einer sagen kann, er hätte nichts gewusst.

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