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Freifunker wollen Wittener City mit Glasfaser versorgen

Ein erstes großes Projekt: Im Oktober 2018 feierten die Freifunker die Fertigstellung von Richtfunkstrecken über Witten. Hier auf dem Dach eines Haus an der Kerschensteiner Straße.

Ein erstes großes Projekt: Im Oktober 2018 feierten die Freifunker die Fertigstellung von Richtfunkstrecken über Witten. Hier auf dem Dach eines Haus an der Kerschensteiner Straße.

Foto: Freifunk

Witten.   Verein stellt sich gegen den kommerziellen Breitbandausbau: Für 30.000 Euro Landesgelder soll ein Kabel von Rathaus bis Feuerwehr gezogen werden.

Der Wittener Freifunk-Verein ist einer der fleißigsten in Deutschland. Die Internet-Freunde, die sich für einen nichtkommerziellen Zugang zum Netz einsetzen, haben bereits 476 Knotenpunkte installiert. Hier kann man sich in ein kostenloses WLAN-Netz einwählen. Nun könnte den Freifunkern ein großer Coup gelingen. Sie wollen mit Landesmitteln ein Glasfaserkabel für schnelle Datenübertragungen finanzieren, das quer durch die Innenstadt führt.

„Letztlich ist das eine glückliche Fügung“, sagt Andreas Hasenberg, Leiter der städtischen EDV. Ein Leerrohr liege schon zwischen dem Rathaus und der Feuerwehrwache an der Dortmunder Straße. Zwischen den Gebäuden könnte ein 2,5 km langer Kabelstrang gezogen werden. Der Rathausturm und der Schlauchturm der Feuerwehr könnten wie Antennen fungieren und so das WLAN-Netz über eine größere Fläche aufrecht erhalten. Auch die Verwaltung könnte von der schnellen Leitung profitieren. „Die Option wäre da und wir denken ernsthaft darüber nach“, sagt Hasenberg.

Land hat Fördermittel für Freifunk verdoppelt

Das Land fördert den Netzausbau über Freifunk. Es hat in der letzten Woche die Mittel dazu für 2019 verdoppelt. Somit konnte Jonas Plitt, zweiter Vorsitzender des Vereins Freifunk im EN-Kreis, eine Förderung über 30.000 Euro beantragen. Die Signale des Landes, sagt er, seien positiv.

Kaum ein Haus hat Glasfaseranschluss

Das Besondere an dieser Idee: Bislang wird in Witten – wie in den meisten deutschen Städten – der Netzausbau von der Privatwirtschaft vorangetrieben. Heißt: Es wird nur dort gebuddelt, wo zahlende Kunden ansässig sind. In Witten verlegen die Telekom, Netcologne und Unity Media Glasfaserkabel, TMR hat vor einigen Jahren fast alle Gewerbegebiete ausgebaut, so EDV-Experte Andreas Hasenberg von der Stadt. „Aber in der Fläche gibt es nichts. Es gibt kaum Privatleute, zu deren Haus ein Glasfaserkabel führt.“

Die Freifunker möchten jedem den Zugang zum Internet ermöglichen. Deswegen stellen sie Router auch in Wohnungslosenunterkünften oder Flüchtlingsheimen auf. Freifunker Stefan Borggraefe: „Zum anderen wollen wir unabhängig von kommerziellen Firmen sein.“ Dass Anbieter Werbung einblenden oder Daten sammeln, könne man so umgehen.

Verein gründete sich 2015

Durch viel privates Engagement, Spenden und Landesgelder – zuletzt etwa 2000 Euro pro Jahr – konnten die erst 2015 gegründeten Freifunker relativ viel erreichen.

So gibt es etwa eine „Richtfunkstrecke“ – eine schnelle Funkverbindung – auf der Kerschensteiner Straße. Die Stadtwerke und die Siedlungsgesellschaft SGW haben einige Dachflächen zur Verfügung gestellt. Auch Polizei und Finanzamt hat der Verein mit Routern ausgestattet.

Webcam filmt vom Helenenturm aus

In Kürze soll eine Webcam auf dem Helenenturm installiert werden. Online kann man das Stadtpanorama – gefilmt von der Ausguckplattform – ansehen, auf der Seite der Freifunker und wahrscheinlich der des Stadtmarketings. Noch fehle die Genehmigung der Denkmalschutzbehörde. „Wir sind zuversichtlich, dass die Kamera im Sommer ihren Dienst aufnimmt“, so Freifunker Jonas Plitt.

Kritisch sehen die Freifunker den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland – etwa das Vectoring-System, das auf die alten und wenigen schnellen Kupferkabel setzt.

Andreas Hasenberg von der städtischen EDV teilt die Einstellung nicht. So werden mit dieser Technik bis 2022 alle Wittener Schulen ans Glasfasernetz angeschlossen. Die Anträge für die Förderung aus Landes- und Bundesmitteln laufen. „Für uns ist das ein großer Schritt, um die Schulen auf den Digitalisierungspfad zu bringen. Das geht von 16 Mbit auf 100.“

>>80 Wittener engagieren sich

Bei Freifunk sind viele Leute zunächst misstrauisch. Sie fürchten um die Sicherheit ihrer Daten. Man schaltet seinen privaten Router für die Öffentlichkeit frei. Die Technik funktioniert aber über eine Software, die vom Heimnetzwerk getrennt ist.

80 Wittener – darunter viele Studenten und Flüchtlinge – engagieren sich seit der Vereinsgründung 2015 für den Freifunk. Sie treffen sich jeden dritten Dienstag im Monat (am 19.2.) um 19 Uhr in Haus Fründt, Bellerslohstr. 3. Info: freifunk-en.de

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