Serie "Stolpersteine"

Flucht nach Amerika scheiterte

In das Konzentrationslager Theresienstadt mit dem zynischen Spruch „Arbeit macht frei“ wurden die Eheleute Schacher im Sommer 1942 deportiert. Während Louis Schacher dort starb, wurde seine Frau Mathilde nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

In das Konzentrationslager Theresienstadt mit dem zynischen Spruch „Arbeit macht frei“ wurden die Eheleute Schacher im Sommer 1942 deportiert. Während Louis Schacher dort starb, wurde seine Frau Mathilde nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Foto: IMAGO

Witten.   Das Ehepaar Schacher aus Witten wurde Opfer des Nazi-Terrors. An das Schicksalder jüdischen Familie erinnern wir in unserer Serie „Stolpersteine“.

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Louis Schacher wurde 1874 in Württemberg geboren. Mit 19 Jahren zog er nach Witten in die Crengeldanzstraße 10. Dort gründete er zur Jahrhundertwende eine Altwarenhandlung. In einer von der Eisen- und Stahlindustrie geprägten Umgebung bestand reichlich Bedarf für den Ankauf von Schrott zum Weiterverkauf an Hüttenwerke und Gießereien. Daher baute Louis Schacher seine Firma zu einem Schrottgroßhandel aus.

Im Jahr 1904 heirateten Louis Schacher und die aus Gelsenkirchen stammende zehn Jahre jüngere Mathilde Cohn. Der Betrieb florierte, und so konnten die Eheleute Schacher, der drei Töchter geboren wurden, 1911 in das Haus Ardeystraße 70 umziehen, das sie – wie auch später das benachbarte Haus Ardeystraße 68 – kauften.

Die drei Töchter besuchten das Mädchenlyzeum, das heutige Schiller-Gymnasium. Grete Schacher verließ das Elternhaus 1927 und zog nach Emden. Dort heiratete sie und wanderte mit ihrem Ehemann aus. Die Tochter Ilse ließ sich zur Gymnastiklehrerin ausbilden. Sie konnte 1935 nach Venedig emigrieren, von dort aus später in die U.S.A.

Nach der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 ging der Umsatz der Firma beständig zurück - als jüdischer Kaufmann wurde immer mehr boykottiert. Daher verkaufte Louis Schacher seine Firma 1937. Das Haus Ardeystraße 68 gab er an ein Gastwirtsehepaar ab.

Die Tochter Anna verließ nun ebenfalls das Elternhaus. Im selben Jahr gelang ihr die Auswanderung in die U.S.A. Wie im gesamten Deutschland ergriffen viele der älteren jüdischen Mitbürger die Gelegenheit zur Auswanderung nicht – sei es aus finanziellen oder anderen sachlichen Gründen, sei es, weil sie hofften, trotz aller Drangsalierungen weiter hier bleiben zu können. Deutschland war immerhin ihre Heimat. Es war für sie schwer, sie zu verlassen.

Am 9. November 1939 drangen Nationalsozialisten in die Wohnung der Schachers ein und zerstörten einen erheblichen Teil des Hausrats. Im folgenden Monat verkauften die Eheleute Schacher ihr Haus Ardeystraße 30 an einen Bauunternehmer. Sie versuchten nun, nach Amerika auszuwandern und gaben ihre Möbel bei einem Spediteur auf. Ihr Vorhaben gelang jedoch nicht.

Juden und „Arier“ sollten nicht unter einem Dach wohnen

Am 30. April 1939 war das „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ erlassen worden. Wie zahlreiche andere Vorschriften trug es dazu bei, das Leben jüdischer Familien weiter zu reglementieren. Juden und „Arier“ sollten nicht mehr unter einem Dach wohnen. Mietverhältnisse mit Juden konnten nun nach Belieben aufgehoben werden. Selbst jüdische Hauseigentümer mussten aus ihren Häusern ausziehen, wenn „Arier“ dort zur Miete wohnten. Jüdische Familien wurden zwangsweise in so genannte „Judenhäuser“ einquartiert. In Witten war dies das Haus Hauptstraße 63. Dorthin wurden die Eheleute Schacher im Februar 1942 eingewiesen.

Im Sommer 1942 wurden der inzwischen 67-jährige Louis Schacher und seine fast 59-jährige Ehefrau Mathilde von Dortmund aus nach Theresienstadt im heutigen Tschechien deportiert. Dies war ein großes Sammel- und Durchgangslager, wurde von den Nazis jedoch verfälschend als „Altersghetto“, also eine spezielle Siedlung für ältere Juden, dargestellt. Louis Schacher verstarb am 3. August 1942 in Theresienstadt. Mathilde Schacher wurde von dort aus am 9. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

Das Amtsgericht Witten erklärte die Eheleute Schacher im Jahr 1951 für tot.

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