Interview

„Erneuerung der SPD passiert nicht auf Knopfdruck in Berlin“

Ralf Kapschack will seine Hausbesuche fortsetzen.

Foto: Walter Fischer

Ralf Kapschack will seine Hausbesuche fortsetzen.

witten.   Der Wittener SPD-Parteichef Ralf Kapschack will die Präsenz in den Stadtteilen und die Zusammenarbeit mit der Ratsfraktion verstärken.

An der Tür hängt noch ein Wahlkampfplakat von Martin Schulz, der etwas scheu winkt: „Zeit für mehr Gerechtigkeit, Zeit für Martin Schulz.“ Nun, der Rest ist Geschichte. Dabei beginnt gerade erst die Zeit der neuen alten großen Koalition, der auch der Wittener SPD-Bundestagsabgeordnete und Stadtverbandsvorsitzende Ralf Kapschack (63) wieder angehört. Wir sprachen mit ihm in einem recht kalten Annener Parteihaus über die Zukunft der SPD in Witten und was die GroKo eigentlich mit den Menschen vor Ort zu tun hat.

Wie wichtig ist das Zustandekommen der großen Koalition für die Ortspartei?

Das ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite brauchen wir Erfolge, etwa bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit. Wir benötigen ebenfalls zusätzliches Geld für die Kommunen. Ob Rente oder Pflege, auch da braucht es konkrete Ergebnisse, um deutlich zu machen, dass es sich gelohnt hat. Auf der anderen Seite müssen wir Profil zeigen und klarmachen, wo es uns nicht weit genug geht.

Wie groß sind die Widerstände gegen die GroKo in der Ortspartei? Und wie gehen Sie damit um?

Wir hatten viele engagierte und kontroverse Debatten. Wir brauchen alle, auch die GroKo-Gegner, um die Partei nach vorne zu bringen. Die Diskussion hat gezeigt, an Engagement und Ideen fehlt es nicht. Alle wollen weiter mitmachen.

Wie wollen Sie die viel beschworene Erneuerung der SPD in Witten umsetzen?

Wir müssen die Debatten in der Partei transparenter machen, lebendiger. Gerade viele neue Mitglieder wollen andere Möglichkeiten, sich zu beteiligen als nur den Ortsverein. Da müssen wir ran. Ideen, etwa digitale Diskussionsforen etc., gibt es längst. Wir müssen uns aber auch auf Themen konzentrieren, die den Menschen vor Ort unter den Nägeln brennen, Wohnen, die Entwicklung der Stadtteile und Quartiere, die Zukunft der Schulen in unserer Stadt. Damit fangen wir jetzt ganz konkret an. Wir wollen stärker in den Ortsteilen präsent sein.

. . . nicht nur im Wahlkampf?

Nein, deshalb setze ich auch meine Hausbesuche fort. Ich will nicht den Eindruck erwecken, die SPD kommt nur, wenn Wahlen sind. In der Zeit von Internet und Facebook ist das persönliche Gespräch durch nichts zu ersetzen, und wenn’s nur zehn Minuten sind. Wir müssen den Menschen das Gefühl vermitteln: Der von der SPD kann zwar auch nicht zaubern, aber hier hört mir jedenfalls einer zu.

Hausbesuche alleine werden nicht reichen . . .

Wir verstärken als Stadtverband die Zusammenarbeit mit der Ratsfraktion und mischen uns bei vielen Bundesthemen ein, ob Rente oder Gesundheit. Es ist ein Irrglauben, Erneuerung könne auf Knopfdruck in Berlin passieren. Es ist die Aufgabe aller. Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir diesen Prozess auch auf kommunaler Ebene gut hinbekommen, nicht zuletzt mit Blick auf die kommenden Wahlen

Das heißt konkret was?

Wir werden nach den großen Ferien damit beginnen, die Kommunalwahl inhaltlich vorzubereiten.

Erwarten Sie eine ähnliche Diskussion um den Spitzenkandidaten fürs Bürgermeisteramt wie 2015?

Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sich das wiederholen würde.

Erstmals tritt wohl die AfD an . . .

Ja, damit müssen wir uns auch bei der Kommunalwahl auseinandersetzen. Die AfD hat ja schon bei der Bundestagswahl deutliche Ergebnisse erzielt, etwa an der Schellingstraße. Dort habe ich meinen ersten Hausbesuch nach der Wahl gemacht. Einen Teil der AfD-Wähler wird man zwar nicht erreichen. Aber der Großteil sind doch Enttäuschte. Sie haben den Eindruck, dass sich niemand für sie interessiert, auch weil sich die SPD in einigen Quartieren zu wenig hat sehen lassen. Wir müssen mehr Präsenz zeigen, ansprechbarer sein, den Leuten nicht nach dem Mund reden, sie aber ernst nehmen und ihnen zeigen: Hier ist einer, der sich für ihre Probleme interessiert.

Sie sprechen vermutlich nicht nur von den sozial Schwächeren?

Nein. Ich war im Wahlkampf in Rüdinghausen, ein gepflegtes Drei-Familienhaus. Da erzählte mir eine Frau von ihrem Enkel, dessen Ausbildungsvergütung mit seiner Waisenrente verrechnet werde. Aber für die Flüchtlinge tue man alles.

Womit wir bei der Flüchtlingspolitik angekommen wären.

Ich bin sehr dafür, dass wir die Zugewanderten vernünftig integrieren. Aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Interessen der einheimischen Bevölkerung dahinter zurückstehen und die SPD Probleme, die es gibt, nicht ansprechen würde.

Es gibt berechtigte Sorgen, Stichwort Altersarmut.

Ja, es gibt Abstiegsängste. Man fragt mich auch: Herr Kapschack, was ist mit der Rente? Deutschland ist eines der reichsten Länder. Ich bin überzeugt, dass wir das hinkriegen, dass die Leute im Alter nicht in Armut landen, ohne dass sie gegeneinander ausgespielt werden.

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