Zur Erinnerung

Elf neue Stolpersteine werden in Witten verlegt

Familie Neugarten im Februar 1939: (v.l.) Rosa Neugarten geb. Herzberg, Rolf Neugarten, Ilse Neugarten und Louis Neugarten.

Familie Neugarten im Februar 1939: (v.l.) Rosa Neugarten geb. Herzberg, Rolf Neugarten, Ilse Neugarten und Louis Neugarten.

Foto: Fruck

Witten.   Am Montag (22. Mai) verlegt Künstler Gunter Demnig zum sechsten Mal die goldglänzenden Platten zum Gedenken an Wittener Opfer der Nazis.

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Wenn dieser Tag zu Ende geht, wird Witten insgesamt 90 Stolpersteine haben. Am Montag, 22. Mai, verlegt Künstler Gunter Demnig erneut elf neue, goldglänzende Tafeln im Boden vor fünf Häusern in Rüdinghausen, Annen und der Innenstadt. Sie erinnern an das Schicksal jüdischer Bürger, die einst hier lebten und von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Die Verlegung wird begleitet von einem umfangreichen Programm mit Musik, weißen Rosen als Zeichen der Mahnung und vielen Worten. Großes bürgerschaftliches Engagement ermöglichte das Projekt.

Schüler beschäftigen sich mit jüdischen Lebensläufen

Mit dabei sein werden Jungen und Mädchen der Holzkampschule und des Ruhr-Gymnasiums, die sich intensiv mit den Lebensläufen der jüdischen Bürger beschäftigt haben. „Es ist so wichtig, dass die Erinnerung durch diese jungen Menschen in die Zukunft getragen wird“, sagt Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin des Stadtarchivs. „Sie erfahren bei ihren Nachforschungen nicht nur, was es bedeutet, versteckt leben oder ohne die Eltern flüchten zu müssen, sondern sie lernen auch ihren Stadtraum kennen.“ Sie selbst hat die Lebensläufe der Betroffenen aufgearbeitet, ebenso wie Christoph Ebner vom Arbeitskreis „Stolpersteine in Witten“.

So erfahren wir zum Beispiel viele Details über das Schicksal Erich Reisings, der 1908 in Witten geboren wurde und dem ein Stolperstein an der Steinstraße 12 gewidmet wird. Ab 1934 arbeitete er als selbstständiger Losverkäufer auf Jahrmärkten. 1935 schaffte er sich einen Volksempfänger an, mit dem er den deutschen Dienst von Radio Moskau empfangen konnte. Dort erfuhr er, dass Deutschland einen Krieg heraufbeschwöre. Mit den Nachbarn notierte er die Nachrichten, um sie auf Flugblätter zu drucken. Seine Frau denunzierte ihn, 1936 wurde er von der Gestapo verhaftet.

Mit dabei sein werden bei der Zeremonie auch ganz besondere Gäste: So werden der Sohn von Erich Reising erwartet und die 85-jährige, nicht-jüdische Nachbarin der Rüdinghauser Familie Neugarten. Sie wird begleitet von ihrer 19-jährigen Enkelin aus Belgien. Überlebende des Ehepaar Wilzig gibt es noch in den USA und Israel, weiß Martina Kliner-Fruck. Sie betont, dass Witten damit außerdem Teil eines europaweiten Kunstprojekts ist: Bislang bilden 60 000 Stolpersteine ein riesiges Mahnmal.

Die Schicksale der Familien

Die ersten vier Stolpersteine, die Montag verlegt werden, erinnern an Louis und Rosa Neugarten sowie ihre Kinder Ilse und Rolf. Die Familie war seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Rüdinghausen ansässig. Rosa und Louis Neugarten führten dort das von seinen Eltern übernommene Lebensmittel- und Textilwarengeschäft weiter. Infolge der rassistischen NS-Gesetzgebung mussten sie das Geschäft aufgeben und gingen unfreiwillig nach Köln. Rosa verstarb dort 1940, Louis wurde 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Der nächste Stolperstein ist Ludwig Fels gewidmet. Er zog 1938 nach Witten, wo er als Landarbeiter tätig war. 1940 wurde er verhaftet. Er musste Zwangsarbeit verrichten, weil ihm Sachbeschädigung und Tierquälerei vorgeworfen wurde. Durch eine Verletzung an der Hand war er nur noch „beschränkt zu gebrauchen“ und kam ins Konzentrationslager – registriert und stigmatisiert als Homosexueller. Im Alter von 32 Jahren starb er an den Folgen der Strapazen.

Verhaftet, gequält und ermordet

Drei Stolpersteine erinnern an Ludwig, Elly und Fritz Rosenbaum. Ludwig Rosenbaum, der seit 1909 ein Modewarenhaus in der Bahnhofstraße führte, nahm sich 1935 das Leben. Ehefrau Elly und Sohn Fritz traten heimlich zum katholischen Glauben über. Elly wurde 1941 in das Ghetto Riga deportiert, ihr Todesdatum ist nicht genau bekannt. Fritz trat 1939 einem Franziskanerorden in den Niederlanden bei. „Bruder Wolfgang“ starb in einer Gaskammer des Vernichtungslagers Auschwitz. 1972 hat die St. Franziskus-Gemeinde auf dem Friedhof Oberkrone einen Gedenkstein für ihn errichtet.

David Wilzig war im Bergbau tätig und handelte mit Altmetallen, seine Frau Rosalie führte einen Handel mit Lumpen und Papier. In der Reichskristallnacht wurde die Familie in ihrer Wohnung von Nazibanden überfallen. 1939 musste David Wilzig seinen Handel einstellen und Zwangsarbeit leisten. 1941 erhängte er sich auf dem Wartenberg. Seine Witwe wurde ‘44 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

>> ALLE BÜRGER SIND EINGELADEN

  • Alle Bürger sind zur Verlegung der elf Stolpersteine am Montag, 22. Mai, eingeladen. Erster Verlegeort ist die Brunebecker Str. 53. Dort beginnt um 14.30 Uhr die Zeremonie; 15.10 Uhr: Im Wullen 75; 15.45 Uhr: Steinstr. 12; 16.10 Uhr: Körnerstr. 34; 16.30 Uhr: Berliner Str. 28.
  • Um 17 Uhr beginnt bei Kaffee und Kuchen ein Begleitprogramm im Lesecafé der Bibliothek, Husemannstr. 12. Dort hält Gunter Demnig um 18 Uhr einen Vortrag über seinen künstlerischen Werdegang und sein Stolperstein-Projekt. Eintritt frei.

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