Familie heute

Das Profil der Pestalozzischule in Witten hat sich verändert

Auf diesem Schulhof haben die Kids viel Platz: Leiterin Michaela Lohrmann vor der Pestalozzischule.

Auf diesem Schulhof haben die Kids viel Platz: Leiterin Michaela Lohrmann vor der Pestalozzischule.

Foto: WAZ

Witten.   Umstellen ist angesagt: Das gemeinsame Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Handicap ändert das Profil an der Pestalozzischule. Familien wählen sie aber bewusst, denn sie sei keine „Einbahnstraße“: Kinder können die Schule also noch wechseln. Trotzdem sinken die Schülerzahlen.

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Sieben Jugendliche sitzen in der Aula, jeder mit einem Instrument vor sich. Ein Junge wagt sich ans Schlagzeug. Die anderen schlagen Töne auf dem Synthesizer an oder trommeln. Eine Lehrerin gibt am Klavier die Melodie vor und alle spielen gemeinsam: „Dieser Weg wird kein leichter sein“. So sieht derzeit eine Stunde Musikunterricht in der Klasse 10 an der Pestalozzischule aus. Hier werden all jene gefördert, die Probleme mit dem Lernen, der Sprache oder der emotionalen und sozialen Entwicklung haben. Sie könnten jetzt auch eine Regelschule besuchen und gemeinsam mit Kindern ohne Handicap lernen – so sieht es der inklusive Ansatz vor.

„In den meist sehr großen Klassen der weiterführenden Regelschulen würden unsere Schüler aber nie so eine Rolle einnehmen können wie hier“, sagt Rektorin Michaela Lohrmann. Die 58-Jährige ist seit über 20 Jahren Sonderpädagogin mit Leib und Seele, leitet seit neun Jahren die Wittener Einrichtung. „Die Kinder und Jugendlichen bei ihren Stärken abzuholen, darum geht es uns.“ Ob Inklusion das im Einzelfall leisten könne, da habe sie so ihre Zweifel – ohne das gemeinsame Lernen generell verteufeln zu wollen.

Die Schülerzahlen sind gesunken

Denn die neue Entwicklung ändert das Profil der Pestalozzischule zum Positiven. „Wir sehen uns nicht mehr als Schule, in der die Kinder von Anfang bis Ende ihrer Laufbahn bleiben müssen“, sagt Michaela Lohrmann, sondern als Angebotsschule für eine vorübergehende Zeit. „Wer jetzt kommt, wählt uns bewusst.“ Den Eltern sei klar, „dass das hier keine Einbahnstraße mehr ist“.

Das bedeutet für die Wittener Förderschule auf lange Sicht aber auch eine ungewisse Zukunft. „Ich kann derzeit keinem Kollegen sagen, ob er nächstes Jahr noch hier sein wird.“ Die Schülerzahlen sinken: von 210 noch vor zehn Jahren auf zur Zeit 168 – Tendenz eher nicht steigend. „Schon im Primarbereich bekommen wir nicht mehr so viele Kinder“, sagt die Rektorin. Im Förderschwerpunkt Lernen etwa existieren keine erste und zweite Klasse mehr. „Dabei ist es so wichtig, dass die Kinder frühzeitig zu uns kommen“, sagt sie. Dann sei die Chance, später auf eine Regelschule zu wechseln, umso größer. So gebe es zum Beispiel ganz wenige Kinder im Sprachförderbereich, die nach der vierten Klasse noch eine Sprachheilschule besuchen müssten.

Schule bietet „Wohlfühlatmosphäre“

Dafür kämen aus allen Klassen der Regelschulen Kinder wieder an die Pestalozzischule zurück – weil es eben doch nicht immer so gut funktioniere. „Ein Kind mit Förderbedarf muss schon sehr gefestigt sein, um im großen Regelsystem klarzukommen“, sagt Michaela Lohrmann. „Sie sehen dort jeden Tag bei den anderen, was sie selbst nicht können.“ Nicht jede Kinderseele verkrafte das. Keinesfalls wolle sie die Kollegen der Regelschulen kritisieren: „Die legen sich fürs gemeinsame Lernen mächtig ins Zeug.“

Doch das Berufsbild sei ein komplett anderes als das der Förderlehrer, ergänzt Konrektorin Astrid Lang (48), die seit sieben Jahren an der Pestalozzischule arbeitet. Die meisten der 35 Kollegen von dort unterrichten zur Unterstützung schon zeitweise an Regelschulen: „Und da wird oft erwartet, dass wir in zwei Stunden Wunder vollbringen.“ Doch das dreigliedrige Schulsystem sei einfach nicht auf die Schwächsten ausgerichtet. „Und da darf man schon sagen, dass die Politik da was einstielt, was nicht bis zum Ende durchdacht ist“, so Michaela Lohrmann.

Schließlich sei es schade, dass folglich Strukturen, die über Jahre aufgebaut wurden, verloren gehen. Natürlich sei auch an der Pestalozzischule nicht alles eitel Sonnenschein. „Aber wir sind schon eine besondere Schule, die flexibel und individuell auf ihre Schüler eingeht“, betont die Leiterin. Vor allem die „Wohlfühlatmosphäre“, die der Einrichtung auch bei der Qualitätsanalyse bescheinigt worden war, sei ein wichtiges Merkmal. Vielleicht wechselt deshalb keiner der zwölf Viertklässler im nächsten Jahr auf eine Regelschule.

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Besondere Förderung in drei Bereichen 

„Unter diesen Dächern wird gelebt und gelernt, hat jeder eine Chance“: So beginnt das Motto der Pestalozzischule, in der Schüler in drei Bereichen individuell gefördert werden.

Beim Schwerpunkt Lernen besteht eine Klasse aus zehn bis 15 Schülerinnen und Schülern. Hier geht es vor allem um die Vorbereitung auf das Leben nach der Schule. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und anderen Organisationen. Die Entwicklung zur Selbstständigkeit ist wichtiges Ziel.

Spiel und Sport im Fokus

Beim Schwerpunkt Sprache umfasst die Klassengröße zehn bis zwölf Kinder. In den ersten beiden Schuljahren erfolgt eine umfassende Wahrnehmungsförderung. Ziel ist es, Schülern mit Entwicklungsverzögerungen einen guten Schulstart zu ermöglichen und sie schnellstmöglich in das allgemeine Schulsystem zurückzuführen.

Beim Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung sorgen Kleinstklassen mit sechs bis acht Kindern, ein eingespieltes Lehrerteam sowie ein spezielles Erziehungskonzept dafür, dass die zum Teil traumatisierten, verstörten und seelisch kranken Kinder wieder zu mehr Sicherheit finden.

Die Schule legt viel Wert auf Spiel und Sport. Sie bietet sogar für Nichtschwimmer eine eigene Schwimmstunde an, in der auch muslimische Kinder ohne Publikumsverkehr schwimmen lernen können.

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