Bergbau

Bergbau-Erinnerung: Unter Tage „war kein Zuckerschlecken“

Die ehemaligen Steiger Karl Ackermann, 69, links, und Hermann Dede, 70, sind die guten Seelen des Bergbaumuseums Zeche Herberholz. Dieses betreibt der Förderverein Bergbauhistorische Stätten an der Muttentalstraße 30 in Witten.

Die ehemaligen Steiger Karl Ackermann, 69, links, und Hermann Dede, 70, sind die guten Seelen des Bergbaumuseums Zeche Herberholz. Dieses betreibt der Förderverein Bergbauhistorische Stätten an der Muttentalstraße 30 in Witten.

Foto: Jürgen Theobald

Witten.   „Die Kameradschaft war gut, die Arbeitsbedingungen waren erbärmlich“: Karl Ackermann erinnert sich an die Arbeit als Steiger auf Prosper Haniel.

„Ich bin nicht gläubig“, sagt Karl Ackermann. „Aber zur Barbarafeier auf Nachtigall gehe ich trotzdem jedes Jahr. Weil ich so dankbar bin, dass mir in meinem ganzen Bergbaujahren nie etwas passiert ist. Im Bergbau muss man glauben, denn man weiß nicht, was einem einen Meter weiter passiert.“

Der Mann, der so philosophisch spricht, ist inzwischen 69 Jahre alt und seit 1997 raus aus dem Pütt. Mit 14 Jahren hatte Karl Ackermann auf Erin in Castrop-Rauxel angefangen, zuletzt war er Nachtschichtsteiger auf Prosper Haniel in Bottrop. 23 Jahre nur Nachtschichten, verantwortlich für den Maschinenbetrieb unter Tage – als er 1997 einen Sozialplan der Ruhrkohle für den Vorruhestand nutzte, war er froh. „Nachdem ich in Ruhestand war, bin ich noch zweimal als Besucher eingefahren. Aber das hat für mich keinen Wert mehr. Ich bleibe lieber an der Sonne.“

Erst mal ‘ne Prise Schnupftabak

Viel draußen ist er nun wahrlich. Denn seinen frühen Vorruhestand nutzte der Herbeder um sich für das Zechenhaus Herberholz zu engagieren. Zusammen mit seinem einstigen Erin-Kollegen Hermann Dede richtete er dort das Außengelände ein und pflegt die Anlage.

Mit jeder Zechenstilllegung konnten die Ehrenamtlichen interessante Maschinen ergattern. Am besten kommen die Ausstellungsstücke an, die sich bewegen – wie der Panzerförderer oder die Schmiede. Dede und Ackermann habe die Geräte, die meist die Ruhrkohle dem Verein überlassen hat, selbst zum Laufen gebracht. „Ein Bergmann kann alles“, scherzt Hermann Dede (70). Zwei bis drei Tage pro Woche verbringen sie auf Zeche Herberholz. „Man will ja nicht zuhause der Frau die Arbeit wegnehmen“, schmunzelt Ackermann. Beide lehnen sich an eine Lore und schnupfen erstmal ‘ne Prise.

Karl Ackermann ist Bergmann in vierter Generation. Sein Vater war auf Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe. „Ich hab ihn öfter abgeholt“, erinnert sich Ackermann. „Wir Blagen haben am Zechenplatz auf unsere Väter gewartet. Und wenn die Kumpel kamen, dann scherzten die, es gab mal ‘n Bonbon oder fünf Pfennige. Da dachte ich: Das ist ein unheimlich guter Job. Die haben gute Laune und Geld inner Tasche.“

Mit dem Türken am liebsten gearbeitet

Von wegen, bilanziert der 69-Jährige heute. Die Hitze, der Staub, die Feuchtigkeit, „das war kein Zuckerschlecken. Die Kameradschaft war gut, aber die Arbeitsbedingungen waren zu 90 Prozent erbärmlich.“

Rückgrat seiner Arbeit waren die Kollegen. „Nicht verstellen, immer Mensch bleiben“, lautete das Motto des Steigers. Eine Prise nehmen, das Problem bequatschen. „Je schlechter es den Menschen geht, desto besser halten sie zusammen.“ Ackermann hat viel erlebt, ist mit Türken, Italienern, Griechen, Polen eingefahren. Mit den Türken habe er am liebsten gearbeitet.

Dennoch bleibt ihm der Moment im Kopf, als er mit einem koreanischen Kumpel Heiligabend in der Grube verbrachte. „Um zu feiern hatten wir sogar kleine Tische unter Tage stehen“, sagt er. „Plötzlich hat der Koreaner „Stille Nacht“ in seiner Muttersprache gesungen. Das hat sich so fein angehört, ich werde es nie vergessen.“

Öffnungszeiten: Die Zeche Herberholz und Karl Ackermann sind einen Besuch wert. Geöffnet ist die Schau samstags, sonntags und feiertags, 10-18 Uhr.

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Mehr als Kohle: Unter diesem Titel sucht die WAZ in Witten zusammen mit Radio Ennepe Ruhr die schönsten Bergbaugeschichten unserer Stadt.


  • Anlass für die Gemeinschaftsproduktion der WAZ und den Lokalradios im Ruhrgebiet ist das Ende der Bergbau-Ära: Im Dezember diesen Jahres wird das Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop geschlossen.

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