Mediensucht

Ausstellung in Witten macht auf Internetsucht aufmerksam

Über die Kopfhörer erzählen Süchtige von ihrer Medienabhängigkeit. Psychologe Stephan Pitten, hier mit Bibliotheksleiterin Christine Wolf, hat einige von ihnen in der Behandlung.Foto:Barbara Zabka

Über die Kopfhörer erzählen Süchtige von ihrer Medienabhängigkeit. Psychologe Stephan Pitten, hier mit Bibliotheksleiterin Christine Wolf, hat einige von ihnen in der Behandlung.Foto:Barbara Zabka

Witten.   Wenn das Handy zur Droge wird: Die Ausstellung „Bildersucht und Cyberflucht“ zeigt Bibliotheksbesuchern den Alltag von Mediensüchtigen

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Im Foyer der Bibliothek hängen flimmernde Bildschirme an den Wänden eines begehbaren Würfels. Auf den Monitoren ziehen die Gesichter von jungen Männern und Frauen vorbei. Sie alle haben eines gemeinsam: Der Bildschirm ist für sie zum Fluch geworden. Witten ist die vierte Station der Wanderausstellung „Bildersucht und Cyberflucht“. Mit ihr will der Fachverband Medienabhängigkeit über die Risiken der digitalen Welt aufklären. Denn Facebook, Youtube und Computerspiele können ebenso süchtig machen wie Zigaretten, Alkohol und Glücksspiel.

„Wenn Betroffene ihre Geschichten erzählen, wirkt das nochmal stärker, als wenn wir nur wissenschaftliche Vorträge halten“, sagt Stephan Pitten vom Fachverband Medienabhängigkeit. Der Diplompsychologe hat die wissenschaftliche Leitung der Ausstellung übernommen. Einige, der in den Videos gezeigten Menschen, sind bei ihm in wegen sogenannter internetbezogener Störungen in Behandlung.

Internet ist ein körperloser Raum

Besonders Jugendliche und junge Erwachsene flüchten vor realen Ereignissen in die digitale Welt, sagt Pitten. Ein Betroffener schreibt: „Ich habe gar nicht gemerkt, wie ich die ganze Zeit sinnloses Zeug gemacht habe – mein Leben verschwendet habe.“

Auf einem Bildschirm sehen die Besucher, wie Louise auf einer Therapiecouch liegt. Ihr Gesicht ist verdeckt. Sie erzählt von ihrem Zwang, wochenlang Serien im Internet zu schauen. „Das Internet ist ein körperloser Raum. Ich habe in der Therapie erstmal gelernt, meinen eigenen Körper wieder zu benutzen.“

Perfides Spiel des doppelten Selbstbilds

Menschen, die sich in Computerspielen oder sozialen Netzwerken verlieren, hätten oft ein doppeltes Selbstbild, sagt Stephan Pitten. „Im realen Leben haben sie keinen Job, oft nicht mal einen Schulabschluss. Deshalb legen sie sich ein kompetentes virtuelles Selbst zu.“ Sie sind erfolgreiche Computerspieler oder sammeln mit Bildern und Videos Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Doch dabei gibt es einen Haken: Wenn Betroffene im Internet erfolgreich sind, führen sie das auf ihr virtuelles Selbst zurück. Müssen sie aber Niederlagen oder Kritik einstecken, geht das auf das Konto ihres realen Selbstwerts, so Pitten.

Bücher und Flyer umrahmen die Ausstellung

Wer den Würfel im Foyer der Bibliothek nicht nur umrundet, sondern eintritt, taucht noch tiefer in die Schattenwelt des Internets ein. Im Innern laufen die Geschichten von Martin und Marijna über einen Bildschirm. Martin ist 19 Jahre alt, hat keinen Schulabschluss und lebt in einer betreuten Wohneinrichtung. Er schafft es kaum noch, aufzustehen und regelmäßig zu essen. Sein Zimmer riecht nach alten Pizzakartons und Marihuana. Martin lebt nur noch für Computerspiele und trifft seine Freunde in Foren und Chats. Marijna studiert Kommunikationsdesign. Sie schreibt einen Internetblog über gesundes Essen und teilt Bilder von sich auf Facebook und Instagram. Schleichend spürte sie den wachsenden Druck, ihr Leben öffentlich zu machen bis sie in eine Krise rutscht.

Passend zur Ausstellung liegen im ersten Stock der Bibliothek Bücher und Flyer zum Thema Computerspielsucht bereit. „Die Ausstellung passt wunderbar zu uns“, sagt Bibliotheksleiterin Christine Wolf. „Wir versuchen mit unserem Angebot, Medienkompetenz zu vermitteln.“

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