Rassismus

Anschlagsopfer warnt Wittener Schüler vor Rassismus

320 Neuntklässler vom Albert Martmöller Gymnasium, Ruhr Gymnasium und Schiller Gymnasium hörten den Vortrag von Ibrahim Arslan.

Foto: Thomas Nitsche

320 Neuntklässler vom Albert Martmöller Gymnasium, Ruhr Gymnasium und Schiller Gymnasium hörten den Vortrag von Ibrahim Arslan. Foto: Thomas Nitsche

Witten.   Vor 25 Jahren setzten Neonazis das Haus von Ibrahim Arslan in Brand. In Witten beantwortete der junge Türke die Fragen der Schüler.

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In der Nacht zum 23. November 1992 setzten Neonazis in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein das Haus der türkischen Familie Arslan in Brand. Weil seine Großmutter ihn in nasse Tücher wickelte, überlebte der damals siebenjährige Ibrahim das Feuer. Seine Oma, Schwester und Cousine starben in den Flammen. Knapp 25 Jahre später leidet die Familie noch immer unter dem Anschlag, wie Ibrahim Arslan gestern vor rund 320 Wittener Schülern sagte: „Wir sind weiterhin traumatisiert.“

Arslan war auf Einladung der Schülervertreter der drei Gymnasien (Ruhr-, Schiller- und Albert Martmöller Gymnasium) in die Werkstadt gekommen. „Wir wollen warnen, wozu Hass führen kann“, sagt AMG-Schüler Kornelius Geier, der die Veranstaltung moderierte. „Das Ganze ist Teil des Projekts ,Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage’“.

Auf den richtigen Weg führen

Für die Neuntkässler begann der Morgen mit der Dokumentation „Nach dem Brand“. Der Film zeigt, wie das Leben der Familie Arslan nach dem Attentat weiterging – wie die Mutter von Ibrahim die Sprache verlor und er selbst an einem psychosomatischen Husten erkrankte. Im Anschluss an die Videovorführung durften die Schüler Ibrahim Arslan Fragen stellen. „Alle Fragen sind erwünscht – auch die unangenehmen“, sagte der junge Mann vorab. Sein Hauptanliegen sei es, den Jugendlichen seine Sicht auf das Geschehen zu verdeutlichen – die Perspektive des Opfers. „Oft sind es die Täter, deren Namen bekannt sind. Die Opfer kennt keiner.“ Das sei etwa auch bei den Verbrechen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds der Fall. „Meine größte Sehnsucht ist, dass die Menschen Solidarität mit den Opfern empfinden, mit uns. Damit solche Taten nicht mehr passieren“, sagt Ibrahim Arslan. „Wenn ich dazu beitragen kann, dass jemand wieder auf den richtigen Weg zurückfindet, auch wenn es nur ein Einziger ist, dann macht mich das glücklich.“

Im Januar sei er schon einmal für ein Schülerprojekt in Witten gewesen. „Dort saß ein Junge mit Bomberjacke, Springerstiefeln und Glatze im Publikum“, sagt Arslan. „Später habe ich erfahren, dass ich explizit für diesen Schüler eingeladen wurde. Er stand der rechtsradikalen Szene nah.“ Nach seinem Vortrag sei der junge Mann zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, ihm zu helfen. „Heute sind wir über die sozialen Netzwerke befreundet und schreiben uns regelmäßig“, sagt Ibrahim Arslan.

Was er tun würde, wenn er den Tätern von damals auf der Straße begegnen würde? „Wahrscheinlich würde ich sie gar nicht erkennen“, sagt der junge Türke. „Wenn doch, bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht selbst zum Täter werden würde.“ Deswegen wolle er den Männern auch niemals über den Weg laufen. Dass das theoretisch jedoch möglich ist, weil die Attentäter inzwischen wieder auf freiem Fuß sind, kann Arslan schwer begreifen. „Wer aus Hass tötet, hat keine Freiheit verdient.“ Für die Zukunft wünsche er sich kein teures Auto und kein Haus – „ich wünsche mir nur, dass der Rassismus aufhört, auch der im Alltag.“ Den Schülern riet er gestern, sich selbst ehrlich im Spiegel zu betrachten und die eigenen Vorurteile bewusst zu machen. „Das ist ein guter Anfang.“

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