Historisches Fotorätsel

Als Pferde noch das Bier in Wittener Gaststätten brachten

Dieses Bild aus den 1970er Jahren in Witten zeigt nicht nur eine der letzten Bierlieferungen mit einem Pferdefuhrwerk, es erzählt auch ein ganzes Stück Annener Geschichte.

Dieses Bild aus den 1970er Jahren in Witten zeigt nicht nur eine der letzten Bierlieferungen mit einem Pferdefuhrwerk, es erzählt auch ein ganzes Stück Annener Geschichte.

Foto: Davide Bentivoglio

Witten.  Ein Pferdegespann der Kronen-Brauerei vor einer Wittener Gaststätte. Dieses Bild hat viele Erinnerungen geweckt – etwa an einen Banküberfall.

Das Bild mit der Pferdekutsche, unser historisches Fotorätsel der Woche, erzählt ein Stück Annener Geschichte: Die Pferde der Dortmunder Kronen-Brauerei stehen Anfang der 1970er Jahre vor der Gaststätte „Haus Wolfdorf“ an der Annenstraße 136. Das Gebäude wurde später abgerissen. An der Stelle entstand ein Neubau, in den 1979 die Volksbank einzog, daneben das Geschäft Foto Brinkmann. Viele unserer Leser haben die Straße und die Gebäude erkannt, aber niemand konnte sich an den Namen der ehemaligen Gaststätte erinnern. Dabei hatte sie eine lange Geschichte. Ihre Inhaber waren einst die Familie Eberhard, später Maulshagen.

Auf der andern Straßenseite (Hausnummer 137) kann man ein Schild erkennen. Es ist das Schild der Stadtbücherei Annen. Im selben Haus war auch das für Annen zuständige Standesamt untergebracht. Leserin Heike Ludwig weiß noch mehr: „In der Stadtbücherei habe ich meinen Lesehunger gestillt. Dort war auch das Gesundheitsamt Annen und links daneben die Volksbank. Rechts daneben war die Drogerie Brinkmann, in der ich Drogistin war. Ich kann mich an einen Raubüberfall auf der anderen Straßenseite erinnern. Jemand wollte eine Geldkassette zur Volksbank bringen und wurde mit Reizgas außer Gefecht gesetzt. Wir haben Erste Hilfe geleistet. Zwei Häuser hinter der Gaststätte war die Praxis von Dr. Korte und weiter oben links war Ostermann mit den gegenüberliegenden Spiegeln im Eingang, in denen man sich zigmal sehen konnte. Auf der anderen Straßenseite war ein kleiner Obst- und Gemüseladen und daneben eine Tankstelle. Die Schienen führten die Linie 12 zur Endhaltestelle am Bahnhof Nord.“

Auch Jutta Gerhardt erinnert sich daran, dass im gleichen Gebäude damals eine Nebenstelle des Gesundheitsamtes eingerichtet war, „wo unter anderem regelmäßig Mütterberatungen stattfanden, die ich mit meinen Söhnen besuchte. Heute steht dort ein Geschäfts-und Wohnhaus“. Denn auch dieses Gebäude wurde später durch einen Neubau ersetzt.

Die zwei Gebäude dahinter hingegen, die Hausnummern 129 und 131, stehen heute noch so gut wie unverändert an Ort und Stelle. „Rechts in dem markanten flachen Gebäude hinter dem weißen Auto befindet sich Optik Bongers“, schreibt uns dazu Christina Wildvang. Die auf dem Foto sichtbaren Gleise wurde herausgerissen, als 1982 die Straßenbahnlinie stillgelegt wurde.

Nach Angaben des damaligen Fotografen Davide Bentivoglio zeigt die Einmündung links im Hintergrund die Robert-Koch-Straße, im Vordergrund ist die Rudolf-König-Straße zu sehen. Hier an der Rudolf-König-Straße, praktisch an der Stelle, an der der Fotograf gestanden hat, war früher die Metzgerei Lipphaus. Diese gehörte zuvor Dietrich Schmitz, dessen Bruder Carl ebenfalls in Annen eine Metzgerei gründete und zwar an der Herdecker Straße. Carls Sohn Karl übernahm später die Metzgerei und führt sie bis zum Schluss im Dezember 1990. Die Adresse allerdings hatte sich inzwischen geändert. Aus der Herdecker Straße, die verlegt wurde, ist die Geschwister-Scholl-Straße geworden.

Doch wohin waren die Pferde unterwegs? Das hatten wir unsere Leser gefragt. „Sie haben die Bierfässer der Kronen-Brauerei aus Dortmund dort ausgeliefert“, schreibt etwa Michael Röder. Doch er weiß noch mehr: „Etwas weiter zurück war das Möbelhaus Ostermann. Der Giebel hinter der Kutsche gehörte zur Verwaltung der Wickmann-Werke. Hinter der Robert-Koch-Straße war früher die Ausweiche der Straßenbahn, hier wurde der Anhänger der Straßenbahn auf der Fahrt zur Endstelle, Witten-Annen Bahnhof Nord, abgekuppelt und auf der Rückfahrt nach Herbede wieder mitgenommen.“ In der alten Wickmann-Villa ist heute das Technische Rathaus untergebracht.

Und Manfred Schwandt schreibt: „Das Pferdefuhrwerk der Brauerei ist ganz sicher auch schon zu der damaligen Zeit noch eine besondere Attraktion gewesen, aber die Fracht auf dem Wagen bestand schon Anfang der 70er Jahren nicht mehr aus Holzfässern, wie früher üblich, sondern es handelte sich schon um moderne Aluminiumgebinde. Eine Reminiszenz an die ständig fortschreitende Technik.“

Auf ein besonderes Detail weisen Thomas Specht und Manfred Schwandt hin: Die Telefonzelle rechts im Bild. „Diese ist schon seit vielen Jahren aus dem aktuellen Stadtbild verschwunden“, so Schwandt.

Alois Schmidt teilt mit der Straße ganz besondere Erinnerungen: „Anfang April 1947 habe ich als 14 Jahre alter Lehrling die Ausbildung bei der Stadtverwaltung aufgenommen und zwar in der Verwaltungsstelle Annen. Diese befand sich in dem abgebildeten Gebäude mit dem Schild „Stadtbücherei“. 1947 gab es ja noch Lebensmittelmarken. Jeden Arbeitstag, damals auch samstags, mussten zwei Lehrlinge eine große Kiste mit den Marken aus dem Tresor der Sparkasse Annen holen und nachmittags dorthin zurückbringen. Und zwar immer unter uniformierter, bewaffneter Polizeibegleitung.

Jede Woche gab es für die Lebensmittelgeschäfte Aufrufpläne über die jeweils zugeteilten Lebensmittel. Diese Pläne musste ich vom Bundesverlag in Bommern abholen. Sie wurden von den Händlern in der Verwaltungsstelle erwartet, weil sie dann wussten, welche Lebensmittel und in welcher Menge sie an die Kunden herausgeben durften.

Ich persönlich war an diesen Aufrufplänen auch sehr interessiert. In der Nähe befand sich nämlich das Kino „Zentral“, dort ist heute der Baptisten-Gemeindesaal. Filmvorführer war der ortsbekannte Willi Zacher aus dem Ardey. Dieser legte auf die Aufrufpläne großen Wert. Weil ich ihm jede Woche sofort einen dieser Pläne brachte, durfte ich mir nachmittags kostenlos die Filme, auch die besonders interessanten, aber nicht jugendfreien, ansehen. Das hätte ich mir mit monatlich 25 (!) Mark Lehrgeld sonst nicht leisten können. Leider war dieser Vorteil nach sechs Monaten zu Ende, weil die Verwaltungslehrlinge jedes halbe Jahr planmäßig in ein anderes Stadtamt versetzt wurden.

Übrigens konnte ich in jenen Wochen beobachten, dass in einem in der Nähe an der Annenstraße stehenden alten Bruchsteinhaus der Kaufmann Fredi Ostermann ein Möbelgeschäft mit einem einzigen Schaufenster (!) eröffnete. Heute befindet sich dort der Parkplatz neben der Hauptverwaltung der Ostermann-Gruppe. Ich kann mich noch gut an die Person des Gründers dieses kleinen Geschäftes erinnern, das er – und nach seinem frühen tödlichen Badeunfall – seine Kinder zum heute deutschlandweit bekannten riesigen Möbelhaus entwickelten.“

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