Kommunalpolitik

„Es gab keine Schonfrist“

Bürgermeister Bernd Romanski zieht eine erste Bilanz nach 100 Tagen im  Amt.

Bürgermeister Bernd Romanski zieht eine erste Bilanz nach 100 Tagen im Amt.

Foto: FUNKE Foto Services

Hamminkeln.   Seit 100 Tagen ist er nun Hamminkelns Bürgermeister. Im Interview spricht Bernd Romanski über Herausforderungen, Fehler und die Eigenarten von Politik und Verwaltung

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Vor genau 100 Tagen trat er als erster Sozialdemokrat das Amt des Bürgermeisters in Hamminkeln an. Auch wenn er damit noch ganz am Anfang seiner Arbeit steht, zieht Bernd Romanski im Gespräch mit Philipp Ortmann eine erste Bilanz.

Glauben Sie, dass sich Ihre Kritiker schon warmlaufen, weil sie auf das Ende ihrer Schonzeit gewartet haben?
Soweit man als Bürgermeister tatsächlich glaubt, dass man eine Schonfrist hat... Also hat es keine gegeben.
Nein. Ich habe meinen ersten Tag noch gut vor Augen. Am 21. Oktober sind wir morgens vor der Ratssitzung mit einer Verwaltungsvorstandssitzung gestartet, in der deutlich wurde, dass aufgrund der unklaren Zuteilung der Flüchtlinge keine Vorausplanung existiert. Meine Antwort lautete: „Ich glaube nicht, dass das reicht.“ Wenige Tage später hatten wir die Sondersitzung.

Wie hat sich Ihr Leben verändert?
(lacht auf) Stark. Der Vorteil ist jetzt, dass ich mittags nach Hause fahren kann. Das macht auch was aus. Völlig anders ist, dass meine vorherige Tätigkeit komplett unterm Radar lief. Ich bin zum Bäcker gegangen, ich konnte zum Markt gehen, ich war nur einer im Ort, der irgendwo bei Hochtief arbeitet. Das war für viele irrelevant.

Und jetzt?
Kann ich weder zum Bäcker noch zum Markt noch sonst wo hingehen, ohne dass Bürger mich auf Themen ansprechen. Der zweite Aspekt: Ich habe immer großen Wert darauf gelegt,dass das Wochenende für die Familie zur Verfügung stand. Das ist nicht mehr gegeben.

Wie viele freie Tage hatten Sie bislang?
Wenn ich die Weihnachtstage nicht mitzähle, hatte ich einen Sonntag frei.

Was sagt Ihre Familie dazu?
Meine Frau zieht extrem gut mit und geht auch mit zu Konzerten oder zu anderen Veranstaltungen. Das ist sehr, sehr angenehm. Für uns beide. Meine Mutter beklagt sich schonmal hier und da, dass ich deutlich weniger Zeit habe, was auch stimmt. Da antworte ich ihr aber immer: „Du wolltest ja unbedingt, dass ich kandidiere, da musst du jetzt den Preis mitbezahlen.“ (lacht)

War Ihnen bewusst, was auf Sie zukommt, als sie Ihr Amt antraten?
Nein! An vielen Stellen kann man ja sehen, dass die Aufgaben der letzten Wochen und Monate exorbitant gestiegen sind und ich glaube, dass niemandem sowohl im Wahlkampf als auch nach der Wahl bis zum Amtsantritt klar war, was wirklich auf einen zukommt.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Vor allem die Anforderungen der Flüchtlingssituation. Darauf kann man sich auch kaum einstellen. Aber es ist eine Herausforderung, bei der man zeigen muss, dass man managen kann, dass man handlungsfähig ist und dass man Ideen hat, wie man solche Probleme löst.

Haben Sie in diesem Punkt einen Wunsch in Richtung Berlin?
Eine klare Linie mit Bestand. Wir haben die Genfer Flüchtlingskonvention, wir haben ein Grundrecht auf Asyl, wir haben die Dublin-Verträge. Jetzt kann es nur noch darum gehen, wie diejenigen, die die Asylbewerber aufnehmen müssen, finanziell ausgestattet werden. Kann Herr Schäuble die schwarze Null halten? Mir wäre morgens beinahe die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, als ich gelesen habe, dass wir 12 Milliarden Mehreinnahmen haben. Und in Hamminkeln bleiben wir in diesem Jahr auf sieben Millionen sitzen. Das ist ein Witz!
Den Rest lösen wir schon, und die Hilfsbereitschaft der Menschen ist auch riesengroß. Aber wenn ich anfangen muss, Schwimmbäder zu schließen oder anderes zu kürzen, dann haben wir ein Problem.

Wie groß ist hier die Gefahr, dass Sie Schwimmbäder schließen müssen?
Hier nicht! Ich werde bis zu meinem letzten Blutstropfen darum kämpfen, dass das nicht passiert. Aber in großen Städten? Andererseits muss man jetzt mal sehen, wie sich Parameter verschieben.

Inwiefern?
Die Landesregierung hat das Ziel verfolgt, weg vom Land und hinein in die Stadt zu gehen. Das kann man gar nicht mehr durchhalten. Wir haben hier Schulen und Kindergärten geschlossen. Und jetzt denken wir darüber nach, wie wir sie wieder öffnen. Das kann man auch als Chance sehen. Eben weil wir eine demografische Entwicklung hatten, bei der man in 15 Jahren den Schlüssel hätte umdrehen können. Jetzt haben wir die einmalige Gelegenheit, dieser Bewegung entgegenzuwirken. Man muss Ideen entwickeln, wie man die Menschen abholt und integriert. Dann ist auch Kultur keine Diskussion mehr. Die Chance muss man nur ergreifen wollen. Und die kriege ich nicht durch Zögern und Hadern, Schlechtreden und Polemisieren hin. Da muss ich mich mal grade hinstellen. Wann haben Sie sich im Amt das letzte Mal so richtig geärgert?
Noch nie.

Aber die Faust in der Tasche haben Sie schon gemacht...
Nein, warum?

Einige Punkte gibt es ja, die nicht gut gelaufen sind...
Fehler passieren. Immer. Die Frage ist, was man daraus lernt und was man tut, um sie abzustellen.

Wie sieht das bei der Grünschnittannahme aus?
Fehler passieren, Fehler müssen abgestellt werden.

Und wie werden sie abgestellt?
Die Frage ist ja, was an der Grünschnittannahme aktuell für den Bürger falsch gelaufen ist. Der Bürger hat seine Zeiten. Er kommt hin, da sind Leute, er kann seinen Grünschnitt abladen, alles wunderbar. Große Staus auf der Güterstraße oder der Hamminkelner Straße sind nicht erkennbar. Das ganze System wird überwiegend positiv aufgenommen. Für die Bürger, sage ich, ist beim Grünschnitt gar nichts falsch gelaufen. Läuft doch.

Solange die Bürger nicht mehr zahlen müssen.
Genau.

Wie wird dafür gesorgt?
Das müssen wir uns in Ruhe überlegen. Die Arbeitsgruppe Abfall beschäftigt sich damit. Man muss sich sachlich die Fakten anschauen. Meiner Meinung nach ist die Grünschnittzentralisierung nicht die Super-Lösung. Das habe ich im Wahlkampf auch betont. Aber die Verwaltung hat damals Vorschläge gemacht, die Politik ist mitgegangen. Dann gehört es auch dazu, dem ganzen eine Chance zu geben.

In der Wirtschaft haben Sie die Entscheidung getroffen. Jetzt müssen Sie warten, dass andere darüber abstimmen, was gemacht werden kann. Wie schwierig ist das für Sie?
Wo mache ich das jetzt? (lacht)

Sie sind offenkundig auf den Rat angewiesen, anders wären die Dinge gar nicht umsetzbar...
Selbstverständlich trifft der Rat die politische Entscheidung. Auf Anregung der Verwaltung. Und an der Stelle kommt es auf die Kommunikation an. Wenn die Politik in Sachen Grünschnitt sagt, wir gehen zurück auf Null, dann gehen wir zurück. Da hängt mein Herz nicht dran.

Woran hängt denn Ihr Herz?
Daran, dass es in der Verwaltung vernünftig funktioniert. Und dass es für die Stadt auf Dauer einen Mehrwert bringt.

An welchen Punkten müssen Sie arbeiten, damit der Mehrwert in Hamminkeln auch sichtbar wird?
Wir müssen Prozesse verbessern.


Zum Beispiel?
Ich habe zwei Beispiele. Bei Bauthemen habe ich es unter Umständen mit drei verschiedenen Stellen zu tun. Wenn ein Bürger dann eine Rückfrage hat, muss er sich erst durchfragen, bis er denjenigen findet, der seine Akte auf dem Tisch liegen hat. Die Zuständigkeiten sind nicht klar geregelt, was ich für einen schlechten Vorgang halte. Ob wir das über Fachdienste hinweg ändern können, müssen wir sehen.

Und das zweite Beispiel?
Thema Flüchtlinge. Wer hat hier in der Verwaltung den Gesamtblick? Unterbringung, Koordination Flüchtlingshilfe, Sozialamt, Kontakt zur Tafel ist die eine Geschichte. Aber wer kümmert sich um die Kindergartenplätze, wer fasst zusammen, welche Kinder wann in den Kindergarten müssen, wer kann aus dem, was wir heute haben, hochrechnen, ableiten und sagen, was auf die Schulen zukommt?

Das heißt, Sie müssen eine neue Stelle schaffen?
Das würde ich nicht sagen. Die Frage ist, wer für welches Thema die Verantwortung übernimmt. Wer setzt sich den ganzheitlichen Hut auf? Übergreifend über drei Verwaltungsvorstandbereiche und acht Fachdienste hinweg. Wer ist in der Lage, dieses ganze Thema so zu betrachten, dass ich sofort auf dem neuesten Stand bin. „Thema Flüchtlinge, wo sind wir?“ Einer muss zu einem Thema alles wissen!

Haben Sie schon schlaflose Nächte gehabt?
Nein.

Ganz entspannt also.
Ich komme jeden Tag gerne hier hin. Mir macht das unheimlich viel Spaß. Das ist für mich genau das, was ich wollte. Neue Leute, neue Horizonte, neue Herausforderungen, neue Gestaltungsmöglichkeiten. Das habe ich hier gefunden.

Was haben Sie in den ersten 100 Tagen dazugelernt?
Dass im gesamten Umfeld, auch in der Politik, sehr oft nicht diskutiert wird, um ein Ziel zu erreichen, sondern um zu diskutieren.

Herr Bürgermeister, vielen Dank für das Gespräch!

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