Zeitgeschichte

Wattenscheider erinnert sich an Einschulung im Jahr 1945

Für 603 Kinder beginnt in diesen Tagen in Wattenscheid der sprichwörtliche Ernst des Lebens: Sie gehen in die erste Klasse.

Für 603 Kinder beginnt in diesen Tagen in Wattenscheid der sprichwörtliche Ernst des Lebens: Sie gehen in die erste Klasse.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Wattenscheid.  Als Heimatforscher Gregor Heinrichs eingeschult wurde, war gerade der Krieg zu Ende. In der Nacht zuvor wurde seine Familie überfallen.

Bunte Schultüten, aufgeregte Kinder, fröhlich winkende Eltern: Wenn WAZ-Leser Gregor Heinrichs in diesen Tagen dem emsigen Treiben an den Grundschulen zuschaut, dann muss er oft an seine eigene Einschulung denken. Denn was ihm und seiner Familie damals passierte, das wird der Wattenscheider Heimatforscher, zweiter Vorsitzender des Heimatgeschichtskreises Eiberg, nie vergessen. „Das war kein schöner erster Schultag“, sagt er.

Es war der 2. November 1945. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in den noch einigermaßen benutzbaren Gebäuden nach längerer Zeit der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Heinrichs sollte in die katholische Volksschule am Schultenweg in Eiberg gehen, wo heute die Freiwillige Feuerwehr beheimatet ist. „Auf die Schule freute ich mich sehr, auch wenn es noch keine Schultüten gab“, erzählt er. „Ich hatte schon einen gebrauchten kleinen Tornister und eine alte Tafel.“ Auch seinen jüngeren Geschwistern habe er zeigen wollen, wer von ihnen jetzt „der Große“ ist.

Überfall im eigenen Haus

Doch in der Nacht zuvor geschah ihm und seiner Familie großes Unglück: „Wir wurden von befreiten osteuropäischen Kriegsgefangenen überfallen“, sagt er. Denn obwohl der Krieg schon seit Mai vorbei war, hätten viele der ehemaligen Gefangenen den Weg nach Hause nicht angetreten, weil der russische Diktator Stalin damit gedroht habe, sie direkt ins Gefängnis zu stecken. „Meine Mutter, meine Tante und wir drei Geschwister wurden von den Männern oben im Zimmer eingesperrt. Zwei von ihnen hatten Gewehre bei sich.“ Sein Großvater sei dann gezwungen worden, den Tresor zu öffnen: „Darin war auch etwas Reichsmark, die nach dem Krieg nichts mehr wert war. Vor allem waren darin Dokumente aus der Familiengeschichte.“

Aus Furcht um sein Leben öffnete der Großvater den Tresor: „Er erzählte uns später, dass alles mitgenommen wurde und dass man ihn erschießen wollte.“ Auch die Kinder waren voller Panik: „In dem benachbarten Zimmer und über uns auf dem Dachboden hörten wir Gepolter.“ Die Männer plünderten noch den Kleiderschrank, ehe sie weiterzogen. „Wir Kinder gingen dann starr vor Angst in unsere Betten.“

Panik in der ersten Schulstunde

Am nächsten Morgen stand der erste Schultag an: Seine Mutter begleitete Heinrichs in die Schule. „Die Klasse war voll. Auch viele ältere Kinder waren da, die wegen des Krieges vorher nicht in die Schule gehen konnten.“ Alle saßen brav in ihren Schulreihen, doch Heinrichs konnte die Ereignisse der vorherigen Nacht nicht vergessen. „Ich wollte jetzt bei meiner Mama bleiben. Ich bekam Panik, stürzte vor die Tür und schlug mit Fäusten und Füßen wild dagegen. Das war also mein lang ersehnter erster Schultag.“

Für 603 Kinder begann in diesem Jahr in Wattenscheid der Ernst des Lebens. Damit sie nie vergessen, welch Glück es ist, in Frieden und Freiheit zur Schule zu gehen, möchte Heinrichs seine eigenen Kindheitserinnerungen weiter tragen.

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