Auf eine Tasse Kaffee:

„Wattenscheid gehört stärker in den Fokus gerückt“

Elke Sellenmerten pflegte ihre Stammkundschaft und passte laufend das Angebot im Geschäft an der Oststraße an deren Wünsche an.

Foto: Gero Helm

Elke Sellenmerten pflegte ihre Stammkundschaft und passte laufend das Angebot im Geschäft an der Oststraße an deren Wünsche an. Foto: Gero Helm

wattenscheid.   Ein ganzes Berufsleben im Einzelhandel: Elke Sellenmerten schließt ihr Textilgeschäft an der Oststraße. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

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Eigentlich ist das Angebot von ES Companies in der Oststraße aus Wattenscheid nicht mehr wegzudenken. Elke Sellenmerten (68) führte ihren textilen Einzelhandel aller Unkenrufe zum Trotz bis heute sehr erfolgreich. In einem Umfeld und in einer Zeit, in der viele Geschäftsleute zur Aufgabe gezwungen werden. Auf eine Tasse Kaffee trafen sich Geschäftsfrau Elke Sellenmerten und WAZ-Mitarbeiter Norbert Philipp im Ladenlokal.

Sie verbrachten Ihr gesamtes Berufsleben im textilen Einzelhandel?

Elke Sellenmerten: Ja, nach dem Abitur am mittlerweile geschlossenen „Neusprachlichen Mädchengymnasium Freiherr vom Stein“ in Bochum absolvierte ich eine Trainee-Ausbildung bei Quelle im Ruhrpark, bevor ich zehn Jahre bei Hettlage tätig war. Später war ich Einkäuferin bei Sinn und wurde dort die erste weibliche Geschäftsführerin. Wir hatten damals traumhafte Arbeitsbedingungen, hohe Kundenfrequenzen, allerdings ja auch ohne Internetkonkurrenten. 28 Jahre arbeitete ich für Sinn.

Wann entschlossen Sie sich zur Selbstständigkeit?

Fusionen und Zentralisierungen bei Sinn Leffers brachten mich vor zehn Jahren dazu, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen.

Und Sie sind mit Ihrer Firma nach Wattenscheid gekommen.

Das war Zufall. Ich suchte für mein Konzept ein Ladenlokal von ungefähr 200 qm. In ganz NRW habe ich Mittelstädte besucht und überprüft. Ich wählte Wattenscheid, weil hier in der Oststraße eine passende Immobilie zu mieten war.

Welches Konzept verfolgten Sie?

Ich bin Partnerin der CBR Fashion Group geworden, mit einem Multilabelkonzept. Verschiedene Marken werden in einem Store angeboten. Das war und ist ein erfolgreiches Konzept.

Was macht Ihren Erfolg aus?

Erstens ein genaue Kenntnis der vor Ort vorhandenen Kundschaft und deren Bedürfnisse. Zweitens das Angebot haargenau auf die örtliche Kundschaft abzustellen. Durch das CBR-Konzept konnte dies immer bei Bedarf schnell angepasst werden. Drittens die direkte Stammkundenpflege mit beispielsweise besonderen Angeboten. Viertens täglich die persönliche Ansprechpartnerin meiner Kundinnen zu sein.

Zum Ende des Jahres gehen Sie in den Ruhestand. Wer tritt Ihre Nachfolge an?

Bis jetzt niemand. Trotz intensiver persönlicher Bemühungen und Hilfe durch die IHK habe ich keinen Nachfolger gefunden. Der Standort Wattenscheid wird schlecht geredet. Vermutlich ist deshalb niemand bereit, hier zu investieren. Schon damals, vor zehn Jahren, fragte mich die Sachbearbeitung meiner finanzierenden Bank: „Was? In Wattenscheid wollen Sie ein Geschäft aufmachen?“ Wie es mit dem Laden weitergeht, kann ich Ihnen leider nicht sagen.

Wurden Sie vom Stadtteilbüro und der Werbegemeinschaft bei Ihrer Suche unterstützt?

Die Politik mit dem Programm „Soziale Stadt Wattenscheid“ enttäuscht mich. Die Wattenscheider Innenstadt gehört stärker in den Fokus der Aktivitäten. Hier müssen dringend Investoren gefunden und ein ordentliches Management installiert werden. Vom Stadtteilbüro habe ich noch niemanden kennengelernt. Ich dachte, es gehört zum Konzept, die Eigentümer der inhabergeführten Geschäfte aufzusuchen, sich vorzustellen, Bedürfnisse aufzunehmen und eine Zusammenarbeit anzubieten.

Was ist mit der Werbegemeinschaft? Dort waren Sie doch Mitglied im Vorstand.

Ich will mal so antworten: Mit sechs Richtigen im Lotto hätte ich Wattenscheid aufgemischt, hätte die notwendigen Gelder in die Hand genommen um die Innenstadt wieder ans Laufen zu bringen. In der Werbegemeinschaft wäre es unabdingbar, dass die Funktionsträger Eigeninteresse im Einzelhandel mitbringen, um die Bedürfnisse des Standorts zu vertreten. Nur mit branchenfremden Vertretern können sie nichts erreichen. Und genau so stellt sich die Situation auch dar.

Wie gestalten Sie Ihre zukünftige Lebenszeit?

Der Zeitdruck wird mir nicht fehlen, im Gegenteil. Hobbys zu pflegen war mir bei einer Sechstagewoche überhaupt nicht möglich. Endlich kann ich spontan sein und beispielsweise mit meinem zehnjährigen Enkel in den Urlaub fahren. Ich überlege auch noch, ein Studium aufzunehmen. Denn mich interessieren besonders die Klassiker, Philosophie, überhaupt die Geisteswissenschaften. Pferdesport will ich mehr treiben, das ist während meiner Berufstätigkeit viel zu kurz gekommen. Ach ja, meine Mitarbeiterinnen und ich werden einen Stammtisch gründen. So bleiben wir weiter miteinander in Kontakt.

Serie: „Auf eine Tasse Kaffee mit...“

In der Serie „Auf eine Tasse Kaffee/Tee mit...“ spricht die WAZ mit Wattenscheider Bürger/ innen und zeigt auf, was sie bewegt.

Diese Interview-Reihe bietet nicht nur Daten, Zahlen und Fakten über eine Person, sondern richtet den Fokus auf das Persönliche, das Menschliche.

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