Vertrauen als Baustein für Integration

Foto: Gero Helm

Latzhose und lange Haare: Das Klischee der Sozialarbeit aus den 1970er Jahren stimmt nicht mehr. Heute ist aus der „Sozialen Arbeit“ eine praxisorientierte Profession und anerkannte wissenschaftliche Disziplin geworden; z.B. leisten die Mitarbeiter einen unverzichtbaren Beitrag zu Integration und Chancengleichheit. Diplom-Sozialarbeiter Michael Boltner (56), verheiratet, ist einer von ihnen. Mit ihm traf sich WAZ-Mitarbeiter Norbert Philipp auf eine Tasse Kaffee in seinem Haus in der Südfeldmark.

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Latzhose und lange Haare: Das Klischee der Sozialarbeit aus den 1970er Jahren stimmt nicht mehr. Heute ist aus der „Sozialen Arbeit“ eine praxisorientierte Profession und anerkannte wissenschaftliche Disziplin geworden; z.B. leisten die Mitarbeiter einen unverzichtbaren Beitrag zu Integration und Chancengleichheit. Diplom-Sozialarbeiter Michael Boltner (56), verheiratet, ist einer von ihnen. Mit ihm traf sich WAZ-Mitarbeiter Norbert Philipp auf eine Tasse Kaffee in seinem Haus in der Südfeldmark.

Sie sind in Wattenscheid aufgewachsen. Wann war der erste Kontakt mit sozialen Projekten?

Boltner: Schon in meiner Schulzeit am Jungengymnasium, das heutige Märkische Gymnasium. In der Oberstufe interessierte mein Lehrer Rudolf Schäfer Schüler für soziale Projekte. Ab 1979 habe ich in der Schülerhilfe des SKFM Wattenscheid mitgearbeitet. Das war mein Einstieg in den sozialen Bereich.

Aus welchen Ländern stammten die Kinder damals?

Da existiert ein bedeutsamer Unterschied zu heute. Die Kinder kamen damals aus der Türkei, Italien oder aus Griechenland. Türkische Kinder sind auch heute noch dabei, aber eben auch Kinder aus den Flüchtlingsregionen der Welt.

Wie ging es weiter?

Bis 1986 habe ich bei der Wattenscheider Caritas mitgearbeitet. Die Ferienfreizeiten im belgischen Nieuwpoort waren ein gewichtiger Baustein des Angebots. Sehr bewusst habe ich mich schon bei der Ableistung meines Zivildienstes für einen evangelischen Träger entschieden. Seit August 1988 arbeite ich deshalb in der Evangelischen Kirchengemeinde Wattenscheid und dort im Ludwig-Steil-Haus, das Ende 2014 geschlossen wurde.

Dort führten Sie Ihre Schwerpunkte in der sozialen Arbeit fort?

Ja, die Flaggschiffe unter den Freizeitangeboten waren die Themenfreizeiten. Beispielsweise „Wir sitzen alle in einem Boot“. Mit diesem Sinnbild wurden im Rahmen der Freizeit biblische Motive erfahrbar gemacht. Die Kinder tauchten dafür im Jahr 2010 in Norddeutschland in das Leben der Wikinger ein.

Die WAZ berichtete damals von dieser Maßnahme. Kinder muslimischen und christlichen Glaubens feierten an jedem Morgen eine gemeinsame Andacht?

In unserer säkularisierten Welt steht der Glaube oft nicht mehr im Vordergrund. Die Eltern der Kinder wissen aber wer wir sind: eine evangelische Einrichtung. Ich glaube, das uns geschenkte Vertrauen resultiert aus der täglichen Erfahrung mit uns und unserer Lebenseinstellung. Sie spüren und erleben meine persönliche Entscheidung für Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Einstellung spiegelt sich in meinem Handeln.

Sie leiten Ihren Auftrag also aus der Bibel ab?

Ja, ich habe den diakonischen Auftrag angenommen an diejenigen zu denken, an die oft nicht gedacht wird. Ich möchte die persönliche Entwicklung der Kinder fördern, stärken, begleiten. Nur so funktioniert für mich Gemeinschaft. Was gibt es Schöneres, als in leuchtende Kinderaugen zu schauen?

Seit fast drei Jahren ist das Ludwig-Steil-Haus auch als Kinder- und Jugendzentrum geschlossen. Wie führen Sie Ihren Auftrag weiter?

Im Wichernhaus gibt es ein gutes Miteinander, sichtbar durch die gute Kooperation mit der Schulsozialarbeit an der Grundschule oder auch dem Günnigfelder Mittagstisch. Neben den Aktivitäten für Kinder nimmt der Beratungsbedarf für Eltern immer mehr zu. Aber, die Herausforderung alles zeitlich und organisatorisch zu zweit hinzukriegen ist, schon allein durch die weiteren Wege, sehr groß. Es gibt keine zentrale Anlaufstelle mehr.

Die Schließung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Ludwig-Steil-Haus wurde also kompensiert?

Für Günnigfeld ist der Zuwachs an Angeboten im sozialen Bereich sicher positiv. Die Lücke, durch die Aufgabe des Steilhauses entstanden, wurde bis heute nie geschlossen. Aber in meinem jetzt angebrochenen letzten „Arbeitsviertel“ hat sich mein Blick auf die Dinge verändert. Ich schaue intensiver auf das Hier und Jetzt, nicht auf die Vergangenheit oder eine mögliche Zukunft.

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