Boulevardkomödie

Präzises Sittenbild der schönen Zeit im alten Paris

Die Theatergruppe aus Günnigfeld hat die Komödie „Belle Epoque“ im Wichernhaus uraufgeführt. Foto:Gero Helm

Die Theatergruppe aus Günnigfeld hat die Komödie „Belle Epoque“ im Wichernhaus uraufgeführt. Foto:Gero Helm

  „Belle Époque“ feiert im Wichernhaus Premiere. Gernot Tornes entführt mit seinem ersten Theaterstück ins Paris des späten 19. Jahrhunderts.

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Im Foyer gibt’s diverse Quiches, Cidre und Rotwein, Baguettes warten auf Verzehr; die Flasche Pastis ist schon leer. Das Wichernhaus steht an diesem Abend ganz unter französischer Herrschaft – und die etwa 100 Besucher lassen sich die Kuratel ganz gern gefallen: Schließlich erwartet sie mit „Belle Époque“ ein Ausflug ins Paris des späten 19. Jahrhunderts.

Keine polternde Komödie

Nach Montmartre. Ach, Montmartre! Gauguin, Degas, Van Gogh. Und natürlich Henri de Toulouse-Lautrec. Der wird in den nun folgenden zweieinhalb Stunden noch eine wichtige Rolle spielen.

Um es gleich zu sagen: Theaterveteran Gernot Tornes hat mit „Belle Époque“, seinem ersten Theaterstück, keine polternde Boulevardkomödie geschrieben. Klar, die Türen gehen auf und zu, die acht Darsteller geben sich die Klinken in die Hand. Aber es geht bei weitem nicht so hektisch zu, wie man es vom volksnahen Schwank gewohnt ist.

Präzises Sittenbild dieser Zeit

Vielmehr liefert er für die Theatergruppe der ev. Kirchengemeinde Günnigfeld ein ziemlich präzises Sittenbild dieser schönen Zeit – die auch nur im Rückblick so schön war. Angesiedelt hat er sein Stück, bei dem er auch Regie führt, in Montmartre, im Jahr der Handlung 1895 ein eher ärmlicher Bezirk, der daher viele junge Künstler anzog.

Hauch von Kunstkrimi

Hier lebt der junge Maler Antoine Fouquet (Mike Wilbert); sein Atelier, in dem er auch wohnt, teilt er sich mit anderen Gästen, darunter der Kriegsveteran Victor Villon, gespielt von Tornes selbst. Der Kleinganove Pierre Boulot (Charlotte Tornes) geriert sich als Antoines Freund, will ihn überreden, seine Werke als die von Toulouse-Lautrec zu verhökern. Ein leiser Hauch von Kunstkrimi. Denn eine zielgerichtete Handlung gibt es eigentlich gar nicht, es gibt auch nur wenige Lacher und überhaupt keine Schenkelklopfer. Und genau das ist das Schöne an dieser „Belle Époque“. Mit viel Zeitkolorit, einer hervorragenden Bühne und authentischen Kostümen entwirft Tornes ein Bild der Zeit, greift Befindlichkeiten, Hoffnungen und Ängste auf. Der einzige „Running Gag“ ist die Weinselig- und Schwerhörigkeit von Kriegsveteran Villon: „Toulouse Lautrec!“ – „Wie? Du musst wieder weg?“

Alle Darsteller spielen versiert und mit Herz

Alle acht Darsteller spielen mit Herz und doch versiert; textsicher in einem sprachstarken Stück sind sie auch. Hervorzuheben ist keiner, es gibt auch keinen wirklichen Hauptdarsteller, auch wenn ein junger, fast mittelloser Maler naturgemäß der Sympathieträger ist.

Zu Beginn läuft Mike Wilbert, der den Antoine spielt, durch den Saal, hängt einige seiner Bilder ab, und verkündet, das Stück werde mit 15-minütiger Verspätung starten, da der Zirkus Lollipop auf dem gegenüberliegenden Max-König-Platz noch spiele. Der fand aber auch eine Viertelstunde später kein Ende und war dieser Premiere mit seinem Lärmpegel nicht förderlich – aber auch nicht allzu abträglich.

Der Bau der Basilika Sacre Coeur, der gerade fertig gewordene Eiffelturm, die Nachwehen des Deutsch-Französisches Kriegs von 1870/1871 – der frankophile Tornes kennt sich gut aus und was er nicht weiß, hat er recherchiert.


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Nur mit der Eröffnung des Vergnügungslokals „Moulin Rouge“ hat er sich um sechs Jahre vertan. Aber die Erbsen sollen andere zählen. Die Rue Veron, in der das Stück spielt, gibt es tatsächlich.

Ein feines Stück ist Tornes da gelungen. Straffungen täten ihm gut. Doch so ist das mit den meisten Boulevardkomödien; sie sind schlicht zu lang. Starker Applaus.

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