Depressionen

Notfallkarte soll Lebensmüden wie ein Rettungsanker sein

Chefarzt Dr. Jürgen Höffler (MLK), Sabine Schemmann (Bündnis-Vorsitzende) und Prof. Georg Juckel (Ärztlicher Direktor LWL-Klinik Bochum)präsentieren die Notfallkarte – hier im Großformat.

Foto: Gero Helm

Chefarzt Dr. Jürgen Höffler (MLK), Sabine Schemmann (Bündnis-Vorsitzende) und Prof. Georg Juckel (Ärztlicher Direktor LWL-Klinik Bochum)präsentieren die Notfallkarte – hier im Großformat. Foto: Gero Helm

  Zahl der suizidgefährdeten Menschen steigt. Bochumer Bündnis gegen Depression gibt Betroffenen jederzeit erreichbare Telefonnummern an die Hand.

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Zweistellig ist die Zahl der Menschen mit Selbstmordabsichten, die pro Woche die Psychiatrie des Martin-Luther-Krankenhauses (MLK) aufsuchen. Ein bis fünf Menschen pro Woche haben bereits einen Selbstmordversuch unternommen und werden stationär behandelt. So sagt es Chefarzt Dr. Jürgen Höffler für das MLK. Ähnliche Zahlen Verzweifelter nennt der Ärztlicher Direktor des LWL-Uni-Klinikums Bochum, Prof. Dr. Georg Juckel. Er bestätigt: „Die Zahl der lebensmüden Menschen steigt.“

„Notfallkarte“ als ständiger Begleiter

Das Bochumer Bündnis gegen Depression hat eine „Notfallkarte“ aufgelegt, die Suizidgefährdeten oder Menschen, die bereits einen Selbstmordversuch hinter sich haben, als ständiger Begleiter dienen soll. Auf dieser Karte, Visitenkartenformat, sind in großen roten Ziffern die Telefonnummern des MLK (in Wattenscheid) und der LWL-Klinik (in Bochum) verzeichnet und vor allem die der Telefonseelsorge.

Ausgehändigt wird diese Notfallkarte nur von den Kliniken. Höffler: „Die Karte vergeben wir etwa nach therapeutischen Gesprächen mit den Patienten. Sie liegt nicht einfach aus wie ein Werbe-Flyer.“

Anzahl steigt

Die Zahl der Menschen, die unter Depressionen leiden, nimmt stark zu. Höffler und Juckel sowie Sabine Schemmann, Vorsitzende des Bündnisses gegen Depression, sind davon überzeugt, dass diese Karte lebensrettend sein kann. Sabine Schemmann: „Im richtigen Moment hat der Betroffene die richtige Telefonnummer zur Hand und findet am anderen Ende auf jeden Fall einen Menschen, der zuhört, Zeit hat, sich um den Betroffenen kümmert.“

Bochumer Bündnis gegen Depression

Das Bochumer Bündnis hat die Idee vom Bündnis Leipzig übernommen. Dort, so sagen Höffler, Juckel und Schemmann, „wurden sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Betroffenen haben das Kärtchen genutzt, die Rufnummern gewählt und Hilfe gefunden“. Die Experten sind überzeugt, dass diese griffbereiten Telefonnummern einen wichtigen psychologischen Effekt haben und vermitteln: „Ich kann anrufen.“

Kein Ersatz

für Behandlung

Dass die Notfallkarte keine Behandlung ersetzt, verstehe sich von selbst. Aber sie könne unterstützend wirken wie ein Rettungsanker, Sicherheit geben. Dass diese einfach Maßnahme greifen kann, zeige eine Studie aus England. Ergebnis sei, dass bereits die Ausgabe der Notfallnummern und die Sicherheit, im Krisenfall Unterstützung zu erhalten, eine wichtige Präventivfunktion erfülle.

Telefonseelsorge ist eine wichtige Institution

Zum Bündnis in Bochum, 2009 gegründet, haben sich Fachkliniken, Telefonseelsorge, Sozialpsychiatrische Dienste der Stadt und Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen, um gemeinsam Menschen mit Depressionen zu helfen. Höffler: „Die Zahl derer, die wegen starken Depressionen zu uns ins MLK kommen, steigt zunehmend.“

Leistungsdruck, Trennungen, Verluste, Drogenkonsum

Gründe dafür sind Leistungsdruck, etwa im Arbeitsleben, Stress, Trennungen, Verluste oder Verlustängste und auch Alkohol- und Drogenkonsum. Höffler und Juckel (LWL) wissen: „Viele Menschen können ihren Alltag nicht mehr bewältigen und glauben, ihrem Leben ein Ende setzen zu müssen.“

„Für diese Menschen haben wir immer Betten frei“

Und wenn ein Lebensüberdrüssiger nachts das Martin-Luther-Krankenhaus, das LWL-Klinikum oder andere Häuser aufsucht, weil ihn Suizidgedanken quälen? Höffler und Juckel unisono: „Für diese Menschen haben wir immer Betten frei.“

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